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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-22 · Heft 21 (22.5.1877) · p. Seite 334

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 21 (22.5.1877)
Date
1877-05-22
Page
Seite 334 (sequence 10)
Language
German
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334 Bei der vor Kurzem im König!. Schlosse mit dem Kronprinzen abgehaltenen Abiturienlenprüfung, vor seinem Abgänge zur Universität, erndete Herr Rector Valentin reichen Beifall und volle Anerkennung für seine Lehrthätigkeit. Er wurde mit den andern Lehrern zur Hoftafel geladen, der König unterhielt sich sehr leutselig mit ihm, ging Arm im Arm mit ihm durch den Saal und trank auf sein Wohl mit den Worten: „Ich 'danke Dir herzlich für Deine Bemühungen um Gustav (Name des Kronprinzen) und hoffe einen gleichen glücklichen Erfolg bei meinen andern Söhnen." R. Großbritannien. London, im Mai. (Privatmittheil.) Es giebt für einen Staatsmann nichts Unglücklicheres, als in Theologie zu pfuschen, und man kann sagen, daß er seinem politischen Berufe entsage, wenn er anfängt, in theologischen Streitfragen mitreden zu wollen. So ist es dem als Führer der liberalen Partei in England und als mehrmaliger Minister verdienstvollen und berühmten Gladst o n e ergangen. Nachdem er sich gegen den Ultramontanismus mit Erfolg erhoben, dann aber in den Altkatholicismus, die Vereinigung der Kirchen u. dgl. sich eingelaffen, -sich sogar anmaßte, über das Wesen und den Werth der Religionen ohne Sachkenntniß und in engherzigster Weise zu Gericht zu sitzen, was hinsichtlich des Judenlhums in dieser Zeitung (1876, S. 395) auf eine, auch hier in England anerkannte Art zurückgewiesen wurde — hat er jeden höheren und allgemeinen Standpunkt, die Lage der politischen Berhältniffe zu erkennen und zu beurtheilen verloren. Es mag sein, daß das Oppositionsgelüste gegen die conservative Regierung Disraelis bei ihm mitspielt, aber die Hauptsache, welche ihn dahin treibt, die englischen Jntereffen völlig aufopfern und Großbritannien Rußland beigesellen zu wollen, um die Türkei zu vernichten — ist bei ihm der mittelalterlich christliche Fanatismus, in den Gladstone sich hineingeredet hat. Man tausche sich nicht: die immer wieder aufgewärmte Theilnahme für die Metzeleien in Bulgarien, die, so beklagenswerth sie waren, doch schließlich die Politik einer Großmacht nicht bestimmen können, sie ist es nicht, welche Gladstone begeistert, die traditionelle Politik Englands im Orient auszugeben — mit einem Worte, er will den Kampf des Christenthums mit dem Islam, er will in Europa wie überall den Islam vernichtet, ausgerottet haben, weil er ein Widerspruch und eine Schranke wider das Christenthum ist. Äst er doch auch darum öffentlich gegen die hervorragenden jüdischen Persönlichkeiten in England aufgetreten, weil sie seinen Enthusiasmus für Rußland nicht theilen, und einige Sympathien für die Türkei äußerten, nachdem diese die Gleichberechtigung aller Confessionen anerkannt und zu bethätigen begonnen hat. Er zieh sie der Engherzigkeit, welche für das vergoffene Blut der rumänischen Juden, nicht aber für das der bulgarischen Christen ein Mitgefühl hätten. Allein, haben die Juden jemals deswegen die Vernichtung Rumäniens, die Ueberziehung desselben mit Krieg, alle die Greuel, welche der Kampf zwischen den Nationalitäten und den Religionen zum Gefolge haben, verlangt, wie Gladstone es thut, um die Blutrache der Bulgaren zu befriedigen? Würde die rumänische Regierung sich Herbeigelaffen haben, die Beschränkungen und Ausnahmegesetze aufzuheben, welche sie für die Juden eingeführt und verstärkt hat, oder auch nur zu versprechen, die Uebelthäter zu bestrafen, und die Sicherheit des Lebens und Eigenthums auch für die Juden aufrecht zu erhalten, die Juden würden die herzlichsten Sympathien für Rumänien hegen und seine Selbstständigkeit als den Anfang einer glücklichen Aera für die Völkerschaften des unteren Donaugebietes begrüßen. Die Juden sehen den Islam, sobald er innerhalb des Gebietes, in welchem er herrscht, die unbedingte Ausschließlichkeit aufgiebt, und die Glaubensfreiheit wie die bürgerliche Gleichberechtigung anerkennt, für vollberechtigt in seinem Bestände an, und da sie wissen, daß auch das Christenthum erst einer späteren humaneren Bildung bedurfte, um zu diesem Ziele zu gelangen, und zu einem bedeutenden Theile noch heute nicht dahin gelangt ist, so wollen sie auch dem Islam die Zeit gönnen, sich dahin zu entwickeln. Die Juden aller Zonen scheuen nichts mehr, als — die Religionskriege, Kämpfe, die nicht sowohl politische, als confessionelle Motive haben; sie kennen die Bernichtungswuth des entfesselten Fanatismus zu sehr, um sie nicht als das größte Unheil für die ganze Menschheit und für die kämpfenden Parteien am meisten zu erachten. Gladstone aber ist diesem Fanatismus verfallen, und hat darüber seinen politischen Verstand verloren: er erkennt in den Vorgängen keine politischen Triebfedern mehr an, sondern will nur die religiösen vorherrschen lassen. Man .sieht also auch an ihm, einem bis dahin so hervorragenden Liberalen, daß auch in unsrer Zeit dergleichen noch möglich ist. Aber was er erreicht hat, giebt den ersieulichen Beweis, daß es doch nur ein geringes Häuflein ist, welches sich diesem Fanatismus hingiebt. Das Vorgehen Gladstone's, namentlich seine jüngsten Resolutionen haben den größten Theil der liberalen Partei von ihm getrennt, er ist seiner Führerschaft enthoben und zählt nur wenige Anhänger. Noch vor wenigen Monaten schien es, als ob der größere Theil der britischen Nation feinen Declamationen ein williges Ohr leihe. Allein die Ernüchterung ist baldigst erfolgt, und Gladstone heute so gut wie verlassen, wenn er auch, als er dies sein Fiasco gewahrte, die letzten drei seiner Resolutionen, und zwar die, welche den eigentlichen Kern der Sache enthielten, selbst zurückgezogen hat. Rumänien. Aus Ungarn, 6. Mai. Wir lesen in der „Temesvärer Ztg." vom 5. d. M.: Am Freitag Abends sind hier acht jüdische Familien aus Rumänien angekommen, die sich nach der kleinen Juden-Maffacre, welche die Herren Rumänen zur Feier der russischrumän. Convention in Giurgewo veranstalteten, hierher geflüchtet

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