Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1877)
- Date
- 1877-06-12
- Page
- Seite 380 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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380 Oesterreich - Ungarn. Wien, 28. Mai. Die Wiener Israelitische Allianz hielt gestern ihre vierte ordentliche Generalversammlung. Der von Präsident Joseph Ritter v. Wertheimer erstattete Bericht über die Wirksamkeit des Vereins im Jahre 1876 giebt eingangs dem Bedauern darüber Ausdruck, daß die Vereinsthärigkeit sich vorläufig größtentheils auf die milbthätige Unterstützung leidender Glaubensgenossen beschranken mußte und nur in zweiter Linie das ideale Streben des Vereins, „die Bolkserziehung bei den inländischen Glaubensgenoffen durch Errichtung oder Unterstützung von Schulen zu fördern", verfolgen konnte, und wird als Ursache auf die barbarischen Verfolgungen hingewiesen, denen im abgelaufenen Jahre die Juden in Rumänien ausgesetzt waren, und welche die materielle und moralische Intervention der „Wiener Allianz" in erhöhtem Grade in Anspruch nehmen. Es wird nun der in dieser Angelegenheit im österreichischen Abgeordnetenhause seinerzeit erfolgten Interpellation und deren Beantwortung durch den Ministerpräsidenten Fürsten Auersberg, sowie anderweitiger auf diplomatischem Wege gethaner Schritte erwähnt und mitgetheilt, daß der Verein, insbesondere durch das Ergebniß einer von ihm eingeleiteten Subscription, in die Lage gekommen sei, 160 Familien in momentan ausreichender Weise zu unterstützen und für fünf, durch die Verfolgungen zu Waisen gewordene Kinder in befriedigendem Maße vorzusorgen. Der Vorstand gedenkt bei dieser Gelegenheit mit dankbarer Anerkennung des Sanhedrins des in Rumänien bestehenden Vereins „Zion", des Bukarester Predigers Herrn vr. Beck und aller jener Männer, welche an Ort und Stelle für die betroffenen Unglücklichen thälig waren. Für Schulzwecke und Erziehungswesen hat der Vereinsvorstand im abgelaufenen Jahre an neuen Cultusbeamten Unterstützungen im Gefammtbetrage von 1450 fl. verabfolgt, und wird die Anschauung ausgesprochen, daß durch Errichtung von Zweigvereinen in den Provinzen sich die diesbezügliche Wirksamkeit des Vereins wesentlich erweitern dürfte. Für Leistungen auf dem Gebiete jüdischer Literatur wurden Subventionen von rund 600 fl. gewährt. Gegenwärtig werden Unterhandlungen gepflogen zur Herausgabe einer „Rechtsgeschichte der Juden in Steiermark" und der „Geschichte der jüdischen Gemeinden im Olmützer Erzbisthume auf Grund bisher noch unbekannter Quellen". Die Gesammtzahl der Mitglieder betrug Ende 1876 497, worunter acht Stifter, 19 Gründer, 68 lebenslängliche Mitglieder und 402 Mitglieder mit Jahresbeiträgen. Von Letzteren stoffen 2448 fl. ein. Die gesammten Äahreseinnahmen betragen 9073 fl., die Ausgaben 5425 fl., der Vermögensstand des Vereins wird mit 95,130 fl. beziffert. In den Vorstand wurden schließlich die Herren vr. M. Güdemann, David Gultmannn, Ludwig Ladenburg, und Leopold Popper Ritter v. Podbragy wieder- und an Stelle der ausgefchiedenen Herren Vr. Karl Ritter v. Weil und I. Hieldburghäuffer, M. Th. Schiff und Moritz Dub neugewählt. Pest, im Juni. (Privatm.) Trotz aller Jntriguen, Machinationen und Proteste, wird das Ungar. Rabbinerseminrr nun endlich in einigen Monaten eröffnet. Das Gebäude, ein wahrer Prachtbau, ist auch in seiner innern Einrichtung fast vollendet, die Profefforen sind gewählt und von dem Unterrichts- Minister bestätigt. Die zukünftigen Profefforen des Seminars sind: die Herren M. Bloch, gegenwärtig Rabbiner in Leipnik (Mähren), vr. W. Bacher, zur Zeit Rabbinatsverweser in Szegedin und Vr. D. Kaufmann, früher Hörer des Seminars in Breslau. Außer den Genannten werden noch die Herren Rabb. Präses S. L.' Brill und Präparanden-Director H. Deutsch mehrere Stunden wöchentlich an dem Seminare unterrichten. An Schülern wird es der neuen Anstalt sicher nicht fehlen. Frankreich. Pariö, 1. Juni. (Nach den Arob. isr.) Der überraschende Ministerwechsel vom 16. Mai, durch welchen die reactionäre Partei 'wieder an's Ruder gekommen, hat auch einige höhere Beamte jüdischer Religion mit Verlust ihrer Stellung betroffen. Herr A. St.-Paul, Generalsekretär der Präfectur des Dep. Loiret-Cher hat seine Entlassung genommen. Herr Ernst Hendle, Präfect des Dep. Saone-et-Loire, ist abberufen worden. Dahingegen wurde Herr Edmonb Levylier, vor Kurzem zum Unterpräsecten von Neufchäteau ernannt, Generalsecretär der Präfectur des Aisne-Depart. zu Laon. — Aus Algerien werden statistische Notizen aus dem ersten Vierteljahr des laufenden Jahres mitgetheilt , welche die ungewöhnliche Lebensdauer der Juden in Algerien erweisen. Es starben im Januar zu Tlemcen zwei Juden von 90 und 105 Jahren, zu Algier zwei Jüdinnen von 80 und eine von 90 Jahren. Im Februar zu Algier drei Jüdinnen von 80, 85 und 90 Jahren, zu Setis eine Jüdin von 113 Jahren, zu Blidah eine Jüdin von 103 Jahren, deren Mutter 100, und deren Vater 120 Jahre alt gestorben waren; im März zu Blidah eine Jüdin von 101 Jahren :c. Italien. Rom, im April. Eine Correspondenz der Arch. isr. aus Ferrara theilt sehr erfteuliche Erfolge der auch von uns bereits erwähnten „Brudergesellschaft für den bürgerlichen Fortschritt der armen Israeliten zu Rom" mit, deren erste Jahresversammlung am 31. Mai stattgefunden. Die Gesellschaft besteht jetzt aus 247 Mitgliedern, die monatlich 360 Frcs. beitragen; die finanzielle Bilanz zeigt ein günstiges Resultat. Bis auf 40 besuchen alle dem betr. Alter gehörenden Kinder das Asyl der Gesellschaft. Man hat statistisch herausgebracht, daß auf eine Bevölkerung von 5500 Seelen 1037 Kinder die öffentlichen Schulen besuchen, so daß nur wenige ohne Unterricht bleiben. Die Gesellschaft sucht durch Geschenke von Büchern und Kleidern zum