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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-15 · Heft 20 (15.5.1877) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 20 (15.5.1877)
Date
1877-05-15
Page
Seite 320 (sequence 12)
Language
German
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320 Hinterlassenschaft eines Freundes bezog. Boll harter Phrasen war auch ein Feuilleton der „N. fr. Pr.", wo der Synagoge „die Gewohnheit zu fluchen" nachgesagt wurde. Wir sind die Letzten, welche das Bannen und Fluchen nicht verabscheuen. Aber das Excommuniciren war für das Judenthum bekanntlich doch nur eine importirte Waare, und der geschichtlich gewordenen Beispiele gab es seitens der Synagoge nicht viele, wenn man die Geschichte der Kirche durch das Mittelalter und bis zur neuesten Zeit verfolgt. Dabei hat die Synagoge, sobald ihr vom Staate das Excommuniciren verboten ward, willig Gehorsam geleistet, z. B. in Amsterdam schon um 1080, während die Kirche noch heute nicht bezüglichen Staatsgesetzen gehorcht. Karl Gutzkow's Rückblicke. Die Menschen, die sich durch ein arbeirsvolles und wechselreiches Leben durch Erfolg und Täuschung, durch Sieg und Niederlage hindurch gerungen haben, pflegen die Wirkung des Erfahrenen und Erlittenen in ihrem Gemüthe nach zwei entgegengesetzten Richtungen zu empfinden und zu bekunden. Entweder all' dies Geschick läutert ihre Gefühlswelt, klärt ihre Ansichten vom Menschen und vom Leben, macht sie milde, nachsichtig, gerecht und human, oder verbittert sie, daß eine ätzende Lauge alle ihre Gedanken und Empfindungen durchdringt, daß sie nur schwarz sehen und malen, und von ihren Erlebnissen und den Erscheinungen, die an ihnen vorübergegangen, nur ein düsteres und entstelltes Bild mit sich herumtragen. Zu der letzteren Gattung gehört zu unsrem großen Bedauern Karl Gutzkow, gerade der unter jenen Männern, welche in den dreißiger Jahren mit vielem Aufsehen auf die Bühne der Literatur und Oeffentlichkeit getreten, der einige dauernde Schöpfungen hervorgebracht und dessen Leistungen auf die Entwickelung der Zeit verdienstvoll eingewirkt haben. In der jüngsten Zeit haben die Ueberlebenden jener Epoche Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit zu veröffentlichen beliebt, wie Karl Gutzkow, Heinrich Laube, Adolf Stahr u. A. Man kann nicht sagen, daß unter diesen biographischen Skizzen auch nur ein wirklich bemerkenswerthes Product ist. Auch hierin haben diese Herren die Erwartungen, welche ihr geräuschvolles und prätentiöses Auftreten einst weckten, getäuscht. Es war ihr Unglück, daß sie in einer sterilen Zeit durch ein frühreifes Talent die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zogen, in jugendlicher Selbstüberschätzung sich zu Richtern der alten und zu Verkündern einer neuen Welt aufwarfen und nun doch kein Genie besaßen, um die Herrschaft, die sie einen Augenblick in Händen hatten, durch große Schöpfungen sich zu wahren. Die Stühle, die sie eingenommen, erschienen vor den Augen der Welt bald wieder unbesetzt und als in der Mitte der Vierziger die gewaltige Bewegung in den Herzen der Völker, im Schooße der Gesellschaft anhob, die schöne Literatur, das Theater und der witzelnde und krittelnde Liberalismus vor dem mächtigen Ringen der Geister nach Neuconstituirung der Gesellschaft und der Staaten verblichen, verschwanden sie von der Bildfläche der Gegenwart. Auch in päterer, ruhigerer Zeit vermochten sie nicht wieder die Staffel zu erklimmen, auf die sie sich eine kurze Spanne hinaufgeschwungen; ihre Erzeugnisse fanden immerhin den Beifall, den sie verdienten, aber von den Kronen, die sie erträumt, und nach denen sie so kühn gegriffen hatten, konnte ihnen keine dargeboten werden. Die uns vorliegenden „Rückblicke auf mein Leben" von Karl Gutzkow (Berlin, Hofmann, 1875) sind meist nur anekdotische Medisancen, denen nicht allein jede Tiefe der Gedanken, sondern auch jeder wohlthuende Hauch der Menschenfreundlichkeit, der Befriedigung, der Begeisterung für das Große und Edle fehlt. G. verhält sich zu Allem nur negativ; sein Auge sieht nichts als Schatten'; es ist nichts dran, an den Menschen wie an den Ereignissen. Wer mit G. in Berührung kam, war ihm — so denkt er noch heute — feindlich oder doch übelwollend. Jeder Wind war ihm conirär, alle Verhältnisse von vornherein ihm ungünstig. Wer 1875 schreiben konnte; „Mit der Schlacht bei Jena waren Lessing, Herder, selbst Goethe überwunden" — der hat sich selbst charakterisirt und sein Urtheil gesprochen. So wird es uns nicht aufsallen, wenn er sich in gleicher Weise gegen die Juden verhält, so oft er von ihnen spricht (vgl. S. 48 und 69). G. spöttelt über den „christlich-germanischen" Geist; aber den Juden gegenüber litt er selbst zu aller Zeit daran. Er behauptet, „mit Wärme für die Emancipation der Juden gestritten zu haben". Es mag sein, aber er wollte, daß die Juden zuvor ihre Religion, ihre Geschichte, alle ihre Daseinsformen aufgeben sollten. Für eine solche Emancipation bedankten wir uns damals ernstlich. Wir erinnern uns dabei der kleinen Fehde, die wir 1838 (Nr. 114. 117. 120. 129. dieser Zeitung), gegen G. über diesen Punkt zu führen hatten. Er gedenkt (S. 49) selbst seiner „Theilnahme an der Ahasversage", an welche sich unser Streit anknüpfte, da wir vom „jüdischen Weltschmerze" und dem Harfengekrächze des verrätherischen Joel Jacoby nichts wissen wollten. — Wie allen Erscheinungen der Zeit, weiß G. auch denjenigen jüdischen Persönlichkeiten, die irgend welchen Einfluß erlangten, nur Schwachheiten nachzusagen, und sich selbst als von ihnen benachtheiligt darzustellen. Wir wollen ihm auf diesem Wege in Details nicht folgen, noch dazu, da das Urtheil sich schwerlich von den Auslassungen dieses Buches bestimmen lassen wird. Die Melodie des Liedes der „Schlacht von Pavia". Die in Nr. 17 d. Ztg. nach Nr. 45 der „Gegenwart" veröffentlichte Anfrage des Herrn Avö-Lallemant über die Melodie des Liedes der „Schlacht von Pavia", nach welcher auch das „Vinzlied" gesungen wurde, hat eine schnelle Erledigung gefunden. Herr Elias Ullmann, Actuar der israel. Gemeinde zu Frankfurt am Main, theilt in Nr. 4 darüber Folgendes mit:

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