Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1877)
- Date
- 1877-05-29
- Page
- Seite 343 (sequence 3)
- Language
- German
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343 unv Jrrthümern hat, die unaufhörlich in belletristischen, geschichtlichen und selbst wissenschaftlichen Schriften und im größten Theile der periodischen Presse unaufhörlich verbreitet werden, der wird eine ganz andere Polemik von Seiten der Juden voraussetzen, als sie in der That stattfinvel. Es ist ein verhältnißmäßig äußerst geringes Maß, mit welchem die jüdische Feder selbst nur die Abwehr und Vertheidigung versucht, um wie viel weniger den Angriff. Man behauptet nun, daß eine große Zahl der in den Journalen erscheinenden antikirchlichen Artikel von Juden herrühre. Den Beweis hierfür bleibt man schuldig. Es mag immerhin einige jüdische Literaten derart geben. Diese schreiben aber ebenso gegen das Judenrhum. Wir können einige Artikel aufweisen, die von Juden herrühren müssen und gegen die Synagoge und ihre gottesdienstlichen Gebräuche auf's heftigste azituen. Nach dieser Richtung hin wenden sich radikale Skribenten ebenso sehr gegen das Judenthum wie gegen das Christenthum, die sie von ihrem Standpunkte aus identificiren. Wir wollen durchaus nichts beschönigen, aber es ist unmöglich anders zu urtheilen, als daß die Anklagen hinsichtlich der Preffe erfunden oder überaus übertrieben, im Grunde falsch sind. Wenn bei wissenschaftlichen Untersuchungen in Werken, welche von Juden geschrieben sind, andere Resultate sich ergeben, als die Ultramontanen und Pietisten annehmen, so ist dies kein feindseliger Act, sondern einfach das Ergebniß der Forschung, das aus anderen Voraussetzungen hervorgehl. Gleiches findet bei zahlreichen christlichen Autoren statt. Gerade auf rem geschichtlichen Gebiete z. B. haben jüdische Schriftsteller die größte Unparteilichkeit erwiesen, und darin nicht selten katholische und protestantische Geschichtsschreiber übertroffen. Es ist wahr: zwischen dem Jndenthume und der Kirche besteht hinsichtlich der Glaubenslehren und der cultuellen Formen eine unausfüllbare Kluft — aber können darum die beiden Religionen nicht tatsächlich in Ruhe und Frieden nebeneinander leben? Das Judenthum hat niemals ernstlich die Tendenz gehabt, dem Christenthume durch Bekehrung seiner Bekenner Abbruch zu thun, und die äußeren Verhältnisse waren noch weniger angethan, solches zu befördern. Es ist merkwürdig, daß, wahrend sonst die ältere Secte die jüngere mit unversöhnlicher Feindseligkeit behandelt, hier umgekehrt die Tochter die Mutter verfolgt. Ging dies doch so weit, daß man die h. Schrift der Israeliten als die Quelle und den Untergrund des Christenthums betrachtete, ihre Göttlichkeit lehrte und doch wiederum derselben die gröbsten Jrrthümer, z. B. einen Gott des Zornes und der Rache, Menschenhaß und Wucher zuschrieb, nur um die altere Religion hintenanzusetzen und zu schmähen. Wenn aber die Furcht und die Gehässigkeit als die Motive, aus welchen die Ultramontanen und Pietisten die vorgeschützte Feindschaft der Juden ziehen, nicht allein unbegründet sind, sondern von ihren Schriftstellern, selbst als bloße Vorwände aufgestellt sein müssen, also nur als Täuschungsmittel gebraucht werden — wie haben wir uns dieses Gebahren doch nun zu erklären? Die Antwort ist einfach. Es ist die alte Ausschließlichkeit der Kirche, die nach dem Grundsätze: „Wer nicht mit mir ist, ist wider mich" Alle als Feinde ansieht und behandelt, welche ihr nicht zugehören, und die, wie es sich eben an den Juden erweist, noch heute die Diener und Vertreter der Kirche beherrscht. Sie sieht in den Juden zunächst Elemente, die zur Zeit ihrer unbedingten Herrschaft trotz der außerordentlichsten Mittel sich ihr nicht beugten, und noch heute sich ihr nicht zuwenden. Sie sieht alsdann in ihnen ein Beispiel, daß Menschen in einem anderen Glauben, als dem christlichen, sich befriedigt und des ewigen Lebens theilhaftig, sich Gott nahe und in Liebe und Gerechtigkeit befestigt fühlen und wissen — und dies ist es, was ihr zuwider ist und bleibt. Nun haben sich allerdings die Zeiten sehr geändert. Die Kirche hat sich nicht nur in Consessionen gespalten, sondern große Massen ihrer Bekenner haben sich dem kirchlichen Sinn und Leben, der kirchlichen Gläubigkeit entzogen. Der Katholicismus empfindet dies in den sg. katholischen Staaten, z. B. Frankreich, Belgien, Bayern und Oesterreich ebenso wie der Protestantismus in den protestantischen Staaten. Der Kampf der Kirche ist daher stark genug auf ihrem eigenen Boden provocirt. Man sollte daher glauben, daß das kleine Häuflein Juden, dieses achtzigste Bruchtheil von der streitenden Kirche übersehen und in Ruhe gelassen werden könnte! Aber die alte traditionelle Gesinnung laßt auch diesen Theil ihrer Slreitobjecte nicht fahren; sie bleibt dabei, die Juden als ihre Feinde zu betrachten. Und hierzu kommt noch ein diplomatischer Gmnd. Sie rechnet auf das noch in den christlichen Geistern vorhandene Borurtheil gegen die Juden, und bedient sich deshalb desselben, um alle ihr entgegengesetzten Elemente als „Juden und Judengenossen" dem Volke verächtlich zu machen, oder wenigstens in Mißcredit zu bringen. Wir wollen dieses Verfahren nicht charakterisiren. Man kann es weder offen, noch religiös nennen. Hiernach ftagen aber die Streiter der Kirche nicht. Bisweilen gelingt es ihnen damit, und die ganze Jntrigue bleibt nicht ohne Erfolg. Im Ganzen nutzt sich aber auch dieses Mittelchen immer mehr ab, und wir haben nur den Zeitpunkt abzuwarten, wo sich auch den Wortführern dieser Partei die Nutzlosigkeit als Thatsache aufdrängt. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 15. Mai. 8erie de six leltres sur le mariage mixte par L. Kahn, Bruxelles, Vanderauwera. 1877. Man wird diese sechs Briefe über einen so heikel« Gegenstand, die Mischehe zwischen Juden und Christen, mit großem Interesse lesen. Der Verfasser ist vom wärmsten religiösen Gefühle beseelt und hat eine feine Empfindung für die Herzenszustände des Menschen. Seine Sprache ist feurig und effectvoll. Er untersucht den Gegenstand nicht vom theologischen und socialen Stanv- 22*