Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1877)
- Date
- 1877-05-22
- Page
- Seite 326 (sequence 2)
- Language
- German
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326 letzteren aus der freien Wahl und Selbstbestimmung heraus nicht nachdrücklicher gezeichnet werden. Dergleichen Anschauung werden wir auch fernerhin begegnen. — Als die nächste oder gleichzeitige Entwickelungsfiufe der menschlichen Seele wird die Sprache bezeichnet, und hierin werden alle Seelenkundige den Tiefsinn der Beobachtung anerkennen. Der Beginn der Sprache wird 2, 19 besprochen. „Gott brachte alles Gethier des Feldes und alles Geflügel des Himmels zu dem Menschen, um zu sehen, wie er sie benannte, und Jegliches, wie es der Mensch benannte, das belebte Wesen, das sei sein Name. Und der Mensch nannte Namen für alles Vieh und für das Geflügel des Himmels und für alles Gethier des Feldes." Es ist selbstverständlich vorausgesetzt, daß Gott der menschlichen Seele die Befähigung zur Sprache gegeben, aber unsre Worte deuten an, daß die Sprache nicht eine unmittelbare Gabe Gottes, sondern eine Hervorbringung der menschlichen Seele selbst sei, und zwar aus der Wahrnehmung, die der Mensch bei dem Zusammentreffen mit den Dingen machte. Der Eindruck, den jedes Ding in seiner Eigenthümlichkeit auf den Menschen machte, ließ ihn eine besondere Bezeichnung für jedes Ding finden. Die Wahrnehmung und Beobachtung war also die Mutter der Sprache, und zwar jedes einzelnen Wortes. Deshalb benennt der Mensch B. 23 das Weib mit besonderem Namen, nachdem er es erblickt hatte, und wird der Grund für diesen Namen (nwer) angegeben. Da die h. Schrift das gesammte Menschengeschlecht aus einem Ursprünge entstehen läßt, so ist es folgerichtig, daß sie in der Urzeit nur eine Sprache bestehen laßt (11, 1). Wie überaus der einen Wurzel sich zahllose Aeste und Zweige in den verschiedenen Völkerschaften ausbreiteten, so zerschlug sich auch die eine Sprache in viele andere, was wir hier nicht weiter zu verfolgen haben. Die weitere seelische Entwickelung besteht nun nach dem Berichte der Schrift im Erwachen der Liebe, der Liebe der Geschlechter zu einander. Die Schrift bezeichnet die geschlechtliche Liebe im Menschen sofort als eine höher geartete, denn bei den Thieren, als eine zugleich seelische. Auch die Thiere werden in zwei Geschlechtern geschaffen, aber für die Schöpfung des menschlichen Weibes wird ein besonderer Act erzählt, der von vornherein die Zusammengehörigkeit des Mannes und des Weibes bei dem Menschen als die innigste, unveräußerlichste charakterisiren soll. *) Die Verschmelzung sowohl der ganzen Persönlichkeit (V. 23) als aller Interessen (•hs.s die Dauer dieses innigsten Verhältnisses durch das ganze Leben, und das Zurücktreten jeder anderen Liebe, namentlich der kindlichen vor dieser lV. 24), unterscheidet die geschlechtliche Liebe des Menschen von der thierischen, und erhebt sie über die sinnliche Sphäre in die seelische. Sehr bezeichnend ist dann auch, daß mit dem Erwachen dieser Liebe auch 1) Daß das Weib aus einer Rippe des Mannes gebildet wird, soll wohl auf das an dieser Stelle befindliche Herz Hinweisen. das Schaamgefühl entspringt — einer der sinnigsten und zartesten Züge in diesem psychologischen Gemälde. Daß wir hiermit schon mitten in das Seelenleben hineinversetzt sind, ist einsichtlich. Die Freiheit des Willens, die Sprache, das Erwachen der sinnlichen Begierde (Schlange >, der das Pflichtgefühl gegenübertritt, der Verstand, der ebenso als Bekämpfer (3, 5) wie als Diener (4, 5) der Begierde thälig ist, das siegreiche (3, 12) Entstehen der Liebe, mit dem Schaamgefühl gepaart, sie bieten bereits ein reiches Schlachtfeld dar zum Kampfe widerstrebender Triebfedern. Die sinnliche Begierde hat gesiegt, die That ist geschehen. An sie knüpft sich das Gefühl (3, 8) dann das Bewußtsein der Sünde (11), womit die Furcht vor der Folge, der verdienten Strafe sich alsbald verbindet (8. „sie verbargen sich", 10. „ich fürchtete mich"), und aus diesem Kampfe erhebt sich — die Blüthe des menschlichen Seelenlebens, die eigentliche Gottähnlichkeit (V. 22) — „die Erkenntniß des Guten und des Bösen"! An das Bewußtsein und die Erkenntniß der Außendinge, wie sie durch die Sprache zum Ausdruck kamen, 'chloffen sich nunmehr das Selbstbewußtsein und die Erkenntniß des Guten und des Bösen, d. i. die Erkenntniß, daß für den Menschen nicht wie für die Thiere gut und böse sei, was ihrer Erhaltung nützt oder schadet, sondern was mit seiner höheren Beschaffenheit und Bestimmung übereinstimmt oder ihnen widerspricht, mit seinem Verhältniß zu seinem Ich und zu Gott, und, in der Weiterentwickelung, zu seinem Nebenmenschen. Hier ist es, wo das Gute oft in der Entsagung und Entäußerung, das Böse in der Aneignung und dem Genuffe besteht. Die heilige Schrift hat hiermit ausgesprochen, daß die Sittlichkeit der Boden des eigentlichen Menschenlebens, entschieden anders als für die übrigen Erdgeschöpfe ist, und daß das Bewußtsein und die Erkenntniß derselben unmittelbar aus der ersten Entwickelung des Menschengeistes Hervorgeht und sich aus deffen ersten Seelenkämpsen herausbildet. Denn was hier für das Menschengeschlecht im Allgemeinen ausgesagt wird, gilt im vollen Sinne für jeden einzelnen Menschen. An die aus dem sinnlichen Gelüste entsprungene Geistesbewegung schließt sich (C. 4) die Entfaltung der Gesellschaft und die aus dieser erstehende Der- und Entwickelung des Seelenlebens. Der Beginn verschiedener Beschäftigung, Lebensberufe und des Eigenthums aus der Arbeit. Hieraus Eifersucht, Neid, Hader um Habe und Vorrang; Feindseligkeit und Rachegedanken. Bezeichnend für die Darstellung der Schrift ist, daß, wie sie die erste Entwickelung an ein Verbot Gottes, so die zweite an die Gott dargebrachten Opfer und deren wohlgefällige Annahme seitens Gottes (V. 4. 5) knüpftals ob die erste Veranlassung zu Ehrgeiz und Habgier aus cultuellen Motiven hervorgegangen. ^Was uns jedoch hier zunächst interessirt, das ist das Bild der > seelischen Vorgänge in Kain's Brust. Bezeichnet ist das Brüten des Verdruffes und böser Gedanken, das Sinnen über vermeintlich > erlittenes Unrecht als „das Antlitz Kain's senkte sich" (V. 5. 6).