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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-06-05 · Heft 23 (5.6.1877) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 23 (5.6.1877)
Date
1877-06-05
Page
Seite 358 (sequence 2)
Language
German
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358 Erscheinung frappirt. wobei es als eigenthümlich auffallt, aber bald erklärlich wird, daß sie von der liberalen Seite ausgeht. Es ist aber, weil in diesem besonderen Falle ein hervorragender Liberaler seinen Principien und seiner eigenen bisherigen Handlungsweise untreu geworden. Es ist nicht unsre Sache, über Rußland und die Türkei, über Recht oder Unrecht auf der einen oder der anderen Seite ein Urtheil zu fallen. Die große Politik, d. h. der weltgeschichtliche Verlauf und die mächtigen Ereigniffe, die bestimmend auf denselben einwirken, ist allerdings auch unser Terrain, infonders wie weit die Principien dabei berührt werden, auf welchen auch unser, des Judenthums und der Juden Dasein beruht. Aber die Politik im Einzelnen, die politischen Verhaltniffe der Staaten zu einander, gehören nicht zu dieses Blattes Domäne. Wir beklagen auf's Tiefste den wiederentbrannten Krieg und sind weit davon entfernt, die Erreichung humaner und civilisatorifcher Zwecke von ihm zu erwarten. Wir fürchten diesen neuen Brand, weil aus ihm ein verheerender Religions¬ und Racenkrieg entstehen kann. Ein kleines Vorspiel erleben wir eben in England, und es ist einmal das unerfreuliche Geschick der Juden, daß jeder große Orkan auf dem Weltmeere der Menschengesellschaft seinen Wellenschlag noch besonders bis in die Hütten der Juden treibt. Wie gesagt, wir selbst sprechen keine Meinung über die beiden kriegführenden Mächte auS. Aber eine unleugbare Thatsache ist es, daß auf dem Boden, auf welchem der Krieg entbrannt ist, die englischen Jntereffen den russischen geradezu gegenüberstehen. Jeder Fortschritt der russischen vermindert die Sicherheit der englischen Herrschaft und gefährdet seibst die englischen Handelsintereffen. Wären wir hierüber in Zweifel oder Unkenntniß, so belehrte uns die Geschichte vollständig hierüber, und die Lage der Dinge hat sich seit dem Krimkriege, den die Engländer nur aus diesem Grunde führten und nicht aus ehrgeizigen Absichten wie Napoleon UI., nicht dermaßen verändert, daß England einer anderen Tendenz folgen müßte. Anders ist nun die Ansicht Gladstone's geworden. Er, der im Krimkriege als einer der eifrigsten Gegner Rußlands, als einer der thätigsten Bertheidiger der Türkei gewirkt hat, schwärmt gegenwärtig für den Untergang der Türkei, und will nicht allein für Rußland völlige Actionsfreiheit, sondern auch daß England seine Waffen mit den russischen vereinige, um der Türkei vollständig den Garaus zu machen. Eine Londoner Correspondenz in Nr. 21 dieser Zeitung hat die Ursachen dieser Umwandlung Gladstone's klar dargelegt. Nicht allein die Opposition gegen das conservative Ministerium, sondern der religiöse Zelotismus, der sich seiner in den letzten Jahren aus seiner theologischen Beschäftigung heraus bemächtigt hat, drängt ihn dazu als die Aufgabe unsrer Zeit anzusehen, den Islam zu vernichten und das Kreuz auf den Trümmern der islamitischen Welt aufzurichten. Hierüber vergißt er die englischen Jntereffen ganz und gar; hierüber vergißt er, daß, kehren sich die englischen Waffen gegen den Islam, fast 80 Millionen Mohammedaner in Indien und den Nachbarländern — und es ist dies der kräftigste Theil der indischen Bevölkerung — Todfeinde Englands werden. Man weiß nun, vaß dieser Zelotismus Gladstone bereits um die Theilnahme der liberalen Partei und deren Führerschaft gebracht hat. Aber gerade darum, und im Bewußtsein, daß er voraussichtlich seine politische Rolle verloren habe, fällt er um so feindlicher über Alles her, was nicht mit ihm übereinstimmt, und bei solcher Gelegenheit pstegt man die schwächeren Gegner am heftigsten anzubellen. Die hervorragenden jüdischen Männer Großbritanniens sehen die Dinge anders an als Herr Gladstone. Sie verstehen die englischen Jntereffen in unveränderter Weise; sie find keine Freunde der Religionskämpfe und glauben auch an die Berechtigung des Islam, da er einmal in der Welt ist; sie wollen Glaubensfreiheit und den Frieden aller Racen, und verzweifeln durchaus nicht, diese auch in der Türkei herrschend werden zu sehen. Die Macht der sich entwickelnden Verhältnisse scheint ihnen für diese großen Principien viel wirksamer als die Macht der Waffen, die schließlich doch nur den Sieg der einen Seite erwirkt. Wir wiffen in der Thal nicht, inwieweit gerade jene jüdischen Männer ihre Ansichten kundgethan und bethätigt haben. Sie gehören, soweit sie Mitglieder des Parlaments sind, zu der liberalen Partei, und wahrscheinlich zu der Mehrheit der letzteren, die sich von Gladstone getrennt hat. Darum die Wuth desselben auf sie. Schon früher hat er sie in einem offenen Briefe deshalb angegriffen. Nach seinem jüngsten Fiasco hat er es in gleicher Weise und in noch schärferem Tone gethan. Die englischen Juden könnten sich beruhigen. Es hat sich gezeigt, daß Die große Mehrheit des Parlaments, ja daß die Majorität der liberalen Partei wie sie denkt, und auf dem Continente selbst, wo doch die englischen Interessen nicht mitsprechen, zahllose Individuen, auch in den intelligentesten und humansten Kreisen dieselben Ansichten haben. Aber man weiß, daß man dem Vorurtheile und Haffe gegen die Juden nur einen Thorflügel zu öffnen hat, um viele Nachfolger sich hineindrangen zu sehen. So ist es auch bereits in England geschehen. Da ist ein gewisser Evans, der die Ausdehnung des Wahlrechts auf die ländlichen Arbeiter betreibt, und sich dabei zum Parteigänger Gladstones aufgeworfen, nun im Sinne des letzteren alle Gegner als Juden, vom Premierminister an, schmäht. Organe der ruffen-fteundlichen Partei, wie das „Echo", machen geradezu im mittelalterlichsten Judenhaffe. Es ist ganz dasselbe Manöver, was auf dem Continente die Ultramontanen und Pietisten verwenden. Man will sämmtliche Gegner als Juden und Anhänger derselben dem Volke verächtlich machen. Ein Correspondent der „A. A. Z." selbst sagt, daß, „wenn man diese Ausbrüche von Wuth liest, man sich in die dunkelsten Zeilen versetzt glaubt" — wir fügen hinzu: man die Juden im Besitz einer dämonischen Gewalt, eines dämonischen Zaubers glaubt, durch welchen das kleine Häuflein ungeheure Völker zu verschlingen vermag. Wir bedauern diese unverschuldeten Vorkommnisse gerade in England sehr, nicht als

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