Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1877)
- Date
- 1877-05-22
- Page
- Seite 327 (sequence 3)
- Language
- German
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327 Der bedeutsame Erfahrungssatz, daß bei solchen vermeintlichen Unbillen alles auf die Vorstellung, die Stimmung und Gesinnung ankommt, um sie erträglich ober unerträglich zu finden, fie zu dulden oder zu rachen und daß an die letztere Stimmung sich auf's überraschendste die schlimmsten Handlungen schließen, die noch so leicht durch Selbstbeherrschung und klare Einsicht zu vermeiden waren — wird in einfach inniger Weise ausgedrückl: „Nicht so, wenn du gütig bist, trägt es sich, und wenn du nicht gütig bist, lagert vor der Thüre die Sünde; nach dir ist ihr Begehren, du aber könntest herrschen über sie?" 2s So entwickelt sich in der Seele der Verdruß, der Unwille, die Feindseligkeit, die Bereitschaft zur Unthat, der Zorn — bas Verbrechen; und so bedurfte es keiner schweren Veranlasiung, um die gräßlichste Thal, den — Brudermord zu erwirken.3) — Wie aber die seelischen Vorgänge vor der Thal, so werden nun Liese nach der Thal gezeichnet, und zwar in psychologisch richtiger Folge. Zuerst die Verstocktheit des Verbrechers, in der er sich weder um die Schwere seiner Thal, noch um das Schicksal des Getroffenen kümmert (V. 9). Dann allmälig das erwachende und sich steigernde Bewußtsein von dem ganzen Umfange des von ihm vollbrachten Frevels (10. 11). Hierauf Schrecken und Angst, die ihn das Werk seiner Hände nicht sortsetzen, in seiner Heimstätte nicht verweilen und überall den BlutrLcher erblicken lasten. Furcht und Verzweiflung treiben ihn von rannen und in der Irre umher und mitten in diesen gräßlichen Empfindungen immer noch vorwiegend die Angst um sein persönliches Wohl, vor der rächenden Hand der Vergeltung (12—14). Erst spät kommt er wieder zur Ruhe und wohnt sich in der Ferne in das gewöhnliche Leben wieder ein (16. 17). — Dieses schaurige Gemälde der Seelenkampfe eines Verbrechers wird V. 23 nochmals ausgefrischt, wo der Mord eines Mannes als eine sich nie schließende „Wunde", der eines Jünglings als immer eiternde „Beule" poetisch bezeichnet wird, so den dauernden Zustand der Verbrecherseele bei äußerer Ruhe und selbst glücklicher Lage anbeutend. Außer dieser seelischen Entwickelung macht die Schrift auch auf die wachsende Geistesentfaltung aufmerksam. Zuerst die Be¬ 2) Diese unsere Uebersetzung des bekanntlich sehr verschieden übertragenen Verses, ist von mehreren Autoritäten acceplirt worben. Das Nähere s. unfern Commentar zur Stelle. 3) In seinem Lapidarstyle sagt der Schrifttext nur „Kain sprach mit Hebel, seinem Bruder", was auf Wortwechsel über sich kreuzende Interessen hindeutet, und „als sie aber ruf dem Felde waren, erhob sich Kain gegen Hebel, seinen Bruder" :c. (V. 8), welche Worte darauf hinzubeuten scheinen, daß Karn aus dem, von ihm urbar gemachten und darum als Eigenihum beanspruchten Felde Hebel mit der Heerde traf. Daß, abgesehen von dem seelischen Gemälde, hier auch auf die zwischen Hirtennomaden und ansässigen Landbebauern erstandenen Kämpfe hingedeulet wird, liegt nahe. Vom Urzustände aus, waren hierbei Recht und Unrecht sehr zweifelhaft. Erft die Feindseligkeit und das Verbrechen Kains wälzten auf diesen die Schuld. Dies beutet auch V. 5. 6 an. gründung von Städten, also festen Wohnplätzen (V. 17). Diesen analog die Errichtung von Zelten zu ganzen Lagern mit regelmäßiger Viehzucht. (V. 20). Es folgte dann die Erfindung musikalischer Instrumente, sowohl der Saitenals der Blasinstrumente, folglich auch die Ausbildung der Musik. (V. 21). 'Neben dieser die Bearbeitung des Metalls, des Kupfers und des Eisens zu Werkzeugen, womit der gewerblichen Thätigkeil ein großes Feld eröffnet war. (20. 22). Zu gleicher Zeit erstand die Dichtkunst, und trat alsbald in der ganzen Eigenthümlichkeit der hebräischen Poesie auf (V. 23. 24), mir der seitdem stereotyp gewordenen Einleitung des Liedes,4) mit der Versgliederung, dem Parallelismus und dem Gleichklang der Endsilben 5 6). Alles dies setzt eine steigende Ausbildung des Verstandes und der Phantasie, rer Gefühls- und der ästhetischen Welt des Menschen voraus, die von Geschlecht zu Geschlecht sich erweiterte und vertiefte. Bemerkenswerlh ist, daß die Schrift alle diese Erzeugnisse des menschlichen Geistes an das ackerbauende, ansässige und leidenschaftlich bewegte, ja verbrecherische (v. B. 23) Geschlecht (des Kains) knüpft, während dem nomadisirenden Hirtenstamme (Hebels) die religiössittliche Entwicklung zugeschrieben wird. Es wird Lies auch später in dem Segen Sems und.Japhets (1 Mos. 9. 26. 27) angebeutet. Bekanntlich giebl die Schrift in ihren ersten elf Capiteln die Schöpfungs- und die Entwicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes in der Urzeit. Sie schließt diese zunächst, wie wir sahen, an die Individuen an, erhebt sich jedoch mit der Vermehrung der Menschen zur Betrachtung des Ganzen. Hier heben sich zwei Momente ab. Wenn 4, 3. 4 schon von den Söhnen des ersten Menschen Opfer aus der Pflanzen- und der Thierwell dargebrachl werden, so heißt es V. 26 schon vom dritten Geschlechter „Damals fing man an, anzurufen den Namen des Ewigen'-). Es ist hiermit das Bekenntniß und die Anbetung Gottes auch durch das Wort und wie es scheint, in einer cultuellen Form zu verstehen. Dies deutet jedenfalls auf eine schon tiefere Entwickelung der religiösen Erkenntniß und des Bewußtseins vom 4) So bei Bileam 4 Mos. 23, 18, bei Moses 5 Mos. 31, 1, Deborah Richter 5, 3. Jesaias 1, 10. 5j Wir haben in unsrem Commentar zur Stelle die Anführung des poetischen Spruches Lemech's als die Erfindung der Dichtkunst andeulend erklärt, sich anschließend an die vorhergegangenen Erfindungen der Musik, der Metallverarbeitung u. s. w. Da ein bestimmtes Wort für Poesie fehlte, so wurde es durch die Anführung der Verse bezeichnet. — Auch scheint hier der Anfang der Vielweiberei angedeutet, da die Schrift ursprünglich nur die Monogamie kennt, und diese auch B. 19 u. 25 (ine«) gekennzeichnet ist. — 6) Allerdings legen die Targumim, denen viele jüdische Erklärer folgen, dem enpb bmn?s die entgegengesetzte Bedeutung, die Entweihung deS göttlichen Namens durch Götzendienste bei. Aben-Esra und Abarbanel fassen es dagegen so, wie die Schrift selbst 12, 8. 13, 4.21, 33. unzweideutig diese Worte gebraucht. 21*