Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1877)
- Date
- 1877-05-01
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 denselben die religiösen Institutionen, deren sie bedürfen, aus Gemeindemitteln Herstellen lasten wolle, und zwar Alles unter orthodoxer Leitung und Aufsicht, während die erwähnten orthodoxen Gemeindemitglieder zu den cultuellen Reformeinrichtungen nichts zu zahlen hätten, und wenn entsprechende Garantien hierfür in Wirklichkeit erfolgen, der Austtitt aus der Gemeinde nicht mehr als geboten bezeichnet werden könne. Man kann sich die Entrüstung des Herrn Hirsch denken und mit seiner gewohnten Schreibfertigkeit hat er sofort einen sehr langathmigen „Offenen Brief an Herrn Districtsrabbiner S. B. Bamberger in Würzburg" erscheinen lasten, worin er dem letzteren besonders der Jnconsequenz zeiht, da er am 21. Januar 1872 erklärt habe, daß derjenige Jude, welcher nicht an einen persönlichen Messias aus der Nachkommenschaft Davids, an die Wiedervereinigung des jüdischen Volkes im h. Lande und an die Wiederherstellung des in der Thora gebotenen Thieropfercultus glaubt, als ein vom Judenthume Abgefallener zu betrachten sei, und was nun aus solcher Prämiffe weiter folgt. Sie werden an dieser Stelle auf diese neueste Broschüre des Herrn Hirsch nicht näher eingehen lasten wollen. Es ist Sache des Herrn Bamberger, sich gegen seinen früheren Gesinnungsgenoffen zu vertheidigen und dessen Ansichten zu bekämpfen. Was irgend an rohem Fanatismus und Geisteszwang im Judenthume jemals vorhanden gewesen, hat sich in diesem Heftchen ein Rendezvous gegeben. Daß in demselben Talmud und Schulchan-Aruch auch der Gegensatz, die größte Toleranz, sich ausgedrückt findet, brauchen wir dem Sachkundigen nicht zu sagen. Wir erinnern nur z. B. an Kiddusch. 40, I: ■'-rcrp sip: -lcon Vns oder an die Vorschrift, daß selbst dem getauften Juden kein *p: verkauft werden dürfe u. A. Was also diese Herren als Abfall erklären, ist es noch lange nicht nach Thora, Talmud und selbst Schulchan-Aruch! Aber wer wird sich ernstlich mit einem Manne streiten wollen, der sich in den krastesten ZelotismuS verloren hat. Genug, die Mitglieder der „Israelitischen Religionsgesellschaft" sehen jetzt, was sie haben, und Herr Hirsch erlebt es, daß sein Austriltsgesetz in seiner eigenen Schaar die größte Verwüstung anrichret, daß der Hader, den er in die Gemeinden werfen wollte, in seine eigene Heerde gefallen ist. Statt Broschüren gegen seine Gegner, muß er jetzt solche gegen seine Freunde schreiben. 6. Fraustadl lReg.-Bez. Posen), im April. (Privatmitth.) Folgender Vorfall wird wieder einmal die Duldsamkeit, die Liebe und die Humanität gewiffer protestantischer Geistlicher kennzeichnen: Herr Carl Rawack, eiu sehr achtbarer jüdischer Kaufmann, wurde von einem befreundeten Christen zu einem in der Kirche zu vollziehenden Trauacte als Zeuge geladen und kam auch dieser Einladung bereitwillig nach. Beim Opfergange hielt sich wohl der Kirchendiener von Herrn R. in einiger Entfernung, und wie wir später erfuhren, wurde ihm vom amtirenden Geistlichen, Superintendenten Pfeifer, ausdrücklich die Weisung hierzu ertheilt, damit er vom Juden keine Opfergabe annehme; Herr R. jedoch neigte sich ganz harmlos nach jener Richtung hin und spendete, wie es von seinem Tactgefühle nicht anders zu erwarten war, die übliche Gabe, deren Höhe gewiß keiner der übrigen Spender nachstand. — Wie erstaunt war nun Herr R., als kurz nachher der Kirchendiener bei ihm eintrat, um im Aufträge des Herrn Superintendenten anzufragen, welches Geldstück er geopfert habe. — Und der Herr Superintendent, nachdem ihm selbstverständlich Herr R. die gewünschte Auskunft verweigerte, nahm sich in hypereifriger Afterfrömmigkeit alle Mühe, um das jüdische Geld aus dem christlich geweihten Gelde herauszufinden, und nachdem ihm dies — wahrscheinlich wegen Kennbarkeit der jüdischen, größern Münze — gelang, sandte er es Hrn. R. Tags darauf auch wieder. Daß Herr R. die Annahme desselben zurückwies, braucht nicht erst erwähnt zu werden. — „Im Anschlüsse hieran", bemerkt die Pos. Zlg., „möchten wir noch erinnern, als vor einiger Zeit ein jüdischer Mitbürger dem evangelischen Waisenhause ein hübsches Legat vermacht hatte, wurde dasselbe sehr freundlich ausgenommen, sind nun die Seelen der Waisenkinder durch die Gabe eines Juden weniger gefährdet, als der Seelenfrieden von Sr. Hochwürden?" Man muß aber nachgerade auch erstaunen über das Unconfeguente dieses Herrn, denn wahrlich, da, wo es seinen Zwecken dient, verschmäht dieser evangel. Priester den jüdischen Geldbeutel ganz und gar nicht. Als es ihm vor vier Jahren darum zu thun war, — weil die hiesigen „Grauen Schwestern" eine aufopfernde Thätigkeit der Krankenpflege bewährten und diese katholischen Schwestern also allgemeines Lob ernteten, — auch einige Diaconifsen hierher zu bekommen, diese jedoch früher ihre Existenz gesichert haben sollten, da sprach Hochwürden persönlich beim Juden vor und bat angelegentlichst um das jüd. Opfergeld; — ja um der Beiträge der Juden um so sicherer zu sein, berief er, horribile dictu, einen Juden in den Vorstand des Diaconiffenvereins, der heute noch in demselben als solcher fungirt. Wie ich nachträglich erfahre, hat der Superintendent am letzten Sonntag von der Kanzel herab seine Gemeinvemitglieder aufgefordert, in Hinkunft keinen, der nicht der christlichen Kirche angehört, zu Trauzeugen zu nehmen. Die hiesige intelligente Bevölkerung ist über dieses inhumane Verfahren ihres Superintendenten sehr entrüstet; es werden trotzdem Kundgebungen für ihn auch nicht ausbleiben, es fehlt ja nirgends an Finsterlingen; im Allgemeinen aber hat er sich nur lächerlich gemacht. Frankreich. Paris, 19. April. (Privatmitth.) Man hat den Gedanken, welcher Friedensgesellschaften iu's Leben rief, oft genug lächerlich gemacht, weil den Leuten, die Alles nach dem zeitweisen Erfolg beurtheilen, die Hoffnung, dereinst unter den Völkern durch Schiedsgericht verbürgten Frieden herrschen zu sehen, gar zu ttäumerisch erscheint. Aber sicherlich hegt auch keiner der Männer, die solchem Vereine angehören und für ihn wirken, den Glauben,