Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1877)
- Date
- 1877-05-15
- Page
- Seite 310 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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310 mehr Gestalt als Wesen der Anschauung und ist langst veraltet und verlassen. Wir fragen daher: Was lehrt uns die Bibel über die menschliche Seele? In solchen Fragen ist man aber gegenwärtig gewohnt, von den hierüber verbreiteten Meinungen ebenso wie von den früheren Interpretationen abzusehen, und die Texte nach ihrem einfachen Sinne von Neuem zu untersuchen. Dann ist jedoch die Beantwortung unserer Frage durchaus nicht so einfach und leicht, wie man glauben sollte, indem man sich begnügen könnte, einige der Hauptstellen zu citiren und zusammenzustellen. Denn die Erkenntniß hat sich Bahn gebrochen, daß in den vielen Jahrhunderten, denen die biblischen Schriften entstammten, auch eine innere Entwickelung stattgefunden, und daß daher die späteren und die früheren Bücher zwar im innersten Zusammenhänge miteinander stehen, doch aber die Gegenstände in verschiedener Auffassung geben, meist in erweiterter und festerer Weise. Deshalb ist es von besonderer Bedeutung, dem Entwickelungsgange nachzuforschen und sich nicht verleiten zu lasten, in allen Theilen der h. Schrift ganz daffelbe finden zu wollen. Für die Eigenart unsrer diesmaligen Untersuchung wird es am angemeffensten sein, gewiffermaßen den End- und Zielpunkt in der biblischen Entwickelung zuerst in's Auge zu fasten, weil dieser zugleich den Ausgangspunkt bildet für den Gedankengang und die Anschauung der ganzen civilisirten Welt. Die Stelle ist Koheleth 12, 7. Dieses Buch ist zweifellos eines der spätesten der h. Schrift, abgefaßt unter der persischen Herrschaft geraume Zeit nach Esra und Nehemia. Der prophetische Geist und der poetische Schwung, welche z. B. im Buche Hiob so reich und lebhaft wirken, sind erloschen, und die nüchterne dialektische Behandlung des gesammten Stoffes hat begonnen und ringt nach ihrem Ausdruck. Aber Ziel und Tendenz des vielfach mißverstandenen Buches ist die Bekämpfung des Zweifels vom Boden des Gottglaubens aus und als höchste Lebensregel resultirt: Genieße des Lebens so viel Du vermagst, aber innerhalb der strengsten Sittlichkeit, wie diese Gottesfurcht, Gottesgebot, Gottesgericht auferlegen 2). Der Text lautet: y-iKirr b2 ia?n acn n:n3 DTibsn Vs aion rmin rprros. „Und zurückkehrt der Staub zur Erde, wie er diese gewesen, und zurückkehrt der Geist zu Gott, der ihn gegeben." aus dem Begehrungsvermögen hervorgehen läßt. Vgl. Lcbemone rerakim Absch. I. Jndeß kann sich Maimonides hierbei auf Aussprüche des Aristoteles selbst berufen, vgl. üe anim das. § 4 und C. 10. Noch klarer wird uns jene Verwechselung, wenn wir sehen, was Maimonides unter der ernährenden Kraft versteht, nämlich: „das Anziehungs-, das Zurückhaltungs-, das Berdauungsvermögen, das Vermögen der Abtreibung des Ueberflüssigen, das Vermögen der Vergrößerung, das Vermögen der Erzeugung des Gleichartigen, das Vermögen der Scheidung der Säfte." S. Ausgabe von Dr. M. Wolfs, S. 5. vgl. unser Jsr. Pred.- und Schulmag. B. 1, S. 232 (zweite Aust. S. 437). 2) Vgl. unsre Einleitung zum Koheleth B. Hl, S. 744. Hieraus ergiebt sich: 1) daß der Mensch während des Lebens eine Verbindung zwischen Körper und Geist ist, 2) daß mit dem Tode diese Verbindung aufhört, der Körper zur Erde, der Geist zu Gott zurückkehrt, 3) daß der Körper des Menschen aus irdischen Theilen besteht, die sich auflösen und mit der Erde vereinigen; 4) wird dagegen vom Menschengeiste nicht ausgesagt, daß er ein Theil des göttlichen Geistes selbst sei, und ebenso wenig, ob er in Gott wieder eingehe, oder als individuelles Wesen fortbestehe. 3) Indem wir hier die Unsterblichkeitsfrage noch außer Acht lasten, erscheint uns doch der Dualismus von Körper und Geist mit möglichster Schärfe ausgesprochen. Daß zwischen beiden während des Lebens eine wunderbar innige Verbindung und gesetzliche Wechselwirkung auch vom israelitischen Denker vorausgesetzt wird, ist selbstverständlich, da ohne eine solche der Mensch nicht bestehen könnte. Aber die Zurückführung des Körpers zur Erde und des Geistes zu Gott als deren Ausgangspunkten zeigt, von welcher Gegensätzlichkeit man beide begriff, daß man beiden eine eigene Existenz zuschrieb und die Natur beider als völlig verschieden anerkannte. Dies ist es, was wir als das End- und Zielergebniß der biblischen Entwickelung über die menschliche Seele festzuhalten haben, bis zu welchem wir die Entwickelung zu verfolgen haben.4) 3) Dies ergiebt sich ganz besonders aus dem Gegensätze, der in den Worten rrna=> und r;:r3 -,wrr ausgesprochen ist. Der Verfasser zeigt sich hierin ebenso weise zurückhaltend wie scharfsinnig im Ausdruck. Nicht minder ist eine zu berücksichtigende Andeutung in der Wahl der Präpositionen by und gegeben, nämlich y-isrs by und OTtbsn b», da das erstere eine unmittelbare örtliche Vereinigung anzeigt, wohingegen durch brr die Art und Weise der Verbindung ganz unbestimmt gelaffen wird. Es ist dies schon darum nicht zu übersehen, weil in dem Parallelsatze 1 Mos. 3, 19 diese Genauigkeit des Ausdrucks nicht beachtet ist und es my-ixn brr und nsrn brr heißt. Noch mehr leuchtet uns dies ein, wenn Koh. selbst da, wo es ihm auf so scharfe Unterscheidung nicht ankommt, brr selbst gebraucht. 3, 20. Hierbei noch eine Bemerkung. Den Vätern der Racenunlerscheivung nach den Sprachelementen hat es beliebt, zu behaupten, daß den Semiten die Befähigung zu generalisiren abgehe. Die Jventificirung des menschlichen Körpers aber mit dem „Staube der Erde" wie sie so in den ersten Anfängen der hebr. Literatur klar ausgesprochen ist, giebt einen Beweis des Generalisirens, wie er stärker selten Vorkommen wird. 4) Der obige Satz steht am Schlüsse des Buches, ist das Resultat der Untersuchung. Er wird um so mehr illustrirt, wenn im Laufe ves Buches der Zweifel ausgesprochen wird, der beseitigt werden soll. Der Vorzug des Menschen vor dem Thiere wird geleugnet, da beide sterben und an einen Ort gehen, vom Staube seien und zum Staube zurückkehren. Da versteigt sich der Zweifler zu dem Worte rab inrr m-n „Ein Geist ist Allen" (B. 19) — (Menschen und Thieren); aber wie selbst zweifelnd an seinem Zweifel, fügt er alsbald hinzu (B. 21): „Wer kennt den Geist der Menschensöhne, ob er in die Höhe steige? und den Geist des Viehes, ob er zur Erde heruntersinke?" Die Antwort ist 12, 7 gegeben. (Richtig bemerkt Herzfelv, daß nbyrt und nTvn nicht Apposition zu tm fein können, weil nt: dabei steht, was den Begriff einer Apposition aufhebt. Die beiden Tt