Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-12 · Heft 24 (12.6.1877) · p. Seite 381

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 24 (12.6.1877)
Date
1877-06-12
Page
Seite 381 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227148--35425-3305384
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

381 Schulbesuch aufzumuntern. — Eine Hauptsorge des Vereins ist die Anhäufung der Juden, besonders der armen in dem ungesunden Ghetto zu vermindern, was auch auf Bildung und Sitte einen wesentlichen Einfluß üben würde. Man will sich daher bemühen, daß die vom Staate in Aussicht genonimenen Arbeiten am Tiber vorzugsweise am Ghetto beginnen sollen. Dadurch müffen viele Hauser desselben niedergeriffen werden und rer übrige Theil wird gesund und geräumig. Jnsonders beschäftigt sich auch der Verein mit der Beseitigung des Hausirens, und hat eine Commission ernannt, welche die Mittel zu berathen hat, durch die eine Verbesserung bewirkt werden könnte. Rumänien. Wien, 29. Mai. (Privatmitth.) Die Frage wird von Manchem aufgeworfen: wirb die Lage der Juden in Rumänien nach dem jetzt entbrannten Kriege, wenn er für Rumänien günstig ober doch ohne Schaden beendet sein wird, sich bester gestalten? Wie bereits mehrfach in den öffentlichen Blättern milgetheilt worden, finden gegenwärtig bei den rumänischen Juden Sammlungen zum Besten verwundeter rumänischer Soldaten statt und mit bestem Erfolge. Ueberhaupt bethäligen unsre dortigen Glaubensgenossen bei jeder sich darbietenden Gelegenheit ihren aufrichtigen Patriotismus. Denn solcher lebt unverwüstlich aller Orten in den jüdischen Herzen, und die Liebe zu ihrer Heimath überwindet selbst die bittersten Empfindungen. Es schmerzt uns jedoch sehr, unsre Ueberzeugung dahin aussprechen zu müssen, daß die oben aufgeworfene Frage zu verneinen ist. In die gehässige Gesinnung gegen die Juden haben sich die Führer des rumänischen Volkes zu sehr verrannt, als daß eine Aenderung zu hoffen wäre. Ihr leidenschaftlicher Charakter verblendet sie so sehr, daß sie sogar Alles, was ihnen gegnerisch erscheint, den Juden in die Schuhe schieben. Eine Thatsache liegt uns vor. Die hiesige „Neue freie Presse" gehört zu den eifrigen Vertheidigern der türkischen Sache, und sieht in der Bekämpfung der Türkei eine Gefahr für den österreichischen Staat. Sie läßt sich daher auch über die neuesten Evolutionen in Rumänien heftig aus, um so mehr da sie auch für dieses Land selbst in denselben kein Heil erblickt. Anerkennen wollen wir auch hierbei, daß sich das genannte Blatt stets der rumänischen Juden gegen ihre Hetzer und Verfolger auf's Kräftigste angenommen har. Dafür erhält sie Massen von Schmähbriefen und als ein Muster dieser Art giebt sie in ihrem Abendblatt vom 25. Mai ihren Lesern einen solchen zum Besten. Er ist aus Jassy vom l3. Mai datirt und unterschrieben: Eug. N. Ghika. Der Briefsteller giebt vor, zu meinen, oder meint wirklich, daß die Redacteure dieser Zeitung Juden seien. Nunmehr wimmelt der Brief von Schmähungen gegen die Juden in der gemeinsten Weise, von der niederträchtigsten Art,' die nur mit Lästerungen Oesterreichs abwechseln. Haben die älteren Machthaber in Rumänien ihre Feindseligkeit gegen die Juden bereits übermäßig kundgegeben, so liegt uns hier ein Document aus den jüngeren, vornehmen, sg. gebildeten Kreisen vor, und zerstört so jede Hoffnung auf eine Bessergestaltung. —. Als eine Illustration zu obiger Eorresponden; theilen wir eine Zuschrift aus Jassy vom 22. Mai mit: Herr R e d a c t e u r! Dieser Tage hat sich in I a s s y ein aristokratisches Damencomitv zur Unterstützung verwundeter rumänischer Soldaten constituirr, dessen Protectorat die Fürstin Rumäniens übernahm. Geldbeiträge wurden von Rumänen und Juden — landesüblicher Gegensatz, entgegengenommen, ja sogar öffentlich auf den Straßen gesammelt. Nun sollte man denken, daß große Summen einem solchen patriotisch-humanitären Zwecke zufließen würden. Nichtsdestoweniger beziffert sich die bisher gesammelte Summe blos auf einige tausend Francs. Interessant ist hierbei der Umstand, daß, trotzdem man den hiesigen Israeliten Indifferenz in allen Dingen, welche das Land angehen, zuschreibt und trotzdem die hiesige Aristokratie auch nicht eine einzige jüdische Dame rer Ausnahme in das Comitv für würdig erachtet hat, die hiesigen Israeliten cennoch einen recht großen Theil des Geldes zu obigem Zwecke beigesteuert haben. Ja, noch mehr; auf Initiative einiger jüd. Notablen hat sich zu gleichem Zwecke ein israel. Centralcomitö gebildet, das auf den ersten Aufruf sogleich 9000 Francs aufgebracht hat und mit Unterstützung der israelitischen Damen bald in der Lage sein wird, große Ouantitäten von Charpie und sonstigem Verbandmaterial auf den Kampfplatz abzuschicken. Man sollte nun glauben, daß diese humanitäre Kundgebung bei der Bevölkerung Anklang finden und gewürdigt werden wird; genau das Gegentheil ist der Fall. Die Journale sowohl als viele Rumänen, welche den Eifer und die erzielten Erfolge des israelitischen Comitös mit Mißgunst ansehen, ziehen weidlich gegen die Juden los und schieben denselben die schmutzigsten Motive in die Schuhe. Das Ausland möge sich aus Vorstehendem ein Urtheil über das Gerechtigkeitsgefühl und den Patriotismus der „unabhängigen" rumänischen Nation bilden'.') Philanthropos. Bukarest, 1. Juni. Die „N. fr. Pr." enthält folgendes Telegramm: Von cer höchst irrigen Ansicht ausgehend, daß die Juden U Unter diesen Umständen wird man es uns nickt verargen, wenn wir ,nr Cbarakrcrisirnng der modernen Rumänen oder wenislens ihrer Anführer folgendes Telegramm vom 2>. Mai aus W i d d i n an die „N. fr. Pr." mitthcitcn: „Gestern Abends um 7 Uhr ervffnctcn die Batterien von Kalasal ein ziemlich langsames Geschützten er aus Widdin. Insbesondere haben die Rumänen sich das türkische Hospital zum 2> x c l c genommen und trotzdem, daß auf diesem Gebäude die Genfer Flagge, mit dem rothen Halbmond im weißen Felde, wehre, ihre Geschütze auf dasselbe gerichtet. Das Hospital wurde von mehreren Kugeln getroffen, und sind hierdurch drei Kranke gelödtet und fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Hier herrscht große Erbitterung wegen dieser unmenschlichen That, und hoff: inan, daß die Unterzeichner der Genfer Convention gegen fcicte erste souveräne Handlung Rumäniens Protest erheben werden. 24

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.