Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1877)
- Date
- 1877-05-22
- Page
- Seite 336 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Worte des Prof. v. Holtzendorff bedienen. Also in Kurzem: Der erste Versuch einer solchen ländlichen Besserungsanstalt wurde im Jahre 1788 von einer philanthropischen Gesellschaft gemacht, und zwar mit günstigem Erfolge; aber das Grundstück der Gesellschaft sah sich nach einiger Zeit mitten in London versetzt und die Anstalt wurde eine gewerbliche Erziehungsanstalt. Den nächsten Versuch machte der Marine-Capitän Brenton. Nachdem er den Abschied genommen, erregte der schreckliche Zustand lasterhafter und verwahrloster Kinder in den Vorstädten Londons sein Mitleid. Er selbst war wenig bemittelt. Keine reichen Freunde standen ihm zur Seite. Mit Unterstützung einiger weniger Krämer gründete er in der Grafschaft Esiex zu Bow eine kleine Schule. Andere traten helfend hinzu, insbesondere ein sehr wohlthätiger jüdischer Handelsmäkler, David Haes, so daß die Schule 1833 erweitert werden konnte und den Namen der Kinderfreunvschule erhielt. Die Mitwirkung des David Haes war so kräftig, daß man ihn als einen Milvertreter der Anstalt ansah. Da die Unterbringung der gebefferten Knaben sehr schwierig war, verfiel Brenton auf den Gedanken, sie in die Colonien, die der Arbeitskräfte bedurften, zu verpstanzen, und wählte das Cap der Guten Hoffnung. Alles ging im Anfang gut. Die Nachftage in der Colonie wuchs. Um ihr zu entsprechen, ließ man sich in London leider verleiten, ohne sorgfältige Auswahl Jungen eiligst fortzufenden. Im Jahre 1837 verbreiteten sich Gerüchte, daß einige davon sich schlecht betrugen und andere schlecht behandelt würden. Die Sache wurde noch schlimmer. Ein englischer gewandter und einflußreicher Literal, in deffen Adern etwas heißes Negerblut floß, war nach der Cap-Colonie gekommen, als gerade wegen Abschaffung der Neger-Sklaverei die Auflegung gegen die Neger in der Colonie sehr groß war, und jener Literat soll deshalb übel behandelt worden sein. Und nun ließ der gekränkte Literat seinen ganzen Zorn über Alles, was zur Colonie gehörte, in der Zeitungspreffe los, namentlich tobte er in den Times. Unglücklicherweise war ein verdorbener Junge zu früh nach der Colonie geschickt worden, hatte dort übel gehaust, entfloh nach England zurück, war hier wieder als Dieb thätig, und wurde 1839 abgefaßt. Zufällig war jener Mischling in der Gerichtssitzung zugegen, und nun erschien eine Reihe der heftigsten Artikel gegen das Cap- Comitö, die Besserungsanstalt und ihre Leiter. Das Londoner Count« — wir berichten wörtlich nach Holtzendorff — wurde beschuldigt aus einer Bande von jüdischen Gaunern zu bestehen, einen abscheulichen Sklavenhandel zu betreiben, Kinder zu stehlen und an Holländer zu verkaufen. Aus dem Rückempfange bescheidener Summen zur Erstattung der Ueberfahrtskosten wurde nun ein greulicher Sündenlohn. Eine Kinderpanik brach unter deu Eltern aus. Geängstigt verlangten die zurückgebliebenen Verwandten ihre Kinder zurück, was in einigen Wochen natürlich nicht zu bewerkstelligen war. Der Sturm war entfesselt. Der arme Brenton starb bald darauf, ehe die verlangten Berichte eintrafen, wonach die Kinder in der Colonie sich sehr gut befanden. Diese langten an. Aber es war vorbei! Wenn in der Oeffentlichkeit durch die Presse einmal ein starker Eindruck hervorgebracht ist, so läßt sich dieser nicht wie mit einem Schwamme von der Tafel wegwischen. Die subskribirten Jahresbeittäge wurden zurückgezogen. Mehrmals stürmte der erregte Pöbel die Besserungsschule; einmal wurde diese vor der Zerstörung dadurch bewahrt, daß aus der Menge ein junger Mann hervorsprang, und mit seltenem Math erklärte, daß er selbst ein Dieb gewesen sei, in dieser Besserungsschule Rettung vom Verderben gefunden und spater Wohlhabenheit erlangt habe, nun aber bereit sei das Haus auf das Aeußerste zu vertheidigen. Der arme David Haes, der so reichlich zum Gedeihen der Besserungsschule beigetragen hatte, wurde als derjenige Jude verflucht, der den Sklavenhandel aus Gewinnsucht bettieben und Kinder verkauft habe. Bei Nacht und Nebel schlich sich seine Familie nach Brighton, um dort sicher zu sein. Er selbst blieb in London und setzte sein Handelsgeschäft fort. Die Polizei wußte, daß er in beständiger Lebensgefahr war und überwachte jeden seiner Schritte. Mit der Besserungsschule für Knaben und Mädchen war's zu Ende! Jetzt erst wird das Verhalten dieses Juden, der seines guten Gewissens wegen unter täglicher Lebensgefahr in London blieb und nur auf die Rettung der Seinigen Bedacht nahm, gewürdigt. Erst im Jahre 1851 nahm ein gewisser Baker in Gloucestershire den Gedanken der ländlichen Besserungsanstalten wieder auf und von ihm her datirt sich die Verwirklichung desselben in so großartigem Maßstabe. Coufefßoueller Muderzarten!! Die in Berlin erscheinende „Deutsche Hausflauen-Zeitung" Nr. 17 enthält folgenden Briefwechsel: An die Redaction der Deutschen Hausflauen-Zeitung. Potsdam, den 23. April 1877. Hochverehrte Frau! Verzeihen Sie, wenn ich Sie mit beifolgendem Briefwechsel belästige. Es wurde hier das Entstehen eines neuen Kindergartens im Intelligenz-Blatt angekündigt ohne jede beschränkende Anmerkung. Da die Localität außerhalb der Stadt in einem schonen Garten war, zog ich vor, mein Töchterchen daselbst anzumelden, weil der flühere bestehende Kindergarten innerhalb der Stadt und ziemlich stark besucht ist. Darauf entspann sich beifolgende Correspondenz. Sollten Sie, verehrte Frau, den Gegenstand wichtig und geeignet halten, so bitte ich Sie, demselben ein Plätzchen in der Sprechhalle der „Deutschen Hausflauen-Zeitung" einzuränmen, wenn nicht, so entschuldigen Sie gütigst die Belästigung. Mit aufrichtiger Hochachtung Johanna Cohn-Philippson.