Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1877)
- Date
- 1877-06-12
- Page
- Seite 375 (sequence 3)
- Language
- German
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375 für einen verbesserten Gottesdienst ausfprach und ihn anstreble. Es geschah, daß an einigen Orten der sg. orthodoxe Theil einen besonderen Gottesdienst für sich hersteüte, wozu ihm Niemand das Recht abstreiten konnte. Allein mehrere der Wortführer dieser orthodoxen Minderheiten verlangten mehr; sie forderten die völlige Trennung von den Muttergemeinden, die völlige Selbstständigkeit, die Zurückweisung jeder Gemeinschaft. Dies war also der völlige Separatismus, dies war die Spaltung des Judenthums in Secten. Der Schauplatz dieser Vorgänge waren Ungarn und Deutschland. Obgleich gerade in Ungarn (wie in ganz Oesterreich) die Reform res Gottesdienstes eine sehr mäßige, auch wohl der Bildungsgrad in der Masie kein sehr verschiedener war, trat dort die Spaltung in viel größeren Maßen auf. Vielleicht geschah dies eben dadurch, Laß man unter staatlichem Schutze eine Gesammtorganisation mit bestimmt formulirten Gesetzen und staatlich aulorisirten Behörden Herstellen wollte. Sicher ist es, daß der ungarischjüdische Congreß der Orthodoxie alle irgend berechtigten Zugeständniffe machte, und jederlei Zwang in cultueller Beziehung vermied. Aber die orthodoxe Seite fürchtete Las anwachsende Uebergewicht der Resormrichtung in den gemeinsamen Institutionen und ihre Worführer riefen allseits zur Absonderung auf. Die Staatsregierung gab dem orthodoxen Theil der Gemeinden das Recht, selbstständige Gemeinden zu constituiren, und so haben wir in Ungarn Congreßgemeinden, orthodoxe selbstständige Gemeinden und solche, die zu beiden nicht gehören, von Len beiden ersteren an manchen Orten nebeneinander. Welchen zerstörenden Einfluß dieser Zustand auf Synagoge, Schule und Wohlthatigkeitsanstalten ausübt, davon liegen zahlreiche Beispiele vor. Anders war es in Deutschland, wo doch nur an wenigen Plätzen besondere orthodoxe „Religionsgesellschaften" zu Stande kamen, wie in Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Karlsruhe, Berlin, wahrend in großen Gemeinden von der Gemeinde selbst für die Bedürfnisse beider Richtungen gesorgt, in allen übrigen ein mittlerer friedlicher Standpunkt eingehalten ward. Deshalb vermochte auch nach dem Erlaß des Austriltsgesetzes der Separatismus nicht, nennenswerthe Erfolge zu erringen. — Denn hierbei ist nicht zu vergesien. Laß außer Liesen gotleödienstlichen Bestrebungen die Umgestaltung des jüdischen Lebens in großem Maße vor sich ging. Es ist hier nicht die Stelle, diese Umwandlung näher zu schildern und vom jüdisch-religiösen Standpunkte aus zu beurtheilen. Wir haben es heute nur mit den Tharsachen zu thun. Ist doch in Allem, was in der Wirklichkeit geschichtlich sich entwickelt, immer Licht und Schatten, Nützliches und Schädliches, Erfreuliches und Betrübendes neben- und untereinander zu erkennen. Thatsache aber ist, daß diese weitgehende Umgestaltung des persönlichen und Familienlebens hinsichtlich der Beobachtung der tradirten Satzungen, Sitten und Gebräuche die Einheit und den Frieden in der Gesammtheit nicht störte und zu Sectirereien nicht führte. Allerdings gab und giebt wohl diese Veränderung dann und wann Veranlagung zu Zwistigkeiten und Entfremdungen in dieser und jener Familie. Aber dauernd und weitgreifend ist diese Wirkung nicht, und berührt die materiellen Verhältnisse nur in seltenen Fällen. Auch hier haben die Wortführer res Separatismus alle möglichen Anstrengungen nicht gescheut, um die Juden in feindliche Lager zu spalten, nicht gescheut, die vom Judenrhume so streng einöeschärften sittlichen Grundsätze zu verletzen, und sich der Verleumdung, der Anschuldigung, der Verdächtigung und Verketzerung zu bedienen, um Zwietracht und Haß auszusäen. Ihre Saal ist aber auf unfruchtbaren Boden gefallen und nur wenig aufgegangen. In ren meisten Fällen sträubte sich das sittliche Gefühl res Volkes gegen diese Manöver und der Erfolg war meist für die Opfer günstig, die jene sich ausersehen hatten. Gerade dieses Moment ist ec-, welches uns die Bürgschaft giebt, daß diese Verschiedenheit in der reformistischen und orthodoxen Richtung, die nicht aus Zufall, nicht aus Persönlichkeiten, sondern aus der Natur rer Dinge selbst, also unter der Leitung der göttlichen Vorsehung hervorgegangen, zu keiner wesentlichen und dauernden Spaltung und Sectirerei im Judenthume führen werde. Der Geist des Separatismus, nur künstlich geweckt, findet keine Heimstätte. Wir unsrerseits haben vom Beginne dieser Zeitung an die Berechtigung beider Richtungen anerkannt, immer aber die Gemeindeeinheit hochgehalten und vertheidigt. Die Gemeinde ist eine Institution des Judenthums von seinem Beginne an, und sie allein ist uns ohne Unterbrechung durch die Jahrtausende unsrer Religion und unsres Stammes überkommen: sie allein ist die Verkörperung und reale Erscheinung unsrer Religion, und sie rer Boden, auf welchem für die Masse das religiöse und sittliche Bewußtsein geweckt, gepflegt und befestigt wird. Eine entscheidende Stimme gegen die Talmudfrelser. Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt. Wenn wir jüngst unser Bedauern auszusprechen hatten, daß auch die protestantisch-pietistische Partei noch immer sie zu den Judenfeinden zu rechnen Beranlrffung gebe, so wollten wir damit nicht ausschließen, daß es in jener auch einige Männer giebt, welche eine andere, freundlichere Gesinnung gegen die Juren hegen. Denn riese Pietisten bilden keine solch' geschlossene Partei wie die Ultramontanen, und folgen weniger bestimmten Losungsworten, die von einem Centralpunkle ausgegeben werden. Selbst wenn wir uns gegen das Missionswesen und die Missionäre, welche die Bekehrung von Juden zu ihrem Berufe, oft kann man sagen zu ihrem Handwerke machen, auszusprechen hatten, war eS uns wohl bekannt, daß es auch einige christliche Theologen gebe, bei Lenen das Verlangen nach Bekehrung aus ihrer eigenthümlichen Ueberzeugung und dem daraus entsprungenen Herzensdrange entstehe, und die jedwedes unwürdige Mittel zurückweisen würden. Auf einen Mann, den wir zu den letzteren zählen, richten wir heule den Blick unsrer Leser. -,4 *