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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-05 · Heft 23 (5.6.1877) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 23 (5.6.1877)
Date
1877-06-05
Page
Seite 359 (sequence 3)
Language
German
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359 ob wir sie zu fürchten hätten, als ob irgend wesentliche Unzukömmlichkeiten daraus entstehen könnten, sondern weil sie immerhin einen finstern Geist heraufbeschwören, welcher in England bis jetzt kein Verweilen gefunden hatte. Das englische Slaubnch über -ie Äuden in Rumänien und Serbien. Seitdem wir in voriger Nummer die Notiz über das Erscheinen eines Blaubuchs gebracht, in welchem Las englische auswärtige Amt alle in den Angelegenheiten der Juden in Rumänien und Serbien von 1867—1877 von ihm empfangenen und erlassenen Actenstücke zusammengestellt har, haben wir ein Exemplar dieser merkwürdigen, an die Mitglieder des Unterhauses vertheilten Druckschrift erhalten. Sie ist bis jetzt sicherlich einzig in ihrer Art. War es früher unerhört, daß überhaupt eine Regierung sich für das Schicksal der Juden in einem fremden Lande interessirte, und zu Gunsten derselben einschritt, so daß das Beispiel jenes türkischen Sultans, der die Benetianer und den Papst bedrohte, falls sie in ihren Landen die Juden mißhandelten, ohne Nachfolge geblieben; ist es hingegen in den letzten Jahrzehnten, z. B. bei den Schweizer Handelsverträgen vorgekommen, daß dann und wann eine Regierung durch ihre Vertreter, wie in Marokko, Persien und derartigen Staaten Vorstellungen gegen die Mißhandlung der Juden machte, so bewies doch keine andere Staatsregierung als die englische eine solche Ausdauer und Umfänglichkeil ihrer Bemühungen um das Loos der Juden, ist es nicht vorgekowmen, daß ein Parlament die Vorlage sämmtlicher einschlägigen Papiere von der Regierung verlangte, wie dies eine Adresie des englischen Unterhauses am 15. Februar 1877 an Ihre Majestät thal, und erschien deshalb ein solches Blaubuch 1i, wie es hier vorliegr. Man wird immerhin erstaunen, wenn man sieht, daß diese, die Juden in Rumänien und Serbien von 1807 —1877 betreffenden Actenstücke der englischen Regierung 644 Nummern befasien und 359 Seiten klein Folio einnehmen'. Das Jahr 1867 vom 30. März an zählt 101 Nummern, 1868 134, 1869 103, 1870 58, 1871 nur 2, 1872 wieder 90, 1873 49, 1874 44, 1875 nur eine Nummer vom 12. Februar, 1876 vom 12. Mär; ab 32 und 1877 bis zum 6. April 28. Diese Thätigkeit im auswärtigen Amte zu Gunsten der rumänischen und serbischen Juden gehl von allen Ministerien seit 1867 aus: auf Lord Stanley folgt am 24. December 1868 der Earl of Clarendon, auf diesen am 7. Juli 1870 der Earl 1) Zur Notiz fiir Leier, welche in der Politik weniger bewandert find, diene, daß die auswärtigen Ministerien derjenigen Staatsregicrungen, welche ihren Parlamenten von Zeit zu Zeit Actenstücke mittheilen, diese in einem Bande von bestimmter Farbe erscheinen lassen, und daß diese deshalb Blaubuch, Gelbbuch oder Vgl. genannt werden. Granville, und diesem schließt sich am 16. März 1874 der Earl of Derby an, der bereits einmal am 22. Mai 1872 verkommt. Von Bedeutung ist es jedoch bet dieser großartigen Erscheinung hervorzuheben, daß der Impuls zumeist von jüdischen Männern hervorragender Stellung ausgegangen, und sämmtliche Schriftstücke theils in Zuschriften dieser an das auswärtige Amt, theils im Schriftwechsel des letzteren mit den Gesandten, Consuln und Consularagenten und in Antworten des auswärtigen Amtes an jene Vertreter des Judenthums bestehen. Unter den letzteren erscheint am öftersten Sir F. Goldsmid, der unermüdlich lhäiig ist, dann Sir Moses Montesiore, ferner Mr. Montefiore als Präsident des Board, Baron L. de Rothschild und Mr. Mocatta, drei Male wendet sich A. Crvmieux als Präsident der Allianz an das englische Ministerium, zuletzt auch Mr. Loewy, rer Secremr der Jewish-Anglo-Association und Baron de Worms. Die Anzahl der Gesandten, Consuln und Consularagenten, die ihre Berichte an das auswärtige Amt geliefert haben, ist groß, und es treten uns die bekanntesten Namen wie Lord Lofrus, Bloomfield, Odo Rüssel, H. Elliot u. s. w. entgegen. Außer betreffs der rumänischen und serbischen Juden sind noch Actenstücke eingestreut, welche die Gleichstellung ver Juden in der Türkei behandeln. Diese sind von der erfreulichsten Art, denn sie constatiren baldigst, daß die türkische Staatsregierung keinen Unterschied zwischen ihren christlichen und jüdischen Unterthanen zu machen gedenke, sondern gleiche Rechte allen Nichtmuselmännern verleihen wolle, und zwar gleiche Rechte mit den Muselmännern selbst. Indem mir uns Vorbehalten, einige interesiante Mittheilungen auch aus den früheren Jahren zu geben, wollen wir heute nur die Schriftstücke des laufenden Jahres (bis zum 6. April) einsehen. Sie betreffen die schaurigen Vorgänge in Vaslui und die Lage der Juden in Serbien. Die crsteren spiegeln den ganzen Verlauf dieser traurigen Ereigniffe ab. Auf die Klagen der Juden wird den Vertretern Englands in Rumänien gegenüber einfach die Wahrheit derselben abgeleugnet, dann diese als übertrieben und mit dem Zwecke erfunden, Rumänien Schwierigkeiten zu bereiten charakterisirt, bis der Generalconsul Oberstlieurenant Mansfield sich von der Richtigkeit rer Angaben seitens der Juden völlig überzeugt hat. Doch wird nichts weiter erlangt als die Absetzung des Präfecten und dreier Unterpräfetten. Der neu eingesetzte Präfect Miclescu erscheint Herrn Manssield in seiner Gesinnung gegen die Juden als sehr zweideutig. Am Schluffe figurirr eine Antwott des Ministers Jonesco (in französischer Sprache), die den ganzen Charakter des Rumänen bekundet. Er behauptet, ein Theil der vertriebenen Juden habe gegen das Gesetz Spiritushanoel getrieben, den die Gemeindebehörden geduldet hätten. Sie sollten deshalb keine Strafe bezahlen uno 3 Monate Zeit haben ihr Geschäft zu liquibiren. Die anderen Vertriebenen, ungefähr 124 jüdische Familien, übergeht er mit Stillschweigen. Welch' ein Hohn 1 Denn wenn es 23*

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