Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1877)
- Date
- 1877-06-05
- Page
- Seite 364 (sequence 8)
- Language
- German
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364 welchen eine Menge Türken beiwohnten, gab das Vorgehen der jüdischen Gemeinde, die am verflossenen Sonnabend einen festlichen Gottesdienst veranstaltet hatte, bei welchem auf besondere Einladung der Großvezir und verschiedene andere hohe Würdenträger erschienen waren. — . Durch eine Jrade des Sultans sind sämmtliche Unterthanen des ottomanischen Reiches, also auch die Christen und die Juden, der Wehrpflicht unterworfen, und die Exemption der Bevölkerung von Konstantinopel von der Militärpflicht aufgehoben worden. Es sind bereits die geeigneien Maßregeln zur Ausführung dieser Verordnung getroffen. Diese allgemeine Wehrpflicht ist nicht bloß eine nothwendige Consequenz, sondern auch die beste Bürgschaft für die Gleichstellung aller Culte und Racen. Sicherlich werden die jüdischen Soldaten auch im ottomanischen Heere ihre Anstelligkeit und Pflichttreue wie in den Heeren der europäischen Staaten bewähren. —. Für die Opferwilligkeit der Bevölkerung Konstantinopels mag die Thatsache zeugen, daß die im Artillerie-Arsenale beschäftigten jüdischen Handwerker von ihrem Rabbiner die Bewilligung erhallen haben, auch an Sonnabenden arbeiten zu dürfen. In der Thal wird im Arsenale Tag und Nacht unermüdlich an der Verfertigung von Munition und Waffen gearbeitet. Rußland. Aus Russisch-Asien, im Mai. Laut einem Berichte des Gouverneurs von Tiflis, Generals Osten-Sacken, an den Großfürsten Michael hat in der Stadt Suram in Georgien ein Judenexceß stattgefunden, bei welchem 60 jüdische Häuser und die Synagoge zerstört und ausgeplündert wurden. Die Brüder Dschana-Schwili wurden grundlos beschuldigt, einen Christenknabeu gestohlen zu haben. Amerika. Washington, im Mai. Am 2. Mai machte eine Deputation amerikanischer Israeliten dem Präsidenten in Washington ihre Aufwartung, um ihm eine schriftliche Darstellung der jünA gegen die Juden in Giurgewo in Rumänien verübten barbarischen Handlungen zu überreichen. Der Präsident schien tief ergriffen von dem unglücklichen Zustande jenes hilflosen Volkes zu sein und wies die Deputation an den Staatssecretär Ewarts, den er ersuchte, in der Sache solche Schritte zu thun, welche die Umstände erfordern. In der darauf fiattgehabten Unterredung mit Herrn Ewarts wurde vorgeschlagen, daß das amerikanische Consulat in Bukarest, daß seit der Rückkehr des Herrn Peixotto abgeschafft wurde, wieder besetzt werde. Herr Peixotto ersuchte auf das Dringendste, daß Dr. Adolph Stein, der, während er am Hofe des Fürsten Karl war, als Viceconsul fungirte, zum amerikanischen Consul ernannt werde. Die Deputation drang auch in den Staatssecretär. den amerikanischen Gesandten in Wien, Konstantinopel und Petersburg zu telegraphiren, daß diese dazu beitragen möchten, weitere Grausamkeiten zu unterdrücken. Herr Ewarts versprach die Sache in Erwägung zu ziehen. Bonn, 28. Mai. (Literarische Notizen.) Eine unerschloffene Quelle über Uriel Acosta von Dr. I. Perles, Rabbiner zu München. Krotoschin, Monasch 1877. Herr Dr. Zerles hat einen intereffanten Fund gemacht. Man hatte für die Lebensgeschichte Acosta's nur die wenigen Blätter eigener Aufzeichnung, welche 40 Jahre nach dem Tode des unglücklichen Mannes veröffentlicht wurden. Nun stieß Dr. P. in der zweiten Auflage der Responsen des R. Jacob ben Israel Halevi ('"i'vn rrnb apjn '-i ri"iw Venedig 1632—34) in Nr. 49 auf eine Anfrage, ob der Mutter eines Sohnes, der feines Abfalls von der Religion und seiner Religionsfeindlichkeil wegen in den Bann gethan worden, und dem jene folgte und sein Schicksal in allen Stücken theilte, das jüdische Begräbniß zu gewähren oder zu verweigern sei? Obgleich der Name Acosta's in dieser Anftage nicht genannt worden, so kann es doch kaum einem Zweifel unterliegen, baß er gemeint sei. Ein Vergleich der einzelnen Angaben in dieser Anfrage mit denen Acosta's in seiner Selbstbiographie zeigt eine völlige Uebereinstimmung, und bestätigen sich so beide gegenseitig. Die Streitpunkte, um welche es sich bei Acosta handelte, werden angegeben; die dem Druck bereits übergebene Schrift des Abtrünnnigen wird auf Verlangen der Gemeindevorsteher durch die Behörden verbrannt, derselbe excommunicirt und verbannt; ebenso geht aus beiden Schriftstücken hervor, daß zwei Brüder des Acosta seinen Abfall nicht theilten, ihn vielmehr davon zurückzuhalten gesucht und nach dem vollzogenen Banne alle Verbindung mit ihm abbrachen. Dahingegen bringt die Anftage einen Umstand, von welchem Acosta's Aufzeichnungen gänzlich schweigen, nämlich, daß seine Mutter ihn nicht verlassen, mit ihm zusammenwohnte, ihr religiöses Leben seinen Wünschen und Ansichten gemäß einrichtete, obschon der leichte und daun der schwere Bann über sie verhängt und ihr für den im Bann erfolgenden Tod die Verweigerung des jüdischen Begräbnisses in Aussicht gestellt wurde. Da die ganze Anftage auf diesen Umstand gerichtet ist, so kann er an sich nicht bezweifelt werden; um so räthselhafter ist das Stillschweigen Acosta's. Uns erscheint dies erklärlich, wenn wir annehmen, daß die Mutier bei Acosta ausharrte, so lange er noch in Amsterdam verblieb, sie ihm jedoch nicht in seine fünfzehnjährige Verbannung aus Amsterdam folgte. Die Verhängung des Bannes über die Mutter und die Androhung, ihr ein jüd. Begräbniß zu verweigern, paffen doch nur auf die Anwesenheit der Mutter in Amsterdam. Da nun Acosta in seiner Aufzeichnung vorzugsweise seine Leiden während seiner fünfzehnjähr. Irrfahrt im Sinne trug, giug er über die verhältnißmäßig kurze Beharrlichkeit der Mutter hinweg. — Die Ausbeute aus dem Funde ist also nicht groß, doch