Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1877)
- Date
- 1877-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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288 sendet uns aus Pest folgende nähere Notiz zu: Anläßlich der letzten Winter von Dr. Kayserling meisterhaft gehaltenen historischen Vorträge regte Herr D. A. Spitzer die Idee au, daß die sich mehrseitig äußernde Anerkennung auch eine greifbare Form annehme. Diese Idee kam rasch und glänzend zur Ausführung. Am 2. April a. c. Bormittgs 10 Uhr, begab sich unter Führung des Dr. Schonberg eine Deputation von nahezu 25 Herren in die Wohnung des vr. Kayserling und überreichten demselben das Ehrengeschenk und eine Avresse. Obmann des hierzu entsendeten Comrlös, Herr vr. Schönberg, pries in gelungener Rede die Verdienste des verehrten Mannes, dem die Feier des Tages galt und erntete ob seiner ausgezeichneten Ansprache großen Beifall, vr. Kayserling sprach sehr gerührt seinen Dank für die „unverdiente" Auszeichnung aus, er betrachte dieselbe, nicht als seinem Wirken, sondern seinem Streben dargebracht, unv schloß seine tiefempfundene Rede damit, daß er den Wunsch aussprach, sein nunmehriges Vaterland, das geliebte Ungarn, möge zur höchsten Blüthe gelangen. Wiederholt begeisternde Elsens waren das Echo dieser in der That von patriotischem Geiste durchwehten Ansprache. Das Ehrengeschenk bilden zwei silberne fünfarmige Girandols in griechischem Stile gehalten und künstlerisch ausgeführt. Die Avreffe hat einen Prachtband, das Tabernakel des Tempels darstellend, und enthält in geschmackvoller, kalligraphischer Ausstattung das Verzeichniß von 218 der klangvollsten Namen hiesiger Bürger jüdischer Confession. Der Kalligraph, Herr Ignatz Blau, lieferte in derselben ein kleines Meisterstück; wie überhaupt die ganze Ovation würdig des Mannes war, für den sie bestimmt, aber auch ebenso ehrend für Alle, die sich daran betheiligten. — Aus Bukarest kommt uns der „Jahresbericht über die Tbäligkeit des Bundes „Zion" für das Jahr 1876" und die Generalversammlung vom 10. Januar zu, und werden wir in nächster Nummer darüber berichten. — Aus Köln meldet man, daß daselbst ein Israelit, vr. Rosenthal, zum dritten Beigeordneten (d. i. so viel wie vierter Bürgermeister) gewählt worden. Jeuilleton. Aus den Zeiten Josef II. Bon G. Wolf. Napoleon behauptete, Oesterreich sei stets um eine Idee zurück. Auf Einem Gebiete muß man jedoch Oesterreich die Priorität zuerkennen. Josef H. machte in der neueren Zeit den ersten Schritt zur Gleichberechtigung der Akatholiken mit den Katholiken. Er war es, der zuerst die Juden von dem furchtbaren Drucke, der auf ihnen lastete, befreite. Man würde jedoch sehr irre gehen, wenn man behaupten wollte, daß Josef ähnliche Anschauungen über Religion im allgemeinen wie Friedrich II. hatte. Allerdings suchten Liberale wie Bigote ihn als Kirchenstürmer zu schildern: erstere wollten dadurch ihre eigenen Bestrebungen stützen und die letztern suchten ihn in solcher Weise bei den Gläubigen zu verdächtigen. Wenn man jedoch der Sache auf den Grund sieht, überzeugt man sich, daß Josef eben so gut katholisch wie seine Mutter und wie seine Vorgänger überhaupt war. Er gab die Toleranzgesetze, nicht, weil er für das Princip der Glaubensfreiheit eintrat, sondern weil er es im Jnteresie der Staaten fand, nicht mehr die Protestanten aus dem Lande zu jagen, und weil er die Juden, wie er sich ausdrückte, zu nützlichen Mitgliedern heranbilden wollte. Allerdings war auch in ihm das Gefühl der Menschlichkeit rege und spielte diese bei der Emanirung dieser Gesetze eine Rolle. Wiederholt jedoch sprach sich Josef in Rescripten aus, daß es nicht seine Absicht sei, die Zahl der Juden zu vermehren und in den Rathssitzungen der Hofkanzlei (des jetzigen Ministeriums des Innern) welchen der Kaiser oft persönlich beiwohnte, stellte er den Grundsatz auf, daß man den Akatholiken die Ausübung ihrer Religion nicht eigentlich erleichtern sollte. Nachdem das Toleranzpatent erlaffen war, wurde es den Akatholiken, die bis dahin zum Schein katholisch lebten, gestattet, sich zu erklären, daß sie akatholisch seien. Der Königsgrätzer Bischof Hay berichtete damals: „Hier (Pardubitz) habe ich eine der sonderbarsten Erscheinungen gefunden. In den Dörfern Rokitno und Chwognetz sind 52 Familien, welche Christus und sein Gesetz verwerfen. Ich habe meine ganze Beredsamkeit aufgewendet, um sie, 72 Männer, zum h. Christenthum zurückzuführen; doch vergebens. Sie hörten mir mit großer Aufmerksamkeit zu, dann bemerkten sie, Ihre Vernunft könne die Geheimnisse der christlichen Religion nicht ertragen und sie können nichts glauben, was wider ihre Vernunft sei. Tausende Menschen denken so wie sie, welche jedoch schweigen. Sie bekennen sich öffentlich dazu. Ihr Glaubensbekenntniß ist: Wir glauben an einen Gott. Schöpfer des Himmels und der Erde. Daß ein Christus war, glauben wir, wie man eine Geschichte glaubt. Entweder ist er wegen seiner Sünden gekreuzigt worden oder ist er unschuldig gestorben. Im letztern Falle fällt die Schuld auf seine Richter. Ferner glauben wir, daß er ebenso Gottes Sohn war, wie wir es sind. Alle Menschen sind doch nichts anderes als Geschöpfe und Kinder Gottes. Aber daß ein Gott Mensch geworden, können und werden wir nie glauben. Unser Gesetz sind die zehn Gebote, welche Moses auf dem Berge Sinai bekommen, der Herr hat sie mit feinem Finger in die steinernen Tafeln und zugleich in unser Herz geschrieben. Wir werden sonst nichts glauben, es