Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1877)
- Date
- 1877-05-08
- Page
- Seite 294 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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294 dem großen Publikum immer noch als das Symbol eines abschreckenden Atheismus galt, wozu denn besonrers noch die despotische Herrschaft des Hegelianismus in jener Zeit kam, von der man sich gegenwärtig keine genügende Vorstellung machen kann. Dieser aber duldete nichts neben sich, und betrachtete alle früheren Philosopheme als überwundene Schemen.') Es gehörte der Muth der Jugend dazu, unter solchen Umständen für Spinoza aufzutreten. Unsre Tage haben Anderes gesehen. Bon der Annäherung des zweihundertsten Todestages desielben bahnbrechenden Denkers, des eigentlichen Gründers der neueren Philosophie, der seinen Vorgänger Cartesius mit vesien Nachgiebigkeit gegen die Kirche und noch immer nicht ganz überwundener Neigung zur Scholastik weit hinter sich ließ, wurde schon vor Jahr unv Tag Kenntniß genommen, und es traten gewichtige Männer zusammen, um Spinoza an dem Orte, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbracht und seine Augen geschloffen, ein Denkmal zu setzen und seinen Todestag feierlich zu begehen. Da hielten wir es für geboten, in diese Feier unsrerseits in keinerlei Weise uns einznmischen, den Verlauf derselben zu beobachten unv diesen nach einiger Zeit uns klar zu machen und zur Beurtheilung zu bringen. In dem eigenthümlichen Verhältniß, das zwischen dem Judenthume und Spinoza besteht, sollte zuvor sich zeigen, wie dieses in unsren Tagen von der öffentlichen Meinung aufgefaßt und verstanden werde, um erst von diesem Standpunkte aus unsre Stimme vernehmen zu laffen. Nun, die Sammlung zu dem Denkmale geht vor sich und scheint Aussicht zu tüchtiger Verwirklichung zu geben. Am 21. Februar fand im Haag eine von den intelligenten Kreisen dieser Residenz veranstaltete Feier statt, in welcher der dazu berufene Ernst Renan in beredter Weise die Festrede hielt, die jetzt im Original und in deutscher Uebersetzrmg von Richard Leffer «Wien, Hartleben, 187 7) vorliegt. Außerdem erschien: „Spinoza, am zweiten Säculartage seines Todes. Vortrag in der „Literarischen Gesellschaft" zu PotSvam am Stiftungsfeste. den 28. Februar 1877, gehalten von Rabbiner Di-. Tobias Cohn. (Potsdam, Gropius, 1877.) Dies ist außer einigen Feuilleton-Artikeln in der Tagespreffe Alles, was wenigstens uns zugekommen ist. Wir gestehen offen, daß in Anbetracht des Gegenstandes uns dies nicht viel zu sein scheint. Wir haben der Akademien und Universitäten so viele, doch keine hat sich verlautbar gemacht. Was uns in den vorliegenden Vorträgen und Artikeln zunächst auffiel, war das Bestreben, das in ihnen hervortritt, den Unterschied zwischen dem Spinozismns und dem Deismus möglichst zu verwischen, und so Spinoza von der Gegnerschaft gegen die fundamentale Anschauung der positiven Religionen möglichst frei zu machen. Außer Renan verfolgt diesen Zweck auch der I) Wir finden soeben eine lebhafte Schilderung dieses Despotismus der Hegelianer in A. Stahr's „Aus der Jugendzeit" Buch 3, an Form und Inhalt treffliche Vertrag von Tobias Cohn, und nicht minder unter den Zeitungsartikeln, z. B. auch l»r. Rothschild in der „Frankfurter Zeitung".2) Diese Übereinstimmung muß gerade in unserer Zeit auf eine gemeinsame Richtung Hinweisen, und diese kann nur darin bestehen, dem Atheismus und Materialismus das von diesem gewonnene Terrain wieder abzunehmen. Die schroffe Gegensätzlichkeit der Parteien in unsrer Gegenwart macht dies verständlich. Spinoza wurde so lange als ein Vorkämpfer des Atheismus und Materialismus ausgeschrieen, daß es den Rednern vor Allem daran lag, dem großen Publikum diese Meinung zu nehmen. Und dazu hatte man gewiß die volle Berechtigung. Spinoza war in der Thal ein schwer bewaffneter Gegner des Materialismus. Diesem ist die Materie, sind die materiellen Dinge das allein Vorhandene, aus der Nothwendigkeit ihrer Bestandtheile unv der diesen inhärirenden Kräfte entsprungen und bestehend, der menschliche Geist nichts als eine besondere Function der Gehirnfasern. Das Gegentheil lehrte Spinoza. Das materielle Dasein ist ihm nur ein Attribut des göttlichen Daseins, die materiellen Dinge nur modi d. h Daseinsweisen, in welchen dieses Attribut Gottes zum Ausdruck kommt; die Idee geht ihm dem materiellen Dasein voraus. Der Borwurf des Atheismus und Materialismus wurde ihm nur von den Kirchglaubigen wegen seiner Kritik der Bibel und seiner Zurückweisung der kirchlichen Dogmen gemacht. Wir sehen dies noch heut' zu Tage, wo die Ultrainontanen und Pietisten Jeden für „gottlos" erklären, der nicht zu ihnen schwört. An Niemandem bewährte sich das „Verleumde nur, es bleibt immer Etwas hängen!" mehr als an Spinoza. Wie gesagt, hieraus erklärt sich jene Bemühung der gedachten Autoren, Spinoza als den wahrhaftesten und tiefsinnigsten Deisten hinzustellen. Wir jedoch muffen uns entschieden hiergegen erklären. Einst schrieben unsre Weisen vor: „Machet einen Zaun um die Lehre!" Die Talmurifien verstanden dies vom Gesetze, um durch vorbeugende Vorschriften die Uebertretung eines Gesetzes zu verhüten. Wir gegenwärtig saffen jene Mahnung so auf, daß wir die Verschiedenheit rer Lehrmeinungen, die Gegensätzlichkeit der Anschauungen, wie sie feit Alters besteht, nicht durch die Phrase, die wohlgemeinte aber doch verschwommene Phrase verdecken unv vor dem 2) Dr. Rothschild bemüht sich auch, die Schuld der Verfolgung Spinoza's von den Schultern der Synagoge auf die der Kirche hinüberzuwälzen. Wir können dem nicht beistimmen. Der Bannfluch der Synagoge entsprang aus deren eigenstem Beschlüße, denn die Kirche nahm von Spinoza erst nach der Veröffentlichung seines theologischpolitischen Tractats Notiz. Die Verbannung aus Amsterdam scheint uns nur eine Fabel, da sie nur von dem geschwätzigen BoullainvillierS berichtet wird, der zuverlässige Cvler aber nichts davon weiß, und, wie wir S. 8 unsrer Lebensbeschreibung ans den Briefen Spinoza's erwiesen haben, Spinoza schon einige Monate nach seiner Abreise wieder nach Amsterdam ans eine Woche rerste, was er spater öfter wiederholte. Dahingegen kümmerte sich die Synagoge, nachdem sie ihn excommnnicirt, nicht werter um ihn, und nahm von seinen Schriften keine Notiz. Uebrigens traf Spinoza keine persönliche Belästigung während seines spateren Lebens; die einzige Bedrohung, die er für feine Person zu fürchten hatte, entsprang einmal aus politischen Motiven.