Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-22 · Heft 21 (22.5.1877) · p. Seite 328

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 21 (22.5.1877)
Date
1877-05-22
Page
Seite 328 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227145--35369-3305325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

328 Verhältnis des Menschen zu Gott, auf die innigere Entfaltung des religiösen Gefühls und Bedürfnisses hin. Ueberhaupt stellt die Schrift von Beginn an den Menschen in einem unmittelbaren Verhältniß zu Gott dar, so daß sie das religiöse Element als zu dem Wesen des menschlichen Geistes gehörend betrachtet. Diesem Momente gegenüber schildert sie im Verlaufe der aufeinanderfolgenden Geschlechter die Menschheit völliger sittlicher Verderbniß anheimgefallen, indem sie die Sintfluth'), mit welcher die Erdenschöpfung ihre Vollendung, die letzte Phase ihrer Entwicklung erreichen sollte (1 Mos. 8, 21. 22), auch aus moralischen Motiven erklären wollte. Die Darstellung ist hier (6, 1 rc.) dunkel, und lasten sich aus ihr nur vorzugsweise die Trennung der Menschen in herrschende und beherrschte, allgemeine Gewaltthätigkeit und geschlechtliche Entartung als die Hauptzuge der sittlichen Verkommenheit entnehmen. Entschieden ausgesprochen wird dagegen: die Bestimmung des Menschengeschlechts zu fortschreitender sittlicher Vervollkommnung seitens Gottes und die göttliche Führung zu diesem Ziele Ebenso, daß Gott zu diesem Zwecke ganze Geschlechter untergehen und durch neue ersetzen laßt. (Man erinnere sich an den Untergang nicht blos einzelner Völker schäften, wie sie Moses den Kanaanitern, die Propheten den Egyptern, Astyrern, Phöniziern :c. wegen ihrer sittlichen Entartung Voraussagen, sondern auch an den der ganzen antiken Völkerwanderung). 9) Es wird demnach von der Schrift vorausgesetzt, Laß in der sittlichen Natur des Menschen die Neigung sowohl zum Guten als zum Bösen, die Befähigung zur sittlichen Vervollkommnung wie zur Entartung vorhanden ist, und sie sagt dies ausdrücklich vom Individuum, aber auch von einem ganzen Geschlechts, von der Geistesströmung eines Zeitalters aus. Wie sie daher die Sintfluth durch die Verderbtheit des damaligen Menschengeschlechtes motivirr, indem sie die physische und die moralische Welttegierung identificirt, so drückt sie selbst aus, daß der sittliche Werth eines Individuums nach dem sittlichen 7) „Süvdfluth" beruht auf einem Mißverständniß; es hieß „Sintfluth", d. h. allgemeine Fluth. Der Text sagt überall nur bin?-, was nur auf eine ungeheure Wasterfluth angeweudet wird. 5. Fürst, §. v. 8) Siehe hierüber unsren ausführlichen Commentar zu 6, 1—8. 9) Es ist dies der Sinn der schwierigen Wotte 6, 3. :t22 81N aa«2 absb ansa tm yi*T' «b 'n -I««''': „Der Ewige sprach: nicht unterliegen soll mein Geist in dem Menschen auf ewig, da dieser doch Fleisch nur ist" — „mein Geist", d. i. die Sittlichkeit, die Tugend, das Recht, die Macht des Guten, sie soll nicht auf ewig im Menschen unterdrückt sein von der Sinnlichkeit (-raa), von all den Begierden und Leidenschaften, die aus ihr hervorgehen, und welche das damalige Geschlecht ganz in ihrer Gewalt hatten. Durch den Untergang dieses (nach einer Frist von 129 Jahren) und den Ersatz durch ein neues Geschlecht soll „mein Geist", d. i. die Sittlichkeit, das Gute wieder zur Obmacht anstrebend gelangen. Ueber -p-p und s. unfern Commentar. Charakter seines Zeitalters beurtheilt werden müffe.10) Hinsichtlich des Individuums thut sie hier einen Ausspruch, den wir noch etwas in Betracht ziehen mästen. Es heißt 6, 5 vor der Sintfluth: „Und der Ewige sah, daß groß war die Bosheit res Menschen auf der Erde und alles Bilden der Gedanken seines Herzens nur böse allezeit". Wenn nun die zweite Hälfte des Satzes im engsten Zusammenhänge mit der ersten nur auf das bestehende Geschlecht bezogen werden möchte: so begegnen wir doch 8, 21 na ch der Fluch einem gleichen Ausspruche. Es soll fortan keine unmittelbare Verbindung zwischen der physischen und der moralischen Weltordnung bestehen,' „denn", heißt es, „das Bilden des Menschenherzens ist böse von seiner Jugend an". Man muß beachten, daß in diesen Versen es nicht heißt, das Menschenherz ist böse, sondern das Bilden der Gedanken des Herzens und das Bilden des Herzens, so daß eben ausgesprochen wird, daß die Neigung zum Bösen, die Neigung zur Selbstsuch:, zur Genuß-, Hab- und Ehrsucht in dem Menschenherzen vorwaltet und leicht die Oberhand gewinnt. Auch „von seiner Jugend an" will sagen, daß die Jugend des Menschen, also seine Enlwickeluugszeit die eigentliche Kampfeszeit des Guten und Bösen im Menschenherzen ist, und die leidenschaftliche Beweglichkeit res jugendlichen Gemüthes der Neigung zum Bösen allzu vielen Vorschub leistet. Wir haben hier keine geradezu pessimistische Ansicht, wohl aber eine psychologische und pädagogische Mahnung, letztere im weiteren Sinne. Es stimmt hiermit so manches Gebet- und Prophetenwort überein, dem wir noch begegnen werden. Aus der Geschichte des Thurmbaus (11, 1 rc.) gehen die Gedanken hervor, daß in der Menschenseele im Allgemeinen zwei entgegengesetzte Triebe vorhanden seien: der eine, sich miteinander zu verbinden und vereint im Heimathlande zu verbleiben, der andere, sich zu ttennen, über die Erde zu wandern und auszubreiten, wo dann, wenn dem zweiten Genüge geschehen ist, der erstere immer wieder hervorttitt und zur Bildung von Gemeinden und Staaten treibt. Zugleich wird angedeutet, daß durch die Bereinigung der Menschen die größten und schwersten Werke ermöglicht werden. Hiermit schließt die allgemeine Betrachtung des Menschengeschlechts; die Schrift verfolgt von hier ab nur die Geschichte des Abrahamitischen Stammes, und wir haben nach diesem allgemeinen Gemälde der Menfchenseele «ns noch in das Einzelne zu versenken. Literarischer Wochenbericht. Vom Rhein, 24. April. In dieser Zeitung ist bereits von dem herben Angriffe Gutschmidt's auf die selbstüberhebenden und zum Theil geradezu phantastischen Ergebniffe, welche Prof. 10) Es heißt 1 Mos. 6, 9 von Noah: p-nit w'8 viVYn rrn und noch bestimmter 7,1: jmaa vren ~nN ■’a rrtn ira ■oab.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.