Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1877)
- Date
- 1877-05-29
- Page
- Seite 349 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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349 ein derartiges Gefährt zu besteigen, und bedeuten den Berschar, dessen singendes Polendeutsch uns nahezu unverständlich ist, er möge uns längs des Kais spazierenfahren nach Osten bis zum Bahnhofe." Dies klingt doch anders als die verlogenen Urtheile der Rumänen über ihre jüdischen Mitbürger, die sie nur als Händler, Trödler und Schankwirthe schildern. London, 18. Mai. Ein neues Blaubuch, dessen Inhalt der Zustand und die Behandlung der Juden in Serbien und Rumänien während der Jahre 1867—1876 bildet, ist soeben erschienen. Es bringt auf 359 Seiten die über jenen Gegenstand geführte Correspondenz, beginnt mit einer Depesche Lord Stanley's an Lord Lyons vom 30. März 1867 und schließt mir einem Bericht des Oberst-Lieutenants Mansfield an Lord Derby, datirt Bukarest, 6. April 1877. Diesem Berichte ist ein Schreiben des Herrn Jonesco an den britischen Agenten betreffs der an moldauischen Juden verübten Gewaltthaten beigegeben. Der Schluß des Manssield'schen Brieses lautet: „Ew. Lordschaft werden in der beifolgenden Note ohne Zweifel mit Befriedigung bemerken, daß die rumänische Regierung die Verhältnisse bis zu einem gewissen Grade zu mildern geneigt ist und zugiebt, die Gesetze seien mit einer gewissen Voreiligkeit in Ausführung gebracht worden." (Wir werden, sobald uns dieses Blaubuch zugekommen fein wird, einen weiteren Auszug liefern.) Rußland. Aus Russisch-Asien, im April. Das griechische Journal „kkea Smyrni“ hat angekündigt, daß die Israeliten von Tiflis (russisch Georgien) seit der Eröffnung der Feindseligkeiten aus der Stadt verbannt seien, und daß ihnen nur eine Frist von vierzehn Tagen (!) zum Verkauf ihrer Immobilien (!) bewilligt worden sei. (Wir müssen die Bestätigung dieser Nachricht abwarten, denn wir können uns nicht denken, daß ein Krieg für die Befreiung der Christen durchaus mit der Vertreibung der Juden, die man auch aus dem Kosackenlande beabsichtigt, verbunden sein müsse! Redaction d. A. Z. d. I.) Petersburg, ll. Mai. Man schreibt der „A. A. Z.": „Die russischen Zeitungen bedauern, daß unter den zahlreichen Armeelieferanten, welchen die Heeresleitung die Verpflegung der Operalionsarmee anvertraut hat, das Judenthum sehr vorherrschend vertreten ist. Ihrer Meinung nach hätte dies nicht Vorkommen können, wenn es den national-russischen Kaufleuten nicht fast durchweg an dem nothwendigen Unternehmungsgeist fehlte. (Auch hier zeigt sich, daß die Unfähigkeit stets mit der kleinlichsten Gesinnung, mit Mißgunst und Haß verbunden ist.) Marokko. Paris, 15. Mai. Hier angelangte Briefe aus Fez zeigen an, daß der Sultan von Marokko die Absicht, den alten Friedhof der Israeliten sich anzueignen, und zu seinem Palastbezirk zu schlagen, aufgegeben habe, und die Israeliten ruhig im Besitze und im Gebrauche desselben belassen wolle. (Wie wir berichtet haben, halten sich auch die israelitischen Schriftgelehrten gegen diesen Gewaltstreich erklärt. —. Eine weitere Mittheilung berichtet, daß der Sultan seine Bauten an einem andern Platze beginnen ließ, weil die Araber sich weigerten, die jüdischen Leichen aus dem israelitischen Friedhofe anszugraben. (Unsre obige Voraussetzung hat sich also bestätigt). Amerika. New-Aork, 27. April. Das „Hebr. - Leader" schreibt: Mit den Dampfschiffen „Baltic" und „City of Berlin", welche am 20. und 27. d. ankamen, sind unter den Passagieren über 80 Glaubensgenossen eingetroffen. Der Oberbeamte in Castle Garden theilt uns mit, daß in der jüngsten Zeit eine beträchtliche Anzahl Israeliten mit jedem Dampfer und aus jedem Lande in den vereinigten Staaten eingetroffen sind. — Am letzten Sonntag fand die jährliche Versammlung des israelitischen Wohlthätigkeits- und Waisen-Asyls-Vereins unter großer Theilnahme cer Mitglieder statt. In der Abtheilung für Knaben waren im verflossenen Jahre l 65, in der Industrieschule, die mit dem Asyl verbunden ist, 33, in der weiblichen Abtheilung 89 und auswärts 14 Waisen erzogen worden, zusammen 30 t Waisen. Die Einnahmen betrugen 94,181 Dollars, worunter 32,280 Beiträge von den Mitgliedern und 31,804 Dollars als Beitrag der Stadt. Die Ausgaben, einschließlich der für anderweitige Wohlthätigkeitszwecke ausgegebenen Summen betrugen 73,302 Dollars, so daß ein Ueberschuß von 20,879 Dollars verblieb. Alle Verhältnisse der Anstalt wurden einer sorgsamen Prüfung und Debatte unterzogen, die schließlich mit dem Ausdruck der Zufriedenheit mit den Leistungen des Vereins endete. St. Louiö, 1. Mai. (Privatmitth.) Die amerikanischen Gemeinden müssen, abgesehen von dem allgemeinen Interesse, den ihr Bestand und ihre Blüthe für das Judenthum hat, ihren Schwestern in der alten Welt eine besondere Theilnahme gegenwärtig einflößen, wo die Beitragspflicht und Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gemeinde in immer mehr Ländern das Zwangsrecht verliert. Allerdings bleibt hier der Unterschied bestehen, daß in den europäischen Städten von Beginn an nur eine Gemeinde existirt, während in den amerikanischen sich von vornherein mit der Ansammlung von Bekennern des Judenthums mehrere Gemeinden unabhängig nebeneinander bildeten. Es fand also hier gerade das statt, was man in Europa vermeiden will. Hier zu Lande hatte aber diese Trennung im Allgemeinen keine religiösen Momente, sondern meist nur Opportunitaisgründe zur Unterlage; wie denn reformistische Gemeinden an demselben Platze neben- I einander existiren, und ebenso conservative. Ein anderer Unter-