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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-08 · Heft 19 (8.5.1877) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 19 (8.5.1877)
Date
1877-05-08
Page
Seite 295 (sequence 3)
Language
German
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295 Bewußlsein der Menschen verschwinven lassen sollen. Nicht Laß wir die Spaltung unv den Streit der Menschen verstärken und verewigen wollen, sondern weil auf diesem Wege die Erkenntnis; geschwächt, der Forschungs- und Wahrheilstrieb abgestumpft, die Lebendigkeit und Schärfe der Ueberzeugung und hiermit auch deren Wirksamkeit auf unser Denken und Thun erdrückt wird. Das JuLenthum unv der auf den Grundlehren desselben sich aufbauende Deismus haben den Dualismus zu ihrem Inhalt. Gott und die Welt, der Schöpfer und das Geschaffene, die erste Ursache und das von dieser Erwirkte, Geist und Körper, Gedanke unv Stoff, das Unendliche unv vas Endliche, das Ewige und daS Zeitliche, Las Unveränderliche und das Vergängliche, das Freie unv vas Unfreie, vas Jurenthum hält die Gegensätz- ,lichkeit verselben fest, unv leitet hieraus conseguenl Alles ab, was Religion und Sittlichkeit umfaßt unv lehrt, was die Erkenntniß erfüllt und den Willen bestimmt. Wir müssen zugeben, daß auch in diesem Systeme unlösbare Fragen für den in vas Reich des Uebernatürlichen immer höhersteigenden Menschengeist übrig bleiben — aber in welchem Systeme bleiben viefe nicht, wenn es auch vergiebt, sie zu beantworten? Welcher aufrichtige Wahrheilsfreund wird venn behaupten, daß der Menschengeist bestimmt unv befähigt ist, die ganze unv unbevingte Wahrheit zu erkennen? Die Bibel wenigstens spricht sich an mehrfachen Stellen'bescheidener aus. 3) Aber vas Judenthum stützt sich hierbei außer auf die ihm geheiligte Ueberlieferung seiner Lehre unv außer auf die Geschichte der menschheitlichen Entwickelung, die bis jetzt kein anderes Resultat als die immer weiter verbreitete Anerkenntniß seiner Lehre hatte, auf die Summe der Wahrnehmungen unsres Verstandes, aus vie einfachen Folgerungen unsrer Vernunft, auf vie natürlichen Gefühle unsres Herzens, auf das ganze Betürfniß unsres geistigen Lebens. Wie aber der Spinozismus ein Gegensatz zum Atheismus unv Materialismus, so ist er auch ein solcher zum Judenthume und dem, seine Grundlage ihm entlehnenden Deismus. Der Ausgangspunkt Spinoza's ist, wie auch Lessing mit seinem durchdringenden Scharfsinne bemerkte, vas „Hen kai Pan", Eines und Alles, Alles ist Eines, und das Eine ist Gott. Gott ist die Substanz, d. h. das Dasein und das Wesen, darum das Dasein und das Wesen aller Tinge. Das Denken und die Ausdehnung sind die beiden Attribute Gottes. „Das Denken ist ein Attribut Gottes ober Gott ist ein venkenves Ding. Die Ausdehnung ist ein Attribut-Gottes oder Gott ist ein ausgedehntes Ding." J) Hiermit ist einfach gesagt, daß sowohl die geistige als die körperliche Welt zum Dasein unv Wesen Gottes gehört, beide die Natur- Gottes ausmachen. Er sagt daher ferner: „Der menschliche Geist ist ein Theil ves unendlichen göttlichen Verstandes; wenn wir demnach sagen: der menschliche Geist faßt dies oder jenes auf, sagen wir nichts Anderes, als vaß Gott, nicht insofern er unenvlich ist, sondern insofern er vurch die Natur ves mensch- 3) Z. B. 2 Mos. 33, 20. Hiob 28, 21. 28. Koh. 12, 13. 4) Ethik, Pars II. Propos. 1 u. II. eil. Bruder Vol. I. S. 224 :c. lichen Geistes ausgedrückt ist, oder insofern er das Wesen des menschltchen Geistes ausmacht, diese over jene Jvee hat." -») — Wir heben diese Sätze hervor, weil eine ausführliche Darstellung des Spinozismus an dieser Stelle nicht möglich, aber aus jenen prägnanten Sätzen doch für Jevermann der Widerspruch klar wird, ver zwischen rem Judenthume unv dem Spinozismus vorhanden ist, und ven wir durch irgend welche geschickte Besprechung auch in Ver besten Absicht nicht verwischen lassen dürfen, ohne uns unsre jüvische Ueberzeugung zu trüben. Wir können in dem Dasein unv Wesen Gottes — Geist unv Stoff bestehend, gewissermaßen coordinirt, nicht zugeben, Ewigkeit unv Zeitlichkeit, Unveränderlichkeit und Vergängliches, Schöpfer und Geschöpf, Ursache unv Wirkung nur als zwei nebeneinander bestehende Daseinswelsen derselben Substanz, desselben Wesens Gottes nicht anerkennen; wir können Jrrlhum unv Sünde nicht als Movalitäten des göttlichen Verstandes selbst, so weit er im Menschen zum Ausvruck komme, ansehen. Wir erkennen varin nur Syllogismen aus dem falschen Vordersatz, vie, so sehr wir vie Logik unv die mathematische Melhove bewundern, mit ver jene aus diesem gezogen werden, doch den tiefgreifenven Jrrlhum dieser Prämisse des „Hen kai Pan" nicht verdecken. Wir meinen vielmehr, vaß im Grunde ras dualistische Wesen aller dieser Momente durch alle derartige Syllogismen schließlich voch nur zugegeben unv nicht erklärt wirv: venn wenn Geist unv Körper als zwei verschiedene, entgegengesetzte „AttributeGottes" bezeichnet werden, so ist voch nur ihre Differenz eingestanven, und ihre Vereinigung in Gottes Wesen "j ist nichts als eine vesperate Verhüllung reffen, daß der gemeinsame Ursprung dieser Gegensätze dem Philosophen unerklärlich ist, der nur Worte giebt, wo die Erkenntniß unmöglich, Definitionen, wo die Realität unersinvlich. 'Jkd) mehr. Sowie mit den Definitionen von Substanz unv Attributen keine Brücke, sonvern nur ein Sprung über die Kluft zwischen Gott unv Welt, Geist unv Materie, Denken und Ausdehnung gemacht ist, so vollbringt Spinoza einen gleichen über den Gegensatz zwischen Freiheit unv Unfreiheit. Er vefinirr als frei, was von außen nicht gezwungen «st, läßt aber bann was von innen heraus geschieht, norhrvendig fern aus der Natur der Sache.') Dies ist aber niemals Freiheit. Frei geschieht nur das, was so unv auch anvers geschehen könnte und nun nach eigener Wahl so und nicht anders geschieht; Alles aber, was gar nicht anders geschehen könnte, ist unfrei, sei eS von außen over von innen. Die Bewegung, die nach dem Gesetze der Schwere vor sich geht, ist keine freie; wenn ich aber rechts oder links gehen könnte, und ich wähle in eigener Selbstbestimmung rechts 5) Das. Propos. XI. Coroll. S. 232. 6) Spinoza sagt: „Alles, was von dem unendlichen Lerftande, als das Wesen der Substanz ausmachcnd, wahrgcnommcn werden kann. Alles dies gehört nur zu einer Substanz, und folglich ist die denkende Substanz und die ausgedehnte Substanz eine und dieselbe Substanz, welche bald unter diesem, bald unter jenem Attribute gefaßt wird." Das. Propos. VII. 8cbol. >L>. 228. | 7) Bgt. z. B. das. Propos. XXXII. S. 212. 1'3*

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