Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1877)
- Date
- 1877-05-29
- Page
- Seite 342 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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342 daraus Veranlassung, Schmähgedichte aus einer geistlichen Feder auf „Juden und Judengenofsen" gemeinster Art, sowie plattdeutsche Schmähschriften unter dem Volke, namentlich in den ländlichen Bezirken zu verbreiten, und überall die Juden als die ärgsten und gefährlichsten Feinde der Kirche darzustellen. Daß bei Wahlen die Parteien aufeinanderplatzen und gegenseitig zu agitiren suchen, ist selbstverständlich. Die Hauptfrage aber ist, welche Mittel gebraucht, welche Wege eingeschlagen werden von einer Partei? Ruft sie die Interessen der Gesellschaft und des Staates, selbst wenn sie diese irrig aufsaßt, an, oder sucht sie ihre Hülfe bei Haß und Borurtheil, bemüht sie sich ihr Ziel durch Verleumdung und lügenhafte Behauptungen zu erreichen, und scheut sie sich nicht, die schlimmsten Leidenschaften im Herzen des Volkes zu entzünden? Dies charakterisirt die Partei. Aber es giebt solche, welche sich selbst zu entwürdigen nicht scheuen, wenn sie nur ihre Absichten durchsetzen! Da fragt man sich: auf welche Weise erklären wir uns dieses Verfahren der Geistlichen beider Confessionen? Ist es möglich, daß sie wirklich irgend welche Furcht vor den Juden hegen? Man kann sich dies nicht denken, wenn man erwägt, daß es sich um 6—7 Millionen Juden mehr als 400 Millionen Christen gegenüber handelt, wenn in Preußen wie in Deutschland überhaupt ein Jude 79 Christen gegenübersteht; wenn man bedenkt, daß das Judenthum ganz allein auf sich selbst angewiesen ist, während der Kirche eine bedeutende Staatshülfe, eine vom Staate geschützte Organisation, mannigfache Vorrechte in den staatlichen Einrichtungen, die Herrscher, Regierungen und (mit einer sehr geringen Ausnahme) alle Staatsbeamte zur Seite stehen. Es ist nicht möglich, daß da irgend ein vernünftiger und nicht geradezu verkehrter Kopf irgend einen Schaden für die Kirche von Seiten der Juden ernstlich befürchten könne. Man kennt die gewöhnliche Leier, um diese zur Schau getragene Furcht zu rechtfertigen, vom Einfluffe der Juden durch die Presse und das Capital. Längst und wiederholt ist nachgewiesen, wie äußerst gering der Besitzstand der Juden gegenüber dem der christlichen Welt im Ganzen ist; wie der Reichthum, der in den Händen einer kleinen Zahl unter den Juden sich befindet, schon allein vor dem ungeheuren Grundbesitz von christlicher Seite völlig verschwindet; ebenso erweist sich der Einfluß einiger tüchtigen Publizisten aus der Reihe der Juden als völlig ohnmächtig gegen die ungeheure Streitmacht der Presse in allen Welttheilen. Die Gegner wollen sich davon nicht überzeugen lassen, weil sonst die Schreckbilder lächerlich würden, die sie dem Volke vorzuhalten nicht müde werden. Dahingegen wäre doch wohl als ein bedeutendes Moment in Anschlag zu bringen, wie viel Mißachtung, ja Verachtung man noch immer auf die Juden häuft und in den Herzen zahlloser selbst aufgeklärter Christen nähert. Man sollte doch wohl glauben, daß der Einfluß der Juden dadurch nicht allein paralhsirt, sondern im Ganzen für die Gesellschaft auf das niedrigste Maß herabgedrückt werde. — Man bleibt daher auch nicht dabei stehen, Furcht vor den Juden einzuflößen, sondern man beschuldigt sie auch der äußersten Gehässigkeit gegen die Kirche, wie z. B. jüngst der abgesetzte Bischof Martin, als er die Feinde seiner Kirche aufzählte, die Juden als die ärgsten und ersten, den Protestanten und Altkatholiken noch voranstellte. Die protestantischen Pietisten 'timmen ihm auch hierin bei. Freilich, wollte man diese Leute um Thatsachen befragen, sie würden verstummen müssen. Denn gerade die Juden hegen die größte Achtung und Scheu vor den Heiligthümern Andersgläubiger. Wir wollen uns daraus kein besonderes Verdienst machen; denn fünfzehn Jahrhunderte haben uns gelehrt, welche Geißel in den Händen unsrer Verfolger die Erfindung von Heiligthumsschändungen, die wir begangen haben sollten, z. B. Hostienentweihung, sei, als, daß wir solche wirklich üben sollten. Aber es kommt die positive Scheu hinzu, welche seit uralter Zeit den Juden einwohnte, sich mit den Lehren und Formen anderer Religionen zu beschäftigen. Die Juden bilden daher gerade auf dem religiösen Gebiete den friedfertigsten Theil der Bevölkerung. Dies weiß und sieht auch das Volk. Alle Bemühungen der Hetzcapläne brachten nirgends irgend eine Mißhandlung der Juden herbei. Denn wenn das Volk von der Anhörung einer Hetzpredigt oder von der Lectüre eines Hetzartikels kam, und sich seine jüdische Umgebung ansah, fand es gar keine Veranlassung, sich gegen sie wegen irgend einer Gehässigkeit gegen die Kirche zu wenden. Nicht ein Wort, nicht eine Geberde eines Juden kam vor, daß sich ein Christ darüber ereifern konnte. Jndeß haben jene Herren doch eine Antwort bereit: sie sagen, an der Wahlurne, im Parlamente, durch die Presse wirken die Juden feindlich gegen die Kirche. Daß auch dies eine Unwahrheit, brauchen wir kaum zu bemerken. Daß die Juden den Candidaten der Ultramontanen und Pietisten ihre Stimme nicht geben, das hat keinen religiösen, sondern einen politischen Grund. Nicht weil sie kirchlich gesinnte Männer sind, sondern weil sie sich offen gegen die Gleichstellung der Juden erklären und ihre Partei die letzteren auf's Schmählichste kränken und befeinden, werden sie ihnen niemals ihre Stimme geben. Was das Benehmen der Abgeordneten jüdischer Religion in den Parlamenten betrifft, so stehen diese doch nur je auf der Linie der Partei, der sie überhaupt angehören; sie verfahren ebenso wenig als Juden, als sie Abgeordnete der Juden sind; sie sind Vertreter des Volkes von dem sie gewählt worden. In der Natur der Sache liegt es, daß jüdische Abgeordnete der Centrumspartei nicht angehören können. Betrachtet diese alle anderen Parteien nicht blos als ihre Gegner, sondern als ihre Feinde, so liegt dies an ihr selbst, nicht aber an den Parteien. Und dennoch können wir dreist die Forderung stellen, die Redner jüdischer Religion zu nennen, welche sich in feindseligem Sinne gegen die Kirche jemals geäußert haben. — Und wie steht es nun um die Presse? Wem fällt hierbei nicht die Fabel vom Wolf und Lamm ein? Wer einen Blick auf die immense und immerfort wachsende judenfeindliche Literatur wirft, wer nur eine Ahnung von den Kränkungen, Unwahrheiten