Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1877)
- Date
- 1877-06-05
- Page
- Seite 367 (sequence 11)
- Language
- German
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367 Gewerbe, sowie auch des Aufenthaltes in den Landgemeinden gegen die Juden find fast nie beobachtet worden. Nachweislich haben die Juden zu allen Zeiten Grundstücke besessen und die erwähnten Gewerbe ausgeübt. Von Interesse ist ein, durch die Güte des Dr. Reitmann aus Czernowitz mir zugekommener Tabular - Extract, wonach unter dem 4. August 1796, der Jud Czerbul (Hirsch), zufolge seines Verkaufsinstrumeutes dlo. Jassy 1. März 7217 dem Groß - Vistiernik Ivan Palavi die Hälfte von dem Dorfe Verbestie sammt Unterthanev und fertigen Mühlen auf ewige Zeiten verkaufet. Das Gesetzbuch des Fürsten Calimachi (1817) bestimmt im §. 47: „Der Unterschied res Glaubens hat keinerlei Einfluß auf die Privatrechte", und im §. 45: „Die Fremden genießen dieselben öffentlichen Rechte und Pflichten wie die Eingeborenen." §. 13. 14 lautet: „Die Juden sind berechtigt Hauser und Geschäfkslocale in den Städten zu kaufen." Dasselbe Recht wird ihnen im §. 430 für die Landgemeinden entzogen. Es würde mich zu weit führen, wollte ich hier auf die Entwickelung der neuen Gesetzgebung bezüglich der Juden näher eingehen. Mit dem Erwachen des Landes und den Errungenschaften auf dem Gebiete verfassungsmäßiger Freiheiten, correspondirt der Verfall des rumänischen Judenlhums in jenen Zustand, den ihm in anderen Ländern das Mittelalter geschaffen. Hier haben die Ereignisse den umgekehrten Weg eingeschlagen als anderswo: dort verschwand die „Judenfrage" durch Aufklärung und Freiheit, hier ist sie durch diese (?) geschaffen worden. Doch dieser Weg ist nicht der natürliche. Die wahre Civilifation und Freiheit können mit der Finsterniß und der Knechtschaft kein Bündniß schließen, und früher oder spater müssen die ersteren letztere auS ihrem Heiligthume, wohin sie sich frech eingeschlichen, verjagen. Ein nicht gehaltener Toast. Am 10. d. fand in Linz a. d. Donau die feierliche Einweihung der neuen Synagoge in gewohnter Weise statt. Es hielten bei derselben Dr. Jellinek das Gebet beim Anzünden der ewigen Lampe und Dr. Kur re in die Festpretigt. Die freier machte auf die Anwesenden, worunter die höchsten Behörden der Provinz und der Stadt sich befanden, einen mächtigen Eindruck, der sich in der dort erscheinenden „Tagespost" vom 18. Mai in einem bemerkenswerthen „Nachworte" eines Katholiken zum Ausdruck brachte, als Toast bei dem Bankette gedacht, und der uns interessant genug erscheint, um hier wiedergegeben zu werden. „Verehrte Anwesende! Der Standpunkt, von dem aus ich heute bei diesem Feste zu Ihnen spreche, bedarf einer Erklärung, der Umstand, daß ich überhaupt spreche, einer Rechtfertigung. Ich spreche nämlich zu Ihnen nicht vom confessionellen Standpunkt, wie es der Charakter des Festes erheischen würde, nicht als Christ, nicht als Katholik, ich spreche, indem ich mir das Mandat aller Gebildeten ohne Unterschied der Confession usurpire, ich spreche, indem ich mich zum Vertreter aller derjenigen auswerfe, denen es gegönnt war, der heutigen, schönen Feier beizuwohnen. Ich will also anläßlich dieser confessionellen Feier eine interconfessionelle Rede halten. Ich würde dies nicht wagen, wenn ich etwa als Jude einem Bankette zu Ehren der Einweihung einer katholischen Kirche beiwohnen würde, denn ich wüßte, daß die alleinseligmachende Kirche mir diese Arroganz oder mindestens Taktlosigkeit niemals verzeihen würde. — Daß ich es heule wage, als Katholik meine Worte an Juden zu richten, das haben Ihre eigenen Wortführer, ihre Priester, zu verantworten, jene Priester, welche heute im Tempel im Angesichte der jüdischen Heiligrhümer, der Bundeslade und der Tafeln Moses, ein Evangelium gepredigt haben, das nicht allein das der Juden, sondern das aller Gebildeten, das der Humanität und des Fortschrittes ist, jener Priester, welche die Freude über die endliche Befreiung ihres Glaubens aus Jahrhunderten dauernder Knechtschaft nicht dadurch Ausdruck gaben, daß sie zum Kriege gegen ihre Knechter riefen, sondern dadurch, daß sie die Eintracht, den Frieden aller Confessionen vom Himmel flehten, daß sie die Zeit des wahren Messias als dann gekommen erklärten, wenn der Streit um das Dogma gefallen, und die Sonne der Aufklärung den Samen cer Menschlichkeit, der Brüderlichkeit zu ewigem Leben gezeitiget habe. — Verehrte Anwesende! Sie haben heute ein schönes erhebendes Fest gefeiert. Sie, die kleine junge Gemeinde, haben in kurzer Zeit dem Herrn einen Tempel gebaut, dessen Kosten in keinem Verhältnisse stehen zu den Ihnen zu Gebote stehenden Mitteln. Zwei Eigenschaften aller derjenigen, welche sich an diesem frommen Werke betheiligt haben, und desjenigen insbesondere, welcher an rer Spitze des Unternehmens stand, sind es, welche die Ausführung eines so großen Werkes möglich gemacht und welche das hinreichend ersetzt haben, was an materiellen Mitteln etwa mangelte, Einigkeit und Consequeuz. — Es sind dies zwei Eigenschaften, deren sich nicht allein die Linzer Cultusgemeinde zu rühmen hat, welche vielmehr die Eigenthümlichkeit res ganzen jüdischen Stammes bilden, zwei Eigenschaften, welche die Juden von den Gliederungen der Confession, in welcher sie das kurzsichtige Mittelalter gedrängt, auf die Höhen einer Nation erhoben hat, einer Nation freilich, welche dem landläufigen Begriffe, den die Völkerkunde sich gebildet hat, nicht entspricht. Denn die jüdische Nation ist nicht in bestimmte Lance gezwängt, ihre Wohnsitze sind nicht begrenzt durch staatliche oder geographische Grenzen, an ihrer Spitze steht kein jüdischer König oder Kaiser, sie regiert kein jüdisches Parlament, ihr Staat ist die Erve. Was sie zusammenhält, fester als andere Nationen, was sie vereiniget, wenn es gilt, ihre nationalen Zwecke zu erreichen, ihr nationales Wohl zu fördern, das ist ein unsichtbares, aber auch ein unzerreißbares Band, es ist das Gefühl der Zusammengehörigkeit und die aus diesem Gefühle entspringenden 23*