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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-01 · Heft 18 (1.5.1877) · p. Seite 287

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 18 (1.5.1877)
Date
1877-05-01
Page
Seite 287 (sequence 11)
Language
German
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287 das Ideal schon verwirklicht zu sehen, sondern sie meinen, daß den Gedanken des allgemeinen Völkerfriedens immer mehr zu verbreiten, schon ein Verdienst ist, da er in einzelnen Fallen den Eintritt des Krieges, wenn nicht zu verhindern, doch zu erschweren und mit der Zeit seltener zu machen vermöchte. Wir Juden haben viele Gründe, diesen Gedanken möglichst befördert zu sehen, noch dazu, da er ein echt jüdischer, nämlich ein unsren Propheten entstammter ist. Wir werden es daher mit Befriedigung sehen, daß von Len beiden Vorstehern des hiesigen Vereins rer Friedensfreunde der Eine ein Israelit ist, nämlich rer rühmlich bekannte Herr Adolph Frank, Mitglied des Instituts und des Israelitischen Consistoriums; rer Andere ist Herr Joseph Garnier. Der Verein hat beschlcffen, an Len Kaiser von Rußland eine Adresie zu richten — was freilich den Krieg nicht verhindern wird. — Zum verflossenen Osterfeste erhielten die in Süvfrankreich garnisonirenden jüdischen Soldaten aus Algerien 14 Tage Urlaub und freie Ueberfahrt nach der Heimath, in welcher sie freudig empfangen wurden. Großbritannien. London, im April. (Privatmitth.) Jemehr auch bei unsren britischen GlaubenSgenosien die Nothwendigleit zum Bewußtsein kommt, den Volksunterricht in allen Schichten zu befördern, und je zahlreicher durch die beständige Einwanderung aus dem europäischen Osten die Masie des bilrungsbedürftigen Volkes wird, desto mehr stellt sich auch der Mangel an tüchtigen jüdischen Lehrern ein. Hierzu kommt, daß die englischen Juden vorurtheilsvoll eingenommen gegen die religiöse Richtung der deutschen jüdischen Lehrer sind. Hierdurch hat sich eine Anzahl der angesehensten Israeliten Englands bewogen gefühlt, ein Comilö zu bilden, und eine Aufforderung zu erlassen, um eine Bileungsanstalt für jüdische Lehrer und Lehrerinnen zu gründen. Wir heben mit Befriedigung hervor, daß einige Damen am Thalkräftigsten und ausdauerndsten für diesen Zweck Mitarbeiten. Es ist nicht zu bezweifeln, daß bei dem Einflüsse und den Mitteln derer, welche an die Spitze des Unternehmens getreten, dieses sich auch bald verwirklichen werde. Die Geldmittel zu diesem Zwecke dürfen allerdings nicht "knapp bemessen sein. Denn hier wie in Deutschland und wohl in allen Landern sind es nicht die Kinder der begüterten Familien, welche sich das Lehrfach zum Lebensberufe erwählen. Es muß daher darauf Bedacht genommen werden, daß die Zöglinge der neuen Anstalt genügenden Unterhalt von ihr empfangen, sonst werten sich schwerlich dergleichen einfinven. Bei Seminaren kommt es nicht allein darauf an, die nöthigen Lehrkräfte und Lehrmittel zu haben, sondern eben so sehr die Sustentationsmittel für die Schüler und Schülerinnen. Mögen Diejenigen, welche die neue Anstalt in der edelmüthigsten Gesinnung zum Ziele ihrer Thaligkeit gestellt haben, bald die Freude empfinden, ihr Werk in's Leben treten zu sehen! Marokko. Orau (Algerien), im März. Das Echo d'Oran bringt aus Marokko einige Nachrichten, die uns schon darum etwas zweifelhaft erscheinen, weil sie alle nach einer bestimmten Richtung hin gefärbt sind. Hiernach soll zwischen dem Sultan und der jüdischen Gemeinde von Fez sich ein Constict erhoben haben. Der Palast lsoll wahrscheinlich heißen: ein Palast) des Sultans ist nämlich zwischen dem Judenviertel (Mellah) und dem jüdischen Gottesacker gelegen. Der jetzige Sultan Mulai-Hassan beabsichtigt seinen Palast zu erweitern und will deshalb den jüdischen Gottesacker einziehen. Obgleich nun der Sultan der jüdischen Gemeinde ein anderes viel größeres Terrain und die Uebertragung der Gebeine nach diesem auf seine Kosten angeboten habe, sollen die Juden in der größten Aufregung sein und die Vertreter der europäischen Mächte um deren Intervention gebeten haben. Jndeß sollte man doch glauben, daß die dortigen Juden sehr wohl wüßten, daß nach dem Slaatsrecht jener Länder der Sultan unumschränkter Herr des Landes, wenn nicht auch alles Eigenthums ist, und zu beurtheilen verstünden, was es heiße, sich den Zorn des Sultans zuzuziehen. — Ein anderer Bericht rheilt mit, daß sich mehrere Israeliten, obschon sie Fez bewohnen, unter den Schutz europäischer Mächte gestellt hätten, und unter diesem Titel verweigerten, der marokkanischen Sitte gemäß die Pantoffeln abzulegen, wenn sie in der Araberstadt verweilten. Der Sultan habe diesen befohlen, sich alsdann europäisch zu kleiden und ihrer einheimischen Gewandung zu entsagen, um die Aufstande zu vermeiden, welche die Mißachtung jenes alten Gebrauches verursachen könnte. Die Juden wollten sich aber hierzu nicht bestimmen. — Wenn diese Nachrichten auf Wahrheit beruhten, so müßte man voraussetzen, daß die Juden in Marokko sich einer milden und gerechten Behandlung zu erfreuen hätten, welche sie zu einer solchen Opposition ermuthige. — Endlich erzählt das Echo d'Oran, daß in Mogador Juden und Araber gegen einen englischen Prediger sehr aufgeregt wären, welcher nicht bloß durch Bibeln und Traktate, sondern auch durch Vertheilung ansehnlicher Geldsummen Proselyten zu machen strebe, und durch diese Mittel auch bereits einige Seelen unter beiden gefangen hätte. Die Juden hätten sich deshalb an den Sultan gewandt, aber der englische Missionär steift sich auf den englischen Schutz. Bonn, 22. April. (Notizen.) Man theilt uns aus Kassel mit, daß am vorigen Sabbath Herr Or. Adler eine erhebende Gedächtnißfeier für die Herren Albert Cohn und Moritz Kohner abgehalten. — Nach dem uns zugekommenen zweiten Jahresbericht erfreut sich das vor Kurzem begründete Zufluchtshaus für greise Israeliten zu Brüssel einer thalkräftigen Förderung, so daß die Aufgenommenen eines freundlichen Heims genießen und die Zukunft der Anstalt gesichert erscheint. — Man 18*

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