Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1877)
- Date
- 1877-06-05
- Page
- Seite 361 (sequence 5)
- Language
- German
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361 Bei den jüngst stattgehabten Ergänzungswahlen des Gemeindevorstandes, wurde Herr Jacob Nachod, der langjährige Vorsteher-Stellvertreter, zum Vorsteher der Gemeinde, Herr Alex. Werthauer, bisheriger Gemeinderath, zum Vorsteher-Stellvertreter gewählt. Durch diese Wahlen hat die Gemeindesttzung bekundet, wie sie das vieljährige, unermüdliche, und doch stille, vielseitige, segensreiche Wirken dieser beiden Männer, welche das vollste Vertrauen, die größte Hochachtung seitens der gesammlen Gemeinde genießen, zu ehren weiß. Mit ihren Amtsbrüdern, den Herren Gemeinderäthen Adolph Herrmann und Saul Finkelstein— ein dritter Gemeinderath wird erst demnächst gewählt — werden sie im Geiste Kohner's der Gemeinde vorstehen und ihre Angelegenheiten ordnen. Dresden, im Mai. (Privatmitth.) Aus dem Verwaltungsbericht der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde für das Jahr 1876 mögen hier einige Notizen mitgecheilt werden. Die Einnahmen bestanden einschließlich des Vermögens von 38,304 Mark in 72,377 Mark, wohingegen die Ausgaben 33,064 M. betrugen, so Laß also das Vermögen der Gemeinde 39,312 M. beträgt. An Schulden ruhen aus der Gemeinde 23,400 Mark Hypotheken und 31,500 Mark an Stistungsfonds. Der lleberschuß lastet also noch auf den Grundstücken der Gemeinde. — Zur Zeit der letzten Volkszählung (1. December 1875) lebten in Dresden 1956 Israeliten, so daß sie in den letzten vier Jahren um 710 Seelen zugenommen. Sie bilden von der Gesammtbevölkerung Dresden 0,99 pCt. Im Jahre 1834 wohnten in Dresden 682 Israeliten, was jedoch damals 1,03 Procent ausmachte. Es ergiebt sich daraus. Laß selbst jetzt noch die jüdische Bevölkerung nicht in dem Maßstabe der christlichen gewachsen ist. Im Königreich Sachsen wohnten 1834 850 Juden ----- 0,05 Procent; gegenwärtig 5360 ----- 0,19 Procent. Es wohnten also kaum 150 Juden in Leipzig, während diese Gemeinde gegenwärtig 2564 Seelen zählt, also die größte des Landes ist. Außerdem besteht eine solche in Chemnitz mit 211 Seelen. In den Städten wohnen zusammen 5168 Juden, 192 auf dem Lande. In den letzten vier Jahren sind in Sachsen 6 Evangelische zum Judenthume übergetreten, und 12 Juden zur evangelischen Kirche. — Das seit 25 Jahren bestehende Gemeindestatut ist mit behördlicher Zustimmung durch einen Nachtrag dahin geändert worden, daß der Gemeinderath von 9 au 12 Mitglieder erweitert worden, der Oberrabbiner fortan nicht mehr Mitglied und Vorsitzender des Gemeinderathes ist, und die Sitzungen des letzteren öffentlich sind. — Die Religionsschule wurde von 56 Knaben und 54 Mädchen besucht, was erweist, daß ein nicht geringer Theil der schulpflichtigen Jugend diese Schule nicht besucht. Berlin, 25. Mai. (Privatmitth.) Außer den jüngst von Ihnen gelegentlich erwähnten Vereinen für hülfsbedürftige jüdische Lehrer, deren Wittwen und Waisen, besteht auch ein solcher „Zur Unterstützung jüdischer Lehrer in Preußen" am hiesigen Platze. Während die anderen Vereine dieses Zweckes auf Gegenseitigkeit beruhen, so daß sie ihre Wirksamkeit auf diejenigen Lehrer beschränken, welche ihre Mitgliedschaft erworben haben, ist dies bei dem hiesigen nicht der Fall, seine Mitglieder sind zahlende Laien und seine Unterstützungen läßt er nach Maßgabe seiner Mittel hülfsbedürftigen Lehrern in Preußen zukommen. Wir erinnern uns, daß vor ungefähr einem Jahrzehnl der Vorstand des Vereins in dieser Zeitung durch Veröffentlichung seiner Berichte und Aufforderungen auch außerhalb Berlins Mitglieder zu erwerben sich bemühte. Der Erfolg war nicht zu mißachten, aber verhältnißmäßig doch nur gering, denn eigenthümlicher Weise haben unsre Glaubensgenoffen bis zur jüngsten Zeit nur geringe Theilnahme für den doch so dringlichen Zweck bethätigt, der den Lehrerstand betrifft, und doch für die Gemeinde selbst so heilsam ist. Vielleicht ist gegenwärtig die Richtung der Geister günstiger. Vor Kurzem hielt der Verein, der gegenwärtig 108 hiesige und 52 auswärtige Mitglieder zählt, seine ordentliche Generalversammlung ab, in welcher die Rechnung der beiden letzten Jahre erstattet wurde. Darnach hatte auch dieser humane Verein unter der Ungunst der Zeiten einen kleinen Capitalverlust zu erleiden, denn die Einnahmen des Vereins betrugen in beiden Jahren nur 6476 Mark, während die Ausgaben, worunter 33 Unterstützungen mit 4577 Mark in 1875 und 37 Unterstützungen mit 5192 Mark in 1876 befinden, auf 10,172 Mark emporschnellten, so daß sich das Capitalvermögen um 3608 Mk. auf 22,703 Mk. reducirte. Die ausscheidenden Vorsteher wurden sämmtlich wieder gewählt. —. Das „Archiv für Post und Telegraphie" enthält einen Aufsatz über die Geschichte des Berliner Droschken - Instituts. Nach diesem ist ein Jude Alexis Morlier aus Deffau im Jahre 1814 der Urheber des zu so großer Ausdehnung gelangten Droschkenwesens in Berlin gewesen, das er nach dem Borbilde in Warschau einrichtete und für welches er bis 1837 das Privilegium besaß. Seit diesem Jahre hat sich zwar das Berliner Drcschkenwesen sehr vergrößert, aber auch wie bekannt, sehr verschlechtert. —. Hiesige Blätter, und nicht minder auswärtige wie die „Köln. Ztg.", haben in diesen Tagen einmal recht schlagend erwiesen, wie sie Alles, was irgend auffällt, womöglich den Juden zuzuschreiben geneigt sind. Es hatte sich ergeben, daß in den letzten Jahren die Medicin-Sludirenden auf den deutschen und schweizerischen Universitäten sich an Zahl vermindert haben und jene Blätter erklärten dies aus dem Umstande, daß die jüdischen Stucirenden, die sich früher der Medicin allein gewidmet, jetzt, wo ihnen alle öffentlichen Carrieren offenstehen, sich auch anderen Fächern zugewendet. Auch hier also wollte man in dem achtzigsten Bruchtheil die Ursachen finden zu einer Erscheinung, welche alle achtzig betrifft. Nachträglich hat es sich gezeigt, daß die Zahl der Mediciner eigentlich gar nicht abgenommen habe;