Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-05-01 · Heft 18 (1.5.1877) · p. Seite 285

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 18 (1.5.1877)
Date
1877-05-01
Page
Seite 285 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227123-3227142--35323-3305270
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

285 die möglichste Förderung zugewendet werde. In ersterer Beziehung mache ich auf die erst kürzlich in Hannover gebildete Versicherungsgesellschaft für Beamte, Geistliche und Lehrer aufmerksam, weil die bei dieser EinrichMng betheiliglen Personen, sowie die jeden privativen Gewinn ausschließenden Bestimmungen ihrer Statuten zu günstigen Erwartungen von der Wirksamkeit dieser Gesellschaft berechtigen." — Auf dieses Reskript aufmerksam zu machen, hielten wir für unsre Pflicht, weil in jüngster Zeit wiederholt mehrere Falle uns mitgetheilt wurden, in welchen jüdische Lehrer in bester Manneskraft verstärken, und Wittwen und zahlreiche Waisen im Zustande äußerster Bedürftigkeit zurückließen, während die wenig bemittelten Gemeinden nur Geringes für sie thun konnten. Wir haben schon früher die Gemeinden darauf aufmerksam gemacht, welche dringende Pflicht es wäre, für solche Fälle dadurch zu sorgen, daß sie sich an solchen Versicherungen zu Gunsten ihrer Lehrer betheiliglen, was ihnen zuletzt selbst zum Nutzen gereichen würde, da sie doch schließlich die Hinterbliebenen nicht ganz verhungern lasten können. Die Lehrer freilich sind nicht so gestellt, daß sie selbst mäßige Prämien für Lebensversicherungen zahlen können. Andererseits trifft die Mehrheit der Lehrer, wie wir dies jährlich ein paar Mal aussprechen, der schwerwiegende Vorwurf, auch die vorhandenen, für sie mir geringen Opfern zugänglichen Mitteln, für die Ihrigen zu sorgen, mit unbegreiflichem Leichtsinn zu vernachlässigen. Jeder Lehrer kann durch einen geringen Beitrag an der Achawa, dem Unterstützungsverein jüdischer Lehrer in Deutschland, sich betheiligen; jeder Lehrer in Westphalen und Rheinland an dem Unterstützungsverein jüdischer Lehrer dieser beiden Provinzen. Wir bringen jährlich Berichte über die segensreiche Wirksamkeit dieser beiden Vereine, über die verhältnißmäßig bedeutenden Unterstützungen, die sie statutenmäßig gewähren. Das Publikum hat angefangen, dies zu würdigen und diesen Vereinen Spenden und Legale zuzuweuden. Sieht man aber nun auf die Zahl der Lehrer, welche Mitglieder dieser Vereine sind, so erschrickt man fast über die Leichtfertigkeit, ja wir wagen es zu sagen, über die Gewiffenlosigkeit, mit welcher sich die Mehrheit der jüdischen Lehrer von diesen, obrigkeitlich bestätigten, bestorganisirten und in treuester Weise verwalteten Vereine fernhält! Ist dann ein Unglück da, so sind die Folgen traurigster Art. Diese Vereine haben allein den Zweck der Unterstützung; sie sind also in keiner Weise Parteisache. Mögen diese Worte eine nachhaltige Wirkung haben, und Vorsteher und Lehrer veranlaffen, diesen Vereinen beizurreten. Fürth, im April. (Privatmitth.) Die definitiven Ergebniffe der Volkszählung in Bayern von 1875 sind nunmehr im königl. statistischen Bureau festgestellt. Hiernach treffen auf die Gesammtbevölkerung von 5,022,390 Seelen 51,335 Israeliten, welches Resultat gleich den früher veröffentlichten eine Abnahme der jüdischen Bevölkerung constatirt. So hatte Bayern, obwohl es von 1834 bis 1867 einen Zuwachs von 577,643 Seelen oder 13,06 Procent aufzuweisen hatte und im Jahre 1840 bei einer Bevölkerungszahl von 4,370,977 Seelen die jüdischen Einwohner 59,008 Personen zählten, sonach unter 1000 Seelen noch mit 13,58 vertreten waren, im Jahre 1852 nur 12,32, im Jahre 1867 nur 10,33 und im Jahre 1875 nur 10,20 unter 1000 Seelen. Im Jahre 1867 hatte Bayern 4,824,421 Seelen, worunter 49,840 Israeliten, und da sonach die Bevölkerung bis 1875 um 197,969 Seelen zugenommen, so würde die Zunahme auf die jüdische Bevölkerung, die den 100. Theil der Gesammtbevölkerung repräsentirt, 1980 Personen betragen, sie berechnet sich jedoch nur auf 1495 Seelen. Die beständige Abnahme der jüdischen Bevölkerung findet ihren alleinigen Grund in der Ausnahmsstellung der Israeliten in Bayern, welche durch die inhumanen socialen Ansichten der betreffenden Zeitperiode überhaupt, wie durch die denselben entsprechenden Ausnahmsgesetze, speciell des auf Verminderung der Juden deutlich abzielenden Edicts von 1813 und 1819 hervorgerufeu wurde. Die Folgen solcher Engherzigkeit, der Beschwerlichkeit in der Ansässigmachung und Verehelichung führten zu massenhafter Ausloanderung nach jenem freien Lande, wo die Sonne allen Menschen gleichheitlich aufging und alle an ihren warmen, leuchtenden Strahlen sich erwärmen konnten, nach Amerika. Bezeichnend ist immerhin, daß obiges Edict heute noch zu Recht besteht, ein Theil desselben ist zwar durch bayrische Gesetze, durch Socialgesetze, durch Reichsgesetze, durch das Bundesgesetz vom 3. Juli 1869 verfassungsmäßig aufgehoben, daher auch die verhältnißmäßig sehr geringe Abnahme der Israeliten in Bayern seit dieser Zeitperiode, allein wir mußten es erst hier kürzlich erleben, daß die bayrische Regierung auf jenes veraltete Edict von 1813 sich bezog, als es sich um die Anstellung eines jüdischen Lehrers an der hiesigen confessionell gemischten Schule handelte und auch ihren abweisenden Bescheid hierauf stützte. Möge daher zu geeigneter Zeit bei der bayrischen Kammer der Abgeordneten um gesetzliche Aufhebung des Edicts von 1813 und 1819 petitionirt werden! Frankfurt a. M., 20. April, (Privatmitth.) Der unterirdische Kampf wühlt hier weiter; roch hat das Lästern und Fluchen des Herrn Rabbiners Hirsch dafür gesorgt, daß der Schauplatz des Kampfes jetzt innerhalb der „Israel. Religionsgesellschaft" liegt, und daß in diesem Lager selbst es gegenwärtig heißt: „Hie Welf, hie Gibelline!" Die Erklärung nämlich, daß Jeder, der in der Religionsgemeinde bleibt, so gut wie vom Judenlhume abgefallen sei, hat einige Mitglieder der „Religionsgesellschaft" dahin gebracht, den bekannten Rabbiner Bamberger aus Würzburg, einen alten Kampfgenossen des Herrn Hirsch, nach hier zu berufen und sein Urtheil abzugeben. Dieser hat sich gegen Herrn Hirsch erklärt, und sein Urtheil wurde in rer Frankfurter Zeitung vom 20. Marz veröffentlicht. Er sagte, daß, da der Gemeindevorstand bereit sei, den nicht austretenden orthodoxen Gemeindemitgliedern gerecht zu werden, indem er 18

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.