Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1877)
- Date
- 1877-05-15
- Page
- Seite 318 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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318 die Zahl dieser Familien nicht vermehrt werden dürfe, und daß das Schutzrecht des Vaters nicht auf seine Kinder, des Kaufmanns nicht auf seine Associe's übergehen solle, so baß in zwanzig bis dreißig Jahren alle derartigen Fälle erloschen sein sollten. . Türkei. Kovstavtinopel, im April. Unter den an das ottomanische Abgeordnetenhaus gelangten Petitionen befindet sich eine, welche der Abgeordnete für Jerusalem eingebracht hat, und die für die Bekenner aller Religionen den freien Zugang zu der Höhle von Machpelah und dem sg. Gebethause Abrahams verlangt. — Der Vollständigkeit wegen haben wir anzuführen, daß in der otlomanischen Deputirkenkammer drei Israeliten und im Senate zwei sitzen. Die ersteren sind in Konstantinopel, Monastir und Bosna-Serar gewählt. Die beiden Senatoren, vom Sultan gewählt, sind: Schabschi Zade Davidschon, der Sohn jenes unglücklichen Banquiers, welchen Sultan Mahmud, weil er ihn mit den Interessen der Janirscharen verbunden glaubte, an seinem Hause hängen und sein großes Vermögen consisciren ließ. Die Nachfolger Mahmuds suchten die Familie einigermaßen durch eine Rente zu entschädigen und der Sohn wurde zum Mitglieds des Stratsrathes ernannt. Außer diesem hat der Sultan den greisen Doctor de Castro, feinen Leibarzt und (seit 30 Jahren) Director des Militärhospitals von Halver-Pascha zum Senator erhoben, obschon der auch als Schriftsteller bekannte Arzt wegen seines Alters und weil er nicht viel türkisch verstehe, diese Würde ablehnte. Der Sultan bestand darauf unter der Ertheilung der größten Lobsprüche und der Anerkennung der geleisteten Dienste. Beide Senatoren sind übrigens Männer, die sich auch um ihre Glaubensgenossen vielfach bemühen und verdient machen. — Nach dem Monatsbericht der Alliance vom April, hat sich in der Karäer-Gemeinde in Konstautinopel ein Comite gebildet, um mit der Alliance israölite in Verbindung zu treten. Es hat bereits ungefähr dreißig Mitglieder gewonnen. Immerhin interessant wäre es, auf diesem Wege zum ersten Male wieder eine Art Verbindung zwischen Karäern und Rabbaniten herzustellen. Bonn, 6. Mai. (Notizen). Aus Linz a. d. Donau schreibt man uns, daß die dortige neuerbaute Synagoge am 10. Mai feierlich eingeweiht wird. Sie ist das erste jüdische Gotteshaus im ganzen österreichischen Alpengebiele, und verdient in dieser Beziehung eine allgemeine Beachtung. — Von London theilt man uns mit, daß die dortigen polnischen Glaubensgenossen den „Russischen Magzid" Hirsch Dainav verloren haben, da er England wieder verlassen. Dieser eigenthümliche Theil der jud. Bevölkerung Londons bedarf aber gar sehr eines geistlichen Leiters, der, mit ihren Ansichten und Gewohnheiten vertraut, sie nachdrücklich aus die Erfordernisse verweise, welche ihr neues Vaterland an sie stelle, dem sie ihrem Wesen nach noch so fremd sind. Man ist daher erfreut, daß sich der als hebräischer Schriftsteller bekannte Herr Kohn-Zedek aus Lemberg dieser Gemeinde widmen will. Nur bedürfte es der Geldunterstützung von anderer Seite, um ihm seinen Lebensunterhalt zu sichern. I e n i f Der Nialog bei Hiob. In der Beilage zur „Augsb. Allg. Zig/' vom 6. October und in den folgenden Nummern finden wir eine Reihe trefflich geschriebener Artikel über „den Dialog und seine Kunstform". Der Verfasser, A. R. zeichnet er sich, beginnt: „Zu den Kunstformen , welche der Geist der Griechen in jugendlicher Gestaltungskraft hervorgebracht und als unerschöpflich reiches Erbe der Nachwelt hinterlaffen hat, gehört auch der Dialog (ein Schriftwerk in Form des Gespräches'. Er betrachtet den Dialog als Kunstform nach allen Seiten hin mit großem Scharfsinn und tiefem ästhetischen Geschmack. Als die eigentlichen Träger der dialogischen Kunstform betrachtet er Plato, Lucian, Ullrich von Hutten und Diderot, weil diese eben den Dialog entweder ganz oder doch häufig zur Form ihrer Schöpfungen wählten und darin eine außerordentliche Vollendung erreichten. Es lag nicht in seinem Plane, die ganze Literatur des Dialogs durchzugehen, und wir sind daher nicht berechtigt, es ihm vorzuwerfen, wenn er die meisterhaften Dialoge Cicero's, Lessing's, Herder's u. A. mit l e t o n. Stillschweigen übergeht. Aber wenn wir die obigen Anfangsworte des Autors erwägen, so können wir ihm wohl einen Vorwurf daraus machen, daß er das Buch Hiob vollständig ignorirt, was einem so vielseitig unterrichteten Schriftsteller nicht hätte begegnen sollen, der hiermit abermals den Beweis liefert, wie trotz der allgemeinen Verbreitung der h. Schrift die Bücher derselben in der Jetztzeit unbekannt sind oder unbeachtet bleiben, obschon seit Herder auch für deren ästhetische Würdigung so Vieles geschehen. Denn einerseits kann in der uns bekannten Literatur die Urheberschaft des Dialogs als Kunstform nicht Plato — der übrigens auch seine Vorgänger im Alepamenes aus Teos und im Eleaten Zenon (458 v. d. gew. Zeitr.) hatte — und dem Griechenthum, sondern muß dem Verfasser des Hiob und dem hebräischen Geiste zugeschrieben werden, da dieses Buch dem Plato (st. 347) wohl um fast vier Jahrtausende voranging. Und andererseits kann der Berf. sich nicht etwa damit entschuldigen, daß Hiob nur ein roher Anfang und Versuch des Dialogs gewesen , sondern dem parteilosen Auge wird es nicht entgehen, daß Hiob schon alle Eigenschaften in hohem Maße besitzt, welche