Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1877)
- Date
- 1877-05-01
- Page
- Seite 278 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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278 großen Race, welche durch ihren Einfluß und die Dienste, welche sie geleistet, eine so ausnahmsweise Stellung in der Geschichte der Civilisation einnimmt. In ihrer Art ein Wunder, nimmt die Entwicklung des jüdischen Volkes sogleich ihren Platz ein neben dem anderen Wunder, der Entwicklung des griechischen Geistes; denn wenn Griechenland zuerst das Ideal der Poesie, der Wissenschaft, der Philosophie, der Kunst und der bürgerlichen Gesellschaft (??) verwirklicht hat, so hat das jüdische Volk, wenn ich so sagen darf, die Religion des Menschengeschlechts geschaffen. Seine Propheten führten in die Welt die Idee der Gerechtigkeit ein, die Forderung der Rechte des Schwachen, eine umso gewichtigere Forderung, als jeder Gedanke an eine zukünftige Vergeltung ihnen fremd war; sie träumten von der Verwirklichung des Ideals aus dieser Erde und in baldiger Zeit. Ein Jude, Jesaias, wagt es 750 Jahre vor Christi Geburt auszusprechen, daß die Opfer wenig Erfolg haben und nur das Werth hat: die Reinheit des Herzens und der Handlungen. Dann, als die Weltereigniffe in unheilbarer Weise diesem glanzenden Utopien entgegentraten, zeigt Israel eine Wendung ohne Gleichen. Indem sie in das Gebiet des reinen Idealismus das Gottesreich versetzen, welches die Erde nicht duldet, gründet ein Theil seiner Söhne das Christenthum, während der andere fortfährt, selbst mitten in den Scheiterhaufen des Mittelalters, die unerschütterliche feierliche Betheuerung auSzurufen: „Here Israel, Jehovah, dein Gott, ist der einzige, ewige Gott; geheiligt sei Sein Name!" — Diese mächtige Ueberlieferung des Idealismus und der Hoffnung, im Widerspruch mit jeder Hoffnung, diese Religion, welche von ihren Anhängern die heldenmüthigsten Opfer erlangt, ohne daß es in ihrem Wesen liegt, ihnen etwas Bestimmtes über das Leben hinaus zu versprechen, — dies war der gesunde und stärkende Kern, aus welchem Spinoza sich entwickelte. Seine Erziehung war anfangs nur hebräisch: die große israel. Literatur war seine erste, und, um wahr zu sein, seine immerwährende Lehrerin, die Betrachtung seines Lebens." „Wie es gewöhnlich vorkommt, war die hebräische Literatur, indem sie den Charakter eines heiligen Buches annahm, der Gegenstand einer hergebrachten Exegese geworden, in welcher es sich weniger darum handelte, die alten Texte im Sinne ihrer Autoren zu erläutern, als darin Nahrung für die moralischen und religiösen Bedürfniffe der Zeilen zu finden. Der durchdringende Geist des jungen Spinoza erkannte bald alle Mängel der Auslegung der Synagoge, die Bibel, welche man ihn lehrte, war durch den Widersinn entstellt, welchen mehr denn zwei Jahrtausende angehauft hatten. Er wollte darüber hinweg in sie eindringen. Im Grunde war er den wahren Vätern des Judenthums ergeben unv insbesondere dem großen Maimonides, welcher Mittel gefunden hatte, in die jüdische Religion die kühnsten philosophischen Anschauungen einzuführen. Er sah mit einem wunderbaren Scharfsinn die großen Resultate der kritischen Exegese voraus, welche 125 Jahre später zum wahren Berstandniß der schönsten Werke des hebräischen Genius führen sollten. Hieße das die Bibel zerstören? Hat diese wunderbare Literatur etwa verloren dadurch, daß ihre Physiognomie eine tatsächliche wurde, anstatt außerhalb der allgemeinen Gesetze der Humanität zu sein? Nein, gewiß nicht. Die durch die Wissenschaften aufgedeckten Wahrheiten überleben stets die Träume, welche die Wissenschaft zerstört. Die Welt des Laplace übertrifft in Schönheit, meine ich, die eines „Cosmas Indicoplenstes“, der sich das All wie einen Kasten vorstellt, darüber ein Deckel, durch dessen Fugen wir die Sterne einige Meilen von uns entfernt ziehen sehen. So ist auch die Bibel weit schöner, wenn man weiß, daß darin wie auf einem tausendjährigen Canevas staffelweise jedes Sehnen, jeder Seufzer, jedes Gebet des höchsten religiösen Bewußtseins, welches je existirte, ausgenommen ist, als wenn man sich bindet, darin ein Buch zu finden, wie es nie deren gegeben hat, in Widerspruch mit allen gewöhnlichen Regeln des menschlichen Geistes gesammelt, bewahrt und erklärt." Welch' ein Gegensatz zu den ftüheren Behauptungen Renan's! Jetzt ist das jüdische Volk „eine große Race", die „der Civilisation die größten Dienste geleistet", „ein Wunder", das „die Religion des Menschengeschlechts geschaffen", „in die Welt die Idee der Gerechtigkeit eingeführt hat" u. s. w. Es fuhr fort, auch nach dem Christenthume unter den furchtbarsten Martern den reinen Monotheismus zu bekennen und der Welt zu verkünden. Jetzt bleibt dem Redner das Judenthum „die mächtige Ueberlieferung des Idealismus und der Hoffnung", ein „gesunder und stärkender Kern, aus dem Spinoza sich entwickelte;" „die große israelitische Literatur war seine erste und immerwährende Lehrerin." Jetzt ist die jüdische Exegese die „Nahrung für die moralischen und religiösen Bedürfniffe der Zeiten". Jetzt ist es ,der große Maimonides, welcher Mittel gefunden hatte, in die jüdische Religion die kühnsten philosophischen Anschauungen einzuführen." Dies ist gegenwärtig Herrn Ernst Renan aus „den wandernden Skeletten" geworden, aus den Juden, die „im Zustande partiellen Wahnsinns" „in einem Jahrtausend keine lesbare Seite schreiben konnten"! Herr Renan hat sich also in den letzten Jahren eines Besseren überzeugt, und hat die Seelenstärke, dies persönlich vor einer großen Versammlung und durch den Druck vor der ganzen Welt zu bekennen. Wir achten ihn hierfür, glauben aber, uns um so mehr auf den besserunterrichteten Renan fortan berufen zu können. Wir übergehen deshalb diejenigen Phrasen in der angeführten Stelle, die uns irrig erscheinen. So wenn er behauptet, „jeder Gedanke an eine zukünftige Vergeltung sei den Propheten fremd gewesen." Von ihrer ersten Seite an fließt die Bibel von Hinweisungen auf die göttliche Gerechtigkeit und Vergeltung über, und einer der Hauptgedanken der Propheten ist die göttliche Vergeltung an Israel und den übrigen Völkern. Er durfte nicht vergessen, daß JesuS und die Apostel die Unsterblichkeitslehre doch nur aus dem allgemeinen Volksglauben schöpfen konnten und daß es damals schon den Saduzäern zum großen