Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1877)
- Date
- 1877-06-12
- Page
- Seite 376 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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376 Die schmachvollen Anschuldigungen gegen den Talmud und s aus dem Geiste Christi und nicht aus dem Geiste der Wahrheit das talmudische Judenthum, welche vor einigen Jahren namentlich > geboren. Denn 1) imputirt der Verfasser dem Talmud Vieles, von dem damaligen Prof. Rohling zu Münster ausgingen, haben, wie wir schon oft angeführt, die gründlichsten Widerlegungen von Seiten einiger jüdischen Gelehrten erhalten. Dies verhinderte die Ultramontanen nicht, die Verleumdungen und Fälschungen Rohling's zu wiederholen, sondern sie auch für unwiderlegt auszugeben. Noch mehr, auch die protestantisch-pietistischen Blatter, wie die evangelische Kirchenzeitung des Prof. Luthardt, beriefen sich auf das Pamphlet Rohling's und käueten desien Behauptungen mit Behagen wieder. Was half es, daß die völlige Unkenntniß des Talmuds seitens Rohling's und seiner Nachbeter, daß seine Verdrehungen und Fälschungen der Texte nachgewiesen wurden: die immer neu erscheinenden Schmähschriften und Zeitungsartikel der Ultramontanen und Pietisten verharrten in ihrem Gebahren. In unserem Streite gegen diese unholden Klopffechter wiesen wir wiederholt auf einen Gelehrten hin, dem wir allein unter den Deutschen wirkliche Sachkenntniß in der neuhebräischen und talmudischen Literatur zuschrieben, und der in mancherlei Schriften und Aufsätzen diese seine Gelehrsamkeit in unparteiischem Sinne seit mehr als vierzig Jahren erwiesen hat. Es ist dies Professor Franz Delitzsch in Leipzig. Er ist strenggläubiger Christ, wahrhaft orthodox und lutherisch. Darum ist er jedoch den Juden nicht ungünstig gesinnt, und schätzt das jüd. Schriftthum, dem er ein langes Studium.gewidmet. Er ist ein Beförderer der Mission, aber in lauterem Sinne, da es ihm am Herzen liegt, in ven Juden den christlichen Glauben in reinster Weise erstehen zu sehen. Hierüber giebt es nichts zu streiten. Darin kann Jeder seine Wege gehen, wie seine Ueberzeugung sie ihm vorschreibt, weil es eben keine unsittlichen und unreligiösen Wege sind, weil ein solcher, freilich höchst seltener Mann keine persönlichen Nebenzwecke dabei verfolgt. Wir sagten, warum spricht ein so wohlunterrichteter Mann ganz anders über den Talmud als jene erbärmlichen Skribenten? Insgeheim hegten wir die Erwartung, Delitzsch würde sein schwerwiegendes Wort in diesem, der Gerechtigkeit wie der deutschen Wissenschaft in's Gesicht schlagenden Streite vernehmen lassen. Er that es, so viel wir wissen, nicht. Aber er thut es jetzt, und darum wollen wir hier sein Urtheil wiebergeben, da er es in einer wenig verbreiteten Zeitschrift gefällt hat. Es wird dadurch Anderen die Gelegenheit gegeben werden, sich darauf zu berufen. Bor uns liegt das dritte Heft des vierzehnten Jahrgangs der „Saat auf Hoffnung. Zeitschrift für die Mission der Kirche an Israel, in vierteljährlichen Heften herausgegeben von Prof. Franz Delitzsch. Organ des evangelisch-lutherischen Centralvereins für die Mission unter Israel". Erlangen, Andreas Deichert, 1877. In diesem Hefte wird S. 183—193 unter der Überschrift „Antijüdische Brandschristen" eine Reihe solcher der Beurtheilung unterzogen. Zuerst Rohling's „Talmudjude". Delitzsch sagt: „Diese Schrift ist eine Sünde. Sie ist nicht was der nationale Standpunkt der alttestamentlichen Moral mit sich bringt und was sich also gleicherweise lwie es auch in anderen antijüdischen Schriften wirklich geschieht) zur Herabsetzung der alttestamentlichen Schrift, besonders des mosaischen Gesetzes verwenden ließe; 2) hat er aus dem Talmud, der ein Sprechsaal und übrigens ein mehr als ein Jahrtausend altes Werk ist, alles Skandalöse was da zu Worte kommt auf einen Misthaufen zusammengekehrt, ohne das dort zu Worte kommende pro et coutr.i zu beachten und ohne die vielen dem Geiste des Christenthums sich nähernden Aussprüche zu beachten, welche dort laut werden — er hat, ohne selbst den Talmud lesen zu können, den Eisenmenger excerpirt, und andere Werke, wie die von Lightfoot und Schöttgen unbeachtet gelassen; 3) er verfährt gegen das Judenthum, wie wenn jemand das Christenthum durch Excerpte aus den jesuitischen Kasuisten an den Pranger stellen wollte, deren Werke, wenn man sie mit der Moral Jesu und der Apostel vergleicht, weit verwerstichere Grundsätze und Entscheidungen enthalten, als der Talmud". — Weiterhin sagt D.: „WaS Rohling S. 44 :c. den Talmud über den Messias sagen laßt — diese zwei Seiten zeigen für sich allein schon, wie unwissend er ist oder wie unverantwortlich er sich unwissend stellt." — Auch der christliche Leser ersieht aus diesen Worten, daß Delitzsch dem Talmud durchaus keine Lobrede halten will und ihm eben nur das jedenfalls erforderliche Maß von Billigkeit zukommen laßt. Aber was er, der Kenner des Talmuds, mit dürren Worten ausspricht, ist die Unwissenheit Rohling's, der den Talmud gar nicht lesen kann, hiermit die Lügenhaftigkeit in allen seinen Behauptungen über den Talmud. Ergänzt wird dieses Urtheil in der folgenden Besprechung der bekannten Schrift vr. Philipp Bloch's: „Pros. Rohlings Falschmünzerei auf talmudischem Gebiete." (Posen, Märzbach, 1876.) D. bemerkt: „Diese Schrift zeigt, daß Prof. Rohling weder Kenner des Talmud nach der rabbinischen Literatur ist, daß er rabbinische Ausspruche für seinen Zweck hergerichtet und daß er rabbinische Aussprüche sogar aus eigenen Mitteln fabricirt hat:" Es werden hierauf mehrere Beispiele dieser Beweise der Unwissenheit und der Fälschung angeführt. Delitzsch bekräftigt also das Urtheil Bloch's und erkennt dessen Beweisführung als vollkommen richtig an. — D. geht zur Besprechung der berüchtigten Paderborn'schen und Niendorf'schen Pamphlete gegen die Juden über. Sie interessirt uns heute weniger, unv gipfelt in dem Satze: „Solche Judenfteffer sind meist auch Feinde der Kirche, der Gemeinde des Neuen Bundes, der ohne seine Vorbereitung durch den Sinai-Bund in der Luft schwebt." Oder: „Der Auftuf des Verfassers an das deutsche Volk, das jüdische Ungeziefer von sich abzuschütteln, brandmarkt sich selbst durch das Ungeziefer der Gemeinheit und des Afterchristenthums, welches in der patriotischen Toga dieses Berliner Bürgers festsitzt." Am Schlüsse: „Alle diese Brandschriften gegen das Juden-