Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1877)
- Date
- 1877-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227142--35315-3305262- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles Wische Interesse. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Verlag von Baumgärtuer's Buchhandlung iu Leipzig. Beilagen werden mit t Mark 50 Pf. pro Hundert berechnet. Ja red-ctioaellea Angelegenheiten wende man sich nn Dr. £. phUippso» in Bona; binsichclich deS Bezug« und der Inserate aa Saamaärluer's SuchlianLInng iaLeipzig. Zafrrätk, weiche diS vonnkritag eingcben. finden inder darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bi» 2'/- Sogen. Prei« Bierteliäbria 3 ’Diort. Inserate werden mit 20 Pf. firr die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitung« - Expeditiouen nehmen Bestellungen an. 41. Jahrgang. Leipzig, den 1. Mai 1877. JV? 18. Inhalt. Leitende Artikel: Eine Umkehr. — Die Petition betreffs des jud. Religionsunterrichtes an den Lehranstalten in Preußen. — Literarischer Wochenbericht: Bonn. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: BreSlau, Berlin, Bonn, Fürth, Frankfurt a. M.. Franstadt (Reg.-Posen). — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Marokko: Oran (Algerien). — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Aus den Zerten Josef lt. — Vermischtes. -Celteiide (SCxhitel. Bonn, den 25. April. Eine Umkehr. Lebhafte, vielbewegte, mehr zu poetischer als scharf kritischer Auffaffung geneigte Geister, wenn sie einseitig in Studien sich versenken, kommen leicht zu Jrrthümern, die sie in ihrer Befangenheit nachdrücklich und schwunghaft zum Ausdruck bringen. Äst aber in ihnen das Streben nach Wahrheit, hat der Geist der Wahrhaftigkeit Herrschaft über sie: so stehen sie nicht an, ihre Irrungen, Schlußfolgerungen aus falschen Voraussetzungen, zu bekennen, wenn auch nicht immer ausdrücklich, doch durch die Kundthmmg berichtigter Ansichten. Ein Beispiel hiervon giebt uns jetzt Ernst Renan, und es gereicht uns zu keiner geringen Befriedigung, hierauf Hinweisen zu können. Renan war einer der Vater jenes Racenschwindels, den wir erst jüngst abermals zu kennzeichnen veranlaßt waren, und der den Semiten, darunter vorzugsweise den Juden, die bedeutsamsten Geistesfahigkeiten absprach, wider alle Thatsachen der Geschichte. Hierzu kam bei ihm die falsche Voraussetzung, daß das Judenthum, besten ftühere Geschichte schon er ganz falsch beurtheilte, wie wir ihm wiederholt (z. B. 1873 S. 601, 617 und 715) nachgewiesen, an daS Ghristenthum seinen ganzen Lebensinhalt abgegeben habe, so daß es nach dem Entstehen des letzteren todt und abgestorben und sein Dasein unnütz gewesen, woraus er die widerwärtigsten Urtheile über die Juden zog. Sie waren ihm „wandernde Skelette", „Gespenster", „während des letzten Jahrtausends hätten sie keine lesbare Seite geschrieben u. s. w" Wir blieben ihm die Antwort nicht schuldig, indem wir schonungslos ihm die Wahl stellten, daß er entweder in kraffester Unwiffenheit oder aus albernster Bosheit nur so hätte schreiben können (S. Jahrgang 1874, S. 684, 699 und 715), wobei wir nicht unterließen, ihm damals, wie früher, die betr. Artikel zuzusenden. — Am 21. Febr. d. I. sah sich Ernst Renan vor die Ausgabe gestellt, bei der Feier des 200-jährigen Todestages Baruch Spinoza's im Haag die Festrede zu halten. Daß er sich jener in beredtester Weise erledigte, braucht man nicht erst auszusprechen. Ob er den Spinozismus wahrhaft verstanden, oder besten Kernpunkt und das Wesen zutteffend und concis, wie es gerade dem Philosophem dieses Denkers am meisten geziemt, darzustellen vermochte, ist eine andere Frage, deren Beantwortung nicht hierher gehört. Aber Spinoza war ein Jude, und sein Verhalten und Berhältniß zum Judenthume konnte nicht ganz unberührt bleiben. Jndeß konnte dies in leichter oder in eingehender Weise geschehen. Und fürwahr, wie Renan dies gethan, wie er sich über Juden und Judenthum bei dieser Gelegenheit ausgesprochen, setzte uns nach seinen ftüheren fortgesetzten Aeußerungen in lebhaftes Erstaunen. Führen wir seine Wortes hier an: „Der berühmte Baruch de Spinoza wurde zur Zeit geboren, als Ihre Republik (Holland) die höchste Stufe ihres Ruhmes und ihrer Macht erreicht hatte. Er gehörte zu jener I) Spinoza. Festrede zu seiner 200-jährigen Todesfeier am 2 l. Februar 1877, gehalten im Haag von Ernst Renan. Uebersetzt von Richard Lester, Wien, Hartleben, 1877. S. 7. Wir kommen übrigens in nächster Nummer darauf zurück.