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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-08 · Heft 19 (8.5.1877) · p. Seite 304

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 19 (8.5.1877)
Date
1877-05-08
Page
Seite 304 (sequence 12)
Language
German
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304 Land als vüllig ruhig, das Volk als freundlich. Eine große Anzahl kräftiger Leute mußten nach Konstantin opel, um in bas türkische Heer einzutreten. Halt der ruhige Zustand an, so wird Nordpalästina vor Ende des Sommers vermeffen worden sein, und das größte im Interesse biblischer Forschungen bisher unternommene Werk ist vollendet. Zur Spinozafeier müssen wir noch nachträglich berichten, daß rer akademisch-philosophische Verein in Leipzig sie auf eine sehr würdige Weise im Kaisersaale der Centralhalle beging. Professor vr. Max Heinze hielt dabei die Festrede, welche seitdem auch im „Im neuen Reiche" veröffentlicht worden ist. Zkeuilleton. Die Juden in der Türkei. So viel über die Juden in der Türkei auch geschrieben ist, so dürfte es doch in diesem Augenblicke, da das thatendurstige Rußland sich anschickt, die Machthaber der hohen Pforte zu züchtigen und ein heißer Kampf zwischen dem Christenthum und dem Islam beginnt, von besonderm Jntereffe sein, etwas Näheres über die Juden in der Türkei zu erfahren, und theilen wir hier die Schilderung eines Mannes mit, der während seines Aufenthaltes im Morgenlanve genugsam Gelegenheit hatte, die Lage und Verhältnisse der Juden, seinen ehemaligen Glaubensgenossen, aus Autopsie kennen zu lernen: Herr Bambery wivmet den Juden in seinem jüngst erschienenen Buche „Sittenbilder aus dem Morgenlande", von dem, beiläufig gesagt, eine neue Auflage in Vorbereitung ist, ein ganzes Capitel. „Wie überall in der Gesellschaft, sagt Bambery, der Druck von Außen ein zärtliches Famililienverhältniß, ein enges und krampfhaftes Umschlingen der selbst entfernt stehenden Mitglieder erzeugt, so ist dies auch bei den Juden Asiens, mehr noch als bei denen Europas der Fall. Trotz der zahlreichen Gemeinden Konstantinopels wird man an den Usern des Bosporus keinem einzigen jüdischen Bettler begegnen. Ob durch Zündhölzchen oder Dolmetscherdienst, ob als Hausirer oder Mackler — denn der Jude im Osten vertritt ganz dieselben Handelszweige wie der westliche — wird der arme Judenbursche schon vom zehnten lischen Fanatismus, fein Müthchen zu kühlen, so daß den Juden, trotz der Toleranz eines Sulejman, der Tausende von dem Henkerbeile und dem Scheiterhaufen der spanischen Inquisition zu retten glaubte, keineswegs aus Rosen gebettet waren. So war es vordem. Heute, wo griechische Arroganz durch abendländische Protection gesteigert ist und die Juden sich nur eines schwachen, zeitweiligen Schutzes von Europa aus erfteuen, hat das geschilderte Berhaltniß sich um wenig oder gar nicht gebessert. Spitzname des Juden in der Türkei ist „Kekeres'", und dieses Kekeres ist noch immer die treueste Bewahrheitung seiner langen Leiden. „Que quieres’?“ d. h. was willst du ldie Juden sprechen einen Jargon ihrer ehemaligen spanischen Heimath) ist die einzige Abwehr des Juden gegen seine Unterdrücker. Wird ein Knabe muthwillig gepeinigt oder geschlagen, wird ein Alter beim Barte gezaust, hört man nur das klägliche „Que quieres?“ Was Hab' ich Dir gethan, was willst Du von mir? Bei einem umfassenden Blicke auf sämmtliche Juden, von den Ufern des Bosporus bis zum fernen Chokand, tritt die Wahrnehmung hervor, daß, je weiter nach Osten, Zahl und Größe ihrer Gemeinden mehr und mehr abnehmen. Je entfernter eine Gegend von dem Machteinflusse des Abendlandes sich befindet, desto geringer ist die Zahl der daselbst wohnenden Juden. Der Ländercomplex des heutigen ottomanischen Kaiserstaates war immer ihr Lieblingsaufenrhalt, während des Mittelalters, dessen östlicher und in der Neuzeit dessen westlicher Theil. Jahre ab, ja sogar noch früher, sein Brod zu verdienen suchen, j Ein Regensburger Rabbiner (Rabbi Petachia), der im Jahre Jeder hofft ein „Camonvo" (türkischer Rothschild) zu werden und 1217 Q seine asiatischen Glaubensgenossen besuchte, fand in Mosul wenn er es nicht wird, so ist er selbst am allerwenigsten Schuld über 6000, in Damaskus 10,000, in Nisibis 8000 Seelen und daran; seine Ausdauer, seine Mäßigkeit sind exemplarisch, und spricht ebenem von Festen in der Nähe Bagdad's, welchen 80,000 während man in den Straßen Pera's und Stambul's zu gewissen { Juden angewohnt haben sollen, während gegenwärtig nur die Zeiten betrunkene Griechen und Armenier herumtaumeln sieht,! Hälfte dieser Zahl für sämmtliche Juden der asiatischen Türkei so gehört doch der Anblick eines berauschten Juden zu den größten! veranschlagt werden kann. Bagdad, von den Juden als das Seltenheiten. Solche Tugenden waren allerdings von Nöthen, j alte Babel angesehen, ist übrigens, nach Konstantinopel uno um sich, speciell in der Türkei, einigermaßen erhalten zu können.! Saloniki, die größte jüdische Colonie im Morgenlande. Es wohnen Der Jude hatte dort nicht nur unter mohammedanischem, auch in diesem Paschalik über 20,000 Söhne Israels und das alte unter griechisch-orthodoxem und katholischem Fanatismus zu leiden.; Klagelied: Am wenigsten plagten ihn die Türken, am meisten die Griechen;; „An den Strömen Babels saßen wir und weinten" es schien fast, als wollten sich Letztere für die ihnen türkischer-! ist dort nicht mehr zutreffend, denn der Bagdader Jude erfreut seits zugefügten Gewaltthaten an den Juden rächen. Es war! --- Die einzige Gelegenheit für den arg gepreßten christlich orienta-I t) Muß wohl heißen gegen 1180. D. Eins.

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