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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-08 · Heft 19 (8.5.1877) · p. Seite 296

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 19 (8.5.1877)
Date
1877-05-08
Page
Seite 296 (sequence 4)
Language
German
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296 oder links, dann ist die Bewegung eine freie; sobald ich die Wahl aus einem inneren zwingenden Motiveireffe, so ist sie ebenso wenig frei wie nach dem Gesetze der Schwere. Und deshalb unterliegt einem gleichen Sprunge bei Spinoza Alles, was er als Pflichten des Menschen erkennt und was er aus tiefer Bewegung seines Herzens über die Liebe zu Gott sagt, in der allein er die Glückseligkeit des Menschen findet. *>) Seine mathematische Methode bei all' ihrer Schärfe läßt doch den Punkt erkennen, wo die Consequenz seiner Definitionen doch nur willkürlich weiter geführt ist. Wir können dies hier nur anveuten, nicht ausführen. Aber das Resultat ist, daß es eben nicht blos aus der einen Seite das Judenthum und den auf gleicher Grundlage sich aufbauenden Deismus, auf der anderen den Atheismus und Materialismus giebt, sondern noch eine dritte Anschauung, mag man sie Pantheismus, oder wie es jetzt mehr beliebt, Monismus nennen, und deren eigentlicher Begründer innerhalb der neueren Philosophie ist — Spinoza. Mögen also die Faden, die ihn mit dem Iudenthume verbinden, an verschiedenen Punkten seines Systems zum Vorschein kommen, wie er ja auch selbst die Kabbalisten als seine Vorgänger citirt:^) schon nach seinem Ausgangspunkte trennt er sich vom Iudenthume und findet sich nur in einigen Endresultaten mit ihm wieder zusammen. Es versteht sich von selbst, daß ein Jeder, der über Spinoza schreibt, deffen seltenem Charakter die volle Würdigung darbringt. Seine unbedingte Wahrheitsliebe, die zwar den Kampf scheute, aber vor keinem persönlichen Opfer zurückwich, sein unermüdlicher Forschertrieb, der ihm zum ganzen Inhalt seines Lebens geworden, seine wahrhafte Weisheit, die sich in der Unterdrückung jedes Ehrgeizes, jeder Habgier und Genußsucht bethätigte, feine Sanflmuch und Mäßigkeit, welche mit jener Verachtung der Welt und ces Irdischen nichts gemein hatte, und darum um so trefflicher ist — alle diese Tugenden bildeten und erzeugten einen Charakter, den wir aufrichtig bewundern müssen. Hier ist es, wo wir einen wesentlichen Zusammenhang zwischen dem Judenthum und Spinoza zu bezeichnen haben. Denn gerade das Judenthum aus seinem innersten Wesen, und zwar gerade das altorthodoxe, in deffen Schatten die Wiege Spinoza's gestanden, und die Lebensverhältniffe des jüdischen Stammes waren der Boden, aus welchem ein 8) So hat David Strauß, nachdem er den Gottesbegriff zurückgewiesen, und an deffen Stelle das Universum, wie es sich vor unsrer Wahrnehmung zusammenbaut, gesetzt, die Anbetung dieses Universums in abstracto gefordert, und sich sehr unwillig über die gezeigt, die mit einer solchen Naturanbetung nichts zu thnn haben wollten. Angemessener und konsequenter ging Maimonidcs zu Werke, der die Erkenntnis Gottes, und zwar auf metaphysischem Wege, als die höchste Swfe, die wahre Vollkommenheit des Menschen anerkannte, aber seinem metaphysisch erkannten Gotte hmzufügte: „die Erkenntnis der Beschaffenheit der göttlichen Vorsehung, vermöge derer er seine Geschöpfe in's Dasein ruft und für dieselben Sorge trägt, und einen dieser Erkenntniß entsprechenden Lebenswandel, bei welchem der Mensch stets von dem Streben durchdrungen ist, Liebe, Gerechtigkeit und Wohlwollen zu üben und die Gottheit in ihren Handlungen nachzuahmen." Mor. Neb. Hl. Abschn. 54. ed. Munk S. 462. 466. y) S. z. B. Das. S. tt. Lropos. VII. Schot. S. 228. olcher Charakter erwuchs. Er hatte darin zahlreiche Vorbilder, welche besonders im Stande der Rabbinen, nach dem weiteren Begriffe dieses Wortes, zu aller Zeit sich vorfanden. Hingegen darf doch nicht vergessen werden, daß Spinoza sich von der Welt zurückgezogen hatte, daß er sich niemals in den Kampf des Lebens gestellt, keine Familie, also auch keine Sorgen und Mühen für eine solche hatte — Umstände, welche die Entfaltung und Bethätigung der gedachten Tugenden allerdings erleichtern. Auch wollen wir nicht verschweigen, daß er aus jener traurigen Erfahrung während der Jugendzeit eine Bitterkeit gegen das Judenthum in sich trug, der er auch noch in späterer Zeit sehr energischen Ausdruck gab. Seine Polemik gegen daffelbe ist herb und leidenschaftlich, während er dem Christevthume gegenüber eine Nachsicht und Schonung übte, die weit über das Maß eines sonst so scharfen Kritikers geht. Diese Leidenschaftlichkeit gegen das Judenthum beraubt ihn des Organs zur Erkenntniß des wirklichen geistigen Inhalts deffelben und für jede Anerkennung dessen, was er selbst ihm schuldete. In diesem Punkte zeigt er weder den Weisen noch den Denker in genügendem Maße; er verliert die Objectivitat, die ihm als Charakter die rechte Krone erst aufgesetzt hätte. Wir dursten diesen eigenthümlicheu Zug nicht mit Stillschweigen übergehen, wo wir das Berhältniß zwischen ihm und dem Iudenthume zeichnen wollten. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 22. April. Egypten. Handbuch für Reisende von K. Bädeker. I. Theil. Leipzig, 1877. (Schluß). „Ramses (Maschüta) am Süßwaffercanal zwischen Tell el-Keb!r und dem Timsüh-See war der Sammelplatz. Hier strömten die Juden aus On (Heliopolis), Belbes, Bubastis und Pithom, von Südosten und Osten her zusammen und vereinten sich mit denen, die von Tanis und aus den nördlichen Weidevistricten gekommen waren. Hier ordneten sich die einzelnen Schaaren zu einem Ganzen, ftohe Hoffnung auf das reiche gelobte Land erfüllte die Herzen und bereit auch mit dem Schwerte Widerstand zu leisten, zogen die Juden „gerüstet" und mit „erhobener Hand" aus Egypten. Nach dem Aufbruche von Ramses ward die nach Syrien führende Straße betreten und zu Suchet im Süden des heutigen Balah-Sees gelagert. Am folgenden Tage ward Etham (Chetam, die Umwallung), d. i. die erwähnte Festungslinie, berührt. Thürme und Gräben und Schaaren von wohlbewaffneten Soldaten zeigten sich, da ward das Volk, welches unter dem Stocke seiner Zwingherrn nicht gelernt hatte, dem Schwert mit dem Schwerte zu begegnen, kleinmüthig und verlangte zurückzukehren. Mose kannte die ihm anvertrauten Schaaren und wußte, daß sie noch nicht befähigt waren, disciplinirten Regimentern die Stirn zu bieten und dem Tode zu trotzen, um die Freiheit zu gewinnen." (Vgl. 2 Mos. 13, 17). „Bei den Bastionen,

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