Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1877)
- Date
- 1877-05-29
- Page
- Seite 347 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227146--35389-3305346- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
347 Kreisrabbiner, Herr Dr. S. Gelbhaus, ein ehemaliger Hörer der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums. Borgestellt vom Bürgermeister, hielt der Rabbiner im Namen seiner Gemeinde eine sehr warme Ansprache, in welcher er ohne irgend eine politische Anspielung die loyale Gesinnung und die Opferwilligkeit der Israeliten für König und Vaterland zum Ausdruck brachte. Die Antwort des Erzherzogs hat immerhin einige allgemeine Bedeutung, und sei daher hiermit wörtlich mitgetheilt. Sie lautete: „Ich danke Ihnen und Ihrer Gemeinde für die freundlichen Worte, die Sie an mich gerichtet haben. Es freut mich, eine solche patriotische Kundgebung von Ihren Glaubensgenossen zu vernehmen. Se. Majestät kennt die Treue seiner Israeliten und ihre Ergebenheit für seinen Thron. Der Kaiser hofft, daß die Israeliten aller seiner Länder auch künftighin unter allen Söhnen des Vaterlandes sich auszeichnen werde. Ich werde den Ausdruck Ihrer Loyalität Sr. Majestät dem Kaiser mittheilen." Serbien. Paris, 1. Mai. Das Bulletin der Alliance enthält noch einige intereffante Mittheilungen über die Lage der Israeliten in Serbien, die wir hier, wenn sie auch schon etwas verspätet sind, der Vollständigkeit wegen wiedergeben wollen. Vier serbische Israeliten sind wahrend des letzten Krieges decorirt worden, 2 für ärztliche und 2 für Waffendienste. Die ersteren sind die Herren vr. Samuel Pops, Gemeindearzt von Belgrad, und vr. Brüll, die den Orden des Tocovoerkreuzes erhalten haben; der dritte, Herr Benjamin Russo, hat die silberne Medaille für seine Tapferkeit bei einem Angriff auf Gramada erhalten, und der vierte, Herr Michel Os er, ist derjenige, welcher den Israeliten am meisten Ehre gemacht hat und von dem man in ganz Serbien spricht; als Hornist in der Schwadron des Departements von Belgrad ist er 8mal im Feuer gewesen, hat sich jedesmal ausgezeichnet, und ist in der Schlacht von Schumatowatz auf dem Schlachtfelde decorirt, zum Brigadier avancirt und zum Hornist des Generalstabs ernannt worden. Man erinnert sich, daß viele Zeitungen die Wahl eines israelitischen Deputirten in die Große nationale Skuptschina, die neulich in Belgrad versammelt gewesen ist, erwähnt haben; diese Thatsache wird von den inzwischen dem C.-Comilö zugegangenen Mittheilungen bestätigt: Der gewählte Israelit ist ein Mann von Verdienst, der durch seine Einsicht der von ihm geleiteten Gemeinde wichtige Dienste geleistet hat. Er heißt Abram M. Os er, ist 30 Jahre alt und gehört einer Familie von ehrenwerthen Kaufleuten in Belgrad an. Seine Wahl hat unter folgenden Umständen stattgesunden: Nach dem Sturze des Minifiereums Marinowitsch bemühte sich das Ministerium Tschumitsch, das ihm folgte, die Israeliten für seine Partei, die der Conservativen, zu gewinnen, was ihm auch gelang, so daß wir bei den Wahlen"zur Großen nationalen Skuptschina für die conservativen Candidaten, gegenwärtig von der Opposition, zu stimmen hatten. Aber die Israeliten wollten, daß es auch einen israelitischen Candidaten gebe, und die conservative Partei bewilligte diese Forderung um so bereitwilliger, als sie gegen den vorgeschlagenen Candidaten, Herrn Oser, große Verpflichtungen hatte. Die Israeliten versammelten sich sodann behufs definitiver Verständigung über die Wahl ihres Abgeordneten in dem Local des Tikim cimroll,-Vereins, wo nach dem üblichen Gebet der Rabbiner eine Ansprache hielt, in welcher er die Anwesenden dringend bat, sich nicht der Wahl zu enthalten, da ihre Betheiligung bei der Stimmabgabe eine nothwendige Bedingung zur Erlangung ihrer Rechte sei. Mittlerweile hatte der Präfect von Belgrad, der über diese Versammlung fälschlich unterrichtet worden war, von dem Maire des Jubenquartiers Bericht einfordern laffen, und erklärte, da er die beruhigendste Auskunft erhalten, daß die Candidatur des Herrn Abram M. Oser nicht bloß den Wünschen des Ministeriums entspreche, sondern daß die Regierung sie sogar zu der ihrigen mache und befürworte; Herr Oser werde am folgenden Tage unter den 8 officiellen Candivaten figuriren. Auf riese Weise, sowohl durch die Regierung, wie durch die Opposition unterstützt, hatte der israelitische Candidat die Stimmen beider, eingeschloffen derjenigen der höchsten Persönlichkeiten, wie der Herren Marinowitsch, Magazinowitsch :c., und vereinigte auf sich die größte Stimmenzahl (454 von 752 Wählern). Er hätte übrigens auf alle Fälle gesiegt. Der Correspondent, dem wir vorstehende Mittheilungen verdanken, glaubt dennoch nicht, daß diese offenkundige Demonstration der Regierung zu Gunsten der Israeliten als ein Beweis befferer Gesinnung derselben angesehen werden muffe, und setzt in folgender Weise seine Anschauung von der Sache auseinander: Von allen Friedensbedingungen, die Serbien auferlegt wurden , war ihm diejenige, die sich auf die Israeliten bezog, die peinlichste. Sie formell zurückzuweisen, hieße einen eigenthümlichen Beweis von Civilisation geben seitens eines Staates, der soeben die Humanität Europas angerufen hatte; andererseits entschlossen', sie nicht zu unterschreiben, fühlte dieser Staat das Bedürfniß einer Ausflucht, die ihm die israelitische Candidatur in dem genannten Punkte darbot. Indem der serbische Staat der Türkei versprach, den Israeliten sehr gern die bürgerlichen und staatlichen Rechte zu gewähren, hatte er zugleich den Vortheil, durchzusetzen, daß die betreffende Clausel unentschieden blieb und daß er sich in den Augen Europas den Anschein geben konnte, Gerechtigkeit zu üben, da er sich für die von Herrn Oser in Finanzsachen und besonders bei der Anleihe erwiesenen Dienste dankbar beweise. Die für die Große nationale Skuptschina vorbereitete Petition konnte nicht überreicht werden, da diese Versammlung in Wirklichkeit nur zwei Stunden dauerte. Nachdem die Wahlen verificirt waren, erschien der Fürst mit dem ganzen Ministerium