Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1877)
- Date
- 1877-05-15
- Page
- Seite 319 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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319 Herr A. k. am Dialoge nachweist, also auch die Forderungen : erfüllt, welche er an ihn stellt. Es ist wohl überflüssig, jetzt dies des Näheren Nachweisen zu wollen, und auch hier nicht rer Platz dazu. Nur einige Bemerkungen wollen wir machen, welche sich an Herrn A. R. anschließen. Nach ihm ist der Dialog im Grunde eine Art Selbstgespräch der Seele mit sich selbst, und darum der Lyrik nahe. Tiefer kann sich dies nicht bewähren und geschickter ist es nirgends angelegt als im Hiob, wo cs sich um das Leiden des großen Dulders und um den Kampf des Bewußtseins der Unschuld mit der Lehre der göttlichen Gerechtigkeit handelt. Indem aber der Dialog die verschiedenen Meinungen durch verschiedene Persönlichkeiten vertreten und sich aussprechen läßt, nähert er sich dem Drama. Auch dies erfüllt sich in vollendeter Weise im Hiob. Hiob, die drei Freunde, der jugendliche Elihu und Gott selbst sind Träger des Gespräches mit abgegrenztem und consequent durchgeführtem Charakter. Die Kunftform des Dialogs erscheint aber auch darin, daß er mir der Zeichnung einer gewisien Scenerie umgeben und eine bestimmte Situation ausgestellt, wohl auch hier und da das Gespräch hierdurch unterbrochen wird. Hierin nähert sich der Dialog dem Epos. Herr A. R. weist dies an oen schönsten Platonischen, Lucianischen und Diderot'schen Dialogen nach. Aber in welch' bewundernswürdiger Weise findet dies im Prolog des Hiob statt, dem sich einige Züge im Dialoge und am Schlüsse der Epilog anschließen! Endlich verlangt unser Derf. auch eine gewisie Disposition, Abgrenzung, gleich Len Akten im Drama. Wir brauchen nur anzudeuten, wie Lies im Hiob mit wesentlichen Zwecken verwirklicht ist. Daß endlich der Gegenstand des Dialogs von eminenter, allgemeiner Bedeutung und die Sprache über die Prosa hinausgehen müsse, ist eine sehr richtige Forderung, deren Erfüllung im Hiob sicher nicht angezweiselt wird, da dieses Buch von gründlichsten Beurtheilern den höchsten poetischen Schöpfungen der Menschheit angereiht wird. Eine geistreiche Beobachtung des Herrn A. R. ist aber noch: „Die Bewegung des Geistes ist sein (des Dialogs) , eigenthümliches Gebiet, und dies ist auch der Boden, aus dem er erwachsen ist. Wenn in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit eine neue Welt cer Gedanken emporsteigt und die Schranken des bisherigen Gesichtskreises fallen, wenn die Geister in Gährung kommen und in schwerem Ringen das Neue sich vom Alten löst, dann ist auch für den Dialog die Zeit gekommen. Es ist das Selbstgespräch des objectiven Geistes." Wenn Herrn A. R. „solche Wendepunkte in der Geschichte die Namen Plato, Lucian, Hutten und Diderot bezeichnen," trifft dies nicht auch bei Hiob zu? Die alte einseitige Anschauung von der strengen Gerechtigkeit, nach welcher jedes Leid eine Strafe für eine begangene Sünde, jede Freude ein Lohn für eine gute Handlung sei, wurde im Hiob bekämpft und niedergeworfen, und an deren Stelle die Lehre von der sittlichen Weltordnung aufgerichtet, in welcher jedes Ereigniß seinen Selbstzweck zur Erziehung des Menschen und der Menschheit hat, und die Widersprüche im Einzelnen aufgehen in der Harmonie des Ganzen. Es war dies eine mächtige Geistesbewegung zur Zeit, als der prophetische Geist zum Durchbruch kam mit Joel, Amos, Hosea, Jesaias und Micha, und von der die völlige Verdrängung des Heidenthums aus Israel datirt. — Wir sind nun nicht so einseitig, um Plato den Dialog von Hiob erlernen und Len Hellenischen Geist nicht selbstständig den Dialog als Kunstform erfinden zu lassen. Ist aber einmal von der Priorität in der Weltliteratur die Rede, so muß binsichllich des Dialoges ver Bersaffer res Buches Hiob und der Geist der hebräischen Nation vorangestellt werden. Vermischtes. Die Zeitungen und Spinoza. Es war sehr natürlich, daß, da sich die TageSpreffe des 200jährigen Todestages Spinozcrs bemächtigte, das Judenlhum, dem er leiblich und geistig entsprungen, nicht unberührt blieb. Da konnte man denn leicht erkennen, daß das Urtheil sich individuell, je nachdem der Schreiber voruriheilslos oder vorurtheilsvoll mit der Geschichte der Zeiten vertraut oder dem Impuls rer Gegenwart folgend war. Aus diesem Gesichtspunkte kann rer Sache einige Bedeutung abgewonnen werden. Denn an und für sich wird Niemand von der Tagespresie gerade einem Spinoza gegenüber etwas Gründliches und richtig Eharakterisirendes voraussetzen oder verlangen. Es ist uns auch hier nicht darum zu lhun, die ganze Tagespresie über diesen Gegenstand die Revue passiren zu lasien. Nur Einiges wollen wir bemerken. Eine unparteiische und, soweit es in einem verhälmißmäßig kurzen Artikel angeht, in die Ideenwelt Spincza's eingehende Würdigung brachte die Beilage zur AugSb. Allg. Zeitung vom 2 l. Februar, versaßt von vr. Hugo Ginsberg. Hingegen abfällig, oberflächlich und ohne Sachkenntniß ist der Aussatz von Schmidt- Weißenfels in „Ueber Land und Meer" Nr. 23. Uriel da Costa kennt er nur aus Gutzkow's Drama, sonst würde er ihn keinen „Held" genannt haben, diesen an Geist und Herz verworrenen, von schwankenden Leidenschaften beherrschten Geist, der vom Katholicismus zum Judenthume überging und sofort das letztere meistern wollte, und da es sich nicht meistern ließ, schmähte und verketzerte, was ihm dann von der anderen Seite allzu reichlich vergolten ward. Herr Schmidt läßt Spinoza sich aus Amsterdam „flüchten", bisweilen heimlich dahin zurückkehren wegen seines Liebeshandels mit der Tochter seines Lehrers, des Arztes Ban dem Ende. Nun ist es durch Ban Bloten erwiesen, daß diese ganze Liebesgeschichte erfunden ist, da das Mädchen als Spinoza seine Vaterstadt verließ, erst zwölf Jahre alt war, Sp. selbst 24 Jahre. Daß Sp. bloß von seiner Hände Arbeit gelebr, ist auch nicht wahr, da er ein Jahrgeld von 300 fl. aus der 2o *