Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1877)
- Date
- 1877-05-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgezeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. Beilagen werden mit 1 Marl 2 ü Pf. pro Hundert berechnet. In redactionellen Anaelezenhriten wende man sich an Dr. £. philiPiison in Bonn; binstchUich deS Bezugs und der Inserate an Saumzartuer', Lachdandlusg inLeivzig. Inserate, welch« diS Oouuer»- tag cingeben, finden inder raranffolgcwden Nummer Berücksichtigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 biS 2>/. Bogen. Preis Bierteljähria 3 Mark. Inserate werden mit 2v Pf. siir die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchbaudlunzen. Postämter und Zeitungs - tLxpeduivuen nehmen Bestellungen au. 41. Jahrgang. Leipzig, den 29. Mai 1877. 22. Inhalt. Leitende Artikel: Die Kirche und die Juden. — Literarischer Wochenbericht: Bonn.— Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Cassel, Wreschen (Posen), Seesen. —Oesterreich-Ungarn: Wien, Karlstadt lKroatien). — S erbren: Paris. — Rumänien: Bukarest, Galatz. London.— Rußland: Aus Russisch-Asien, St. Petersburg. — Marokko: Paris. — Amerika: New- 3)ort, St. Louis. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Die Geschicke der Juden in der Stadt Metz. — Vermischtes. -Celteiu)e< (9Cthf;ef. Bonn, den 23. Mar. Die Kirche und die Juden. Noch heute erklärt die Kirche täglich, daß die Juden die Feinde der Kirche seien, nicht blos die ultramontane, sondern auch die protestantisch-pietistische. Wir sehen hier von der Vergangenheit ab. Die Zeiten, wo der religiöse Fanatismus die Völker beherrschte, und alle Augenblicke zu Bedrückung, Verfolgung und Vernichtung Andersgläubiger antrieb, sind in der civilisirten Welt vorüber. Es hat sich in den Völkern die Ueberzeugung ausgebreitet, daß dem unendlichen Weltengeiste, dem Schöpfer des Himmels und der Erden keine wohlgefälligen Opfer durch Scheiterhaufen und Henkerbeil, durch Haß und blutigen Streit um des Glaubens willen und „zu seiner größeren Ehre" dargebrachl werden, sondern daß dies wie alle anderen Frevel Verbrechen vor Gott und der Menschheit sind; sie haben erkannt, daß der Glaube die Sache der Geburt, der Erziehung und der Ueberzeugung sei, daß daher Niemand für seinen Glauben verantwortlich und in feinen Rechten als Mensch und Bürger zu verletzen und zu schädigen sei. Mag immerhin noch die Pflicht einander zu lieben dem Reiche des Idealen angehören, praktisch aber ist wenigstens das Bevürsniß und das Recht gegenseitiger Duldung geworden und vergebens kämpft pfäffischer Hvchmuth hiergegen, wenigstens im großen Ganzen. Dennoch wollen diejenigen, welche sich für die Vertreter und Träger der Kirche ansgeben, nicht davon laffen, Andersgläubige zu verketzern und insbesondere, wie gesagt, die Juden für Feinde der Kirche zu erklären und als solche zu behandeln. Was die Ultramontanen während der letzten Jahre auf diesem Wege gethan, sei hier nicht wieder hervorgehoben. Noch größeres Bedauern muß es uus bereiten, raß auch der pietistische Theil der Protestanten immer und besonders jetzt sich den ersteren angeschlossen hat. Viele Jahre unsrer publizistischen Laufbahn hatten wir es sogar vorzugsweise mit den protestantischen Judenfressern zu thun, zu denen wir nicht einmal die principiellen, aber billig denkenden Gegner der bürgerlichen Gleichstellung rechnen. Und so haben in der letzten Zeit diese Blätter sich oft genug gegen die evangelischen Kirchenzeitungen zu wenden gehabt, welche sich in gehässigster Weise über Juden und Judenthum aussprachen. Bor Kurzem ist der Bericht der Wahlprüfungs-Commission des deutschen Reichstages über die Wahl des Abgeordn. v. Nathusius im ersten Mindener Wahlkreise bekannt geworden, und hat das peinlichste Aufsehen gemacht. Es zeigt sich darin unwiderleglich, daß bei dieser Wahl — wir sprechen mit den Worten der „Köln. Zeit." — gegen den liberalen Candidaten, den allverdienten General von Etzel der lutherische Pastorenfanatismus im Bunde mit den Agrariern das Unwürdigste geleistet, was jemals Parteileidenschaft zu verantworten hatte. Die Commission sah sich daher genöthigt, die Wahl des Abz. von Nathusius zu beanstanden, und unterliegt es keinem Zweifel, daß sie für ungültig erklärt werden wird. Bor Allem machte mau dem General von Etzel die (angebliche) Abstammung seiner Mutter von Juden zum Vorwurf, und nahm