Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1877)
- Date
- 1877-06-12
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
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374 intriguirt, um Spaltungen zu erwirken, lz. B. in Cassel), aber man fiel überall durch. Wenn wir den langen Lauf der Geschichte des Judenihums durchmustern, so drängt sich uns die Ueberzeugung auf, daß gerade auf religiösem Gebiete der Geist des Separatismus ihm durchaus fremd ist, daß sich zu aller Zeit das Streben, Einheit und Einigkeit zu erhalten, in ihm geltend gemacht hat. Die Trennung der Zehn Stamme von Juda hatte keine religiösen, sondern politische Motive. Seitdem, also saft drei Jahrtausende hindurch hat sich allein der kleine Zweig der Karäer losgelöst und diese Ausnahme hebt um so mehr die Einheit der Gefammtheit hervor. Das Vorhandensein der vielgenannten drei Secten vor dem Falle Jerusalems hatte keine Folge; die Discussionen der beiden Schulen von Hillel und Schamai liefen in die friedfertigste Bereinigung aus; die Streitigkeiten zwischen der streng orthodoxen und religions - philosophischen Richtung fanden einen baldigen Stillstand; die Kabbala rührte mannichfachen Zwist auf, aber bald bestand sie und die einfache Halacha nebeneinander; das Auftreten des Sabbathai Zwi blieb nicht ohne Aufregung , aber auch seine Spuren verloren sich bald wieder im ruhigen Bestände der Gesammtheit; so bedauernswerlh die Verirrungen des Chassidismus sind, so bewirken sie koch keine wesentliche Trennung von den Nabbaniten, sondern im kindlichen Herzen des Volkes verschmelzen sich beide, bis die Zeit dem Wunderglauben seine Nahrung wieder entzogen haben wird; Niemand endlich wird dem Bestehen der bekannten cultuellen Ritus den Charakter der Sectirerei beilegen. Während also in allen anderen Religionen sehr verschiedene, sich feindlich bekämdenken auszutrctcn. Mit dem Inhalt der von Herrn Rabbiner Snskind in Wiesbaden an die AuSlretcnden daselbst gcbalrcnen Ansprache durch einen Freund bekannt gemacht, erklärten sie diesem schriftlich, daß eS nicht religiöse Bedenken seien, die sic zum Ausritt veranlassen und daß sie nur durch die Erklärung von dem ihnen lästigen Beitrag zur hiesigen Gcmcindccasic sich besreicn wollten. Zu dem gerichtSscitig angcsetztcn Termin erschienen die Herren nicht, zogen vielmehr ibre Erklärung zurück, knüpften indeß vertraulich Verhandlung mit dem hiesigen Vorstände an und boren — statt der von ihnen dreien zusammen gezahlten 24 Tbalcr — einen jährlichen Gesammtbcilrag von i" Tbal'er, wenn sie in der Gemeinde bleiben sollten. — Selbstverständlich konnte der Vorstand auf dielen Handel aus verschiedenen Gründen nicht ciugchcu, worauf denn die Herren Gebrüder Samuel ihren Antrag auf Austritt erneuerten und schließlich am 17. April d. I. wirklich ausgetreten sind. Wie verhält sich nun die Erklärung der genannten Herren vor Gericht zu der, die sie privatim gegeben haben? Erwägt man, daß die Gebrüder Samuel reiche Leute sind und ein großes Geschäft haben, dieselben auch wohl von Niemandem, der sie kennt, für fähig gehalten werden, absichtlich eine ,,Lügc" zu begeben, um einen noch dazu für ibre Verhältnisse so geringfügigen Betrag zu ersparen, so liegt der Schluß sehr nahe, daß sie das ganze Gesetz nicht — verstanden haben. Wenn aber geistig normal beanlagte Menschen, zu denen wir hier früher doch die Gebrüder Samuel gerechnet haben, ein Gesetz nicht verstehen können, so wäre es unseres Bedünkcns besser gewesen, dasielbe gar nicht zu erlaßen. G. Salomon. Wir babcn in früheren derartigen Fällen die betr. Namen nicht genannt, damit nickt der Schein der Dcnunciation auf uns fallen könne. Da aber die genannten Herren bereits durch ihre gerichtliche Erklärung in die Oeffentlichkcit getreten, fiel jene Rücksicht hinweg. Red action. pfende Confessionen oder Secten bestehen und eher immer neue zum Vorschein kommen, als daß die alten zur Wiedervereinigung gelangten, bietet das Juventhum das entgegengesetzte Bild dar, obschon, oder vielleicht weil es jeder obersten Glaubensbehörde, jedes sichtbaren Mittelpunktes, jeder allgemeinen Organisation und aller Machtmittel entbehrt. Daß dies im Wesen des Judenthums selbst seine Ursache haben müsse, ist einsichtlich. Denn das Judenthum hat zwar seine Lehren klar ausgesprochen, nicht aber in Dogmen zugespitzl, und diese Dogmen nicht als die einzige oder Hauplbedingung des Seelenheiles in diesem und dem zukünftigen Leben aufgestellt. Der Jude kann sich zu diesen Lehren und in der Beobachtung der Gesetze mehr oder weniger als treuer Bekenner seiner Religion und Erfüller der Gebote, als Frommer oder Sünder verhalten, hört aber darum nicht auf, Jude zu fein, sondern hat seinen Richter in der göttlichen Vergeltung zu finden. Alles dies wird aber nunmehr durch die neueste Geschichte des Zudenlhums bestätigt. Die mächtige Umwandelung im Geistesleben wie in den bürgerlichen Verhältnissen der Juden, die seit der Mille des vorigen Jahrhunderts durch die weltgeschichtliche Strömung und durch den Impuls von innen heraus unwiderstehlich vor sich gegangen, mußte auch im religiösen Leben der Juden, soweit sie den gedachten Einflüssen unterworfen waren, eine bedeutende Entwickelung Hervorrufen. Da diese mitten in den ererbten stabilen Zuständen vor sich ging, mußte die Frage entstehen, ob die verschiedenartigen Richtungen das Judenthum erschüttern, zum Schwanken bringen oder gar zerklüften werde oder nicht? Der Gang des Processes, der bis jetzt hinter uns liegt, hat erwiesen, daß die Verneinung dieser Frage so gut wie entschieden ist. Die ersten Männer, welche eine Reform des Gottesdienstes in's Werk setzten, thaten dies in völlig conservativem Geiste. Sie schlossen sich eng an den überlieferten Cultus an, obgleich dieser dem alten Opferdienste gegenüber seiner Zeit doch auch eine Neuerung gewesen, und seine Ausbildung nachweislich ein ganzes Jahrtausend in Anspruch genommen. Sie protestirlen eifrig gegen jede Anschuldigung, sich dem Wesen des tradirten Judenthums entfremdet zu haben und erhärteten die Berechtigung ihrer Reformen aus dem Talmud selbst. Sie halten niemals die Absicht, eine eigene Gemeinde zu bilden, obschon sie doch in dem Bestände der portugiesischen neben der deutschen Gemeinde an ihrem Orte selbst (Hamburg» ein Vorbild gehabt hatten; sie erhielten ihren Gottesdienst aus eigenen Mitteln und steuerten nach wie vor zur Muttergemeince, mit der sie eben alle anderen Institutionen gemeinsam hatten. Ein Gleiches fand überall starr, wo sich ein besonderer Reformgottesdienst bildete, selbst ein noch weitergehender, wie z. B. in Berlin. Man sage nicht, daß das Staatsgesetz sie hierzu zwang, renn s i e waren es nicht, welche bei dem Staate um das Trennungsrecht drängten, und die neuesten Vorgänge beweisen hinlänglich, daß es eben nicht in ihrem Geiste lag. Anders war es, als sich an vielen Orten die Mehrheit in den Gemeinden