Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1877)
- Date
- 1877-04-24
- Page
- Seite 273 (sequence 13)
- Language
- German
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273 Deronda's Nr. 51 vorigen Jahres hoben wir hervor, daß die deutschen Urtheile, welche die Berfafferin die Juden als rein und sittlich, die Christen als schlecht und verbildet erscheinen laste, völlig ungerecht seien, da sie ebenso ausgezeichnete und vortreffliche Christen wie Juden zeichnet, wie nicht minder schlechte unter beiden. Wir haben auch ein französisches Urtheil in der Ilevue politique et litöraire vom 9. December 1876 vor uns. Dasselbe ist voll Hochachtung für die Verfasserin, und hebt bei unparteiischer Prüfung der Fehler des Romans von der künstlerischen Seite, doch auch dessen eminente Vorzüge hervor. Aber auch der Franzose sagt: „Es ist nicht correct, in London das Judenthum über das Christenthum zu setzen; das Publikum hat deshalb sich geweigert, seine Lieblingsromanschriftstellerin auf diesem Boden zu folgen und hat sie seine Unzufriedenheit dadurch fühlen lassen, daß es ihr seine Lobsprüche nur für den künstlerischen Theil ihres Werkes einräumte. Auch dies ist ungerecht. Die Verfasserin, wie wir in unsrer Kritik erwiesen, hat sich eben das Judenthum allein zum Gegenstand ihrer Dichtung gemacht; sie hat absichtlich keine Streitfrage, keinen Vergleichspunkt zwischen Judenthum und Christenthum berührt; ja sie laßt ihren Haupthelden aus der christlichen Bildung hervorgehen, und erklärt seinen Uebertritt zum Judenthume nur aus der angeborenen Stammeseigenthümlichkeit, da er Kind jüdischer Eltern ist, und schließlich schrumpft ihr das Judenthum auf den Plan zusammen, Palästina für die Juden zurückzuerlangen. Dies ist so klar von der Verfasserin dargestellt, daß es eben nur ein Zeichen der christlichen Empfindlichkeit ist, sich auch nicht einmal dies gefallen lassen zu wollen. Man wirft den Juden so oft, und zwar nicht mit Unrecht, eine so reizbare Empfindlichkeit vor, daß wir gar nicht unzufrieden sind, sie auch bei unsren christlichen Mitbürgern hervortreten zu sehen. Der französische Kritiker nimmt besonders an der Mystik des Mordechai Anstoß, und meint, die Verfasserin sollte diese aus ihrem Werke ganz entfernen. Wir würden dies als einen großen Fehler ansehen, da Deronda seine eigenen Ansichten aus dieser Mystik herauszieht und gewissermaßen rationalistisch klärt. Dies würde ganz unverständlich werden ohne seinen mystischen Vorläufer. Die Verfasserin giebt übrigens hinlängliche Winke zum Verständniß. Sie sagt ihren Landsleuten, solche bei Euch öfters auftauchende Pläne entspringen nur aus mystischen Hallucinationen und schließlich thut Deronda nichts, als nach dem Oriente zu gehen und sich Land und Leute anzusehen, wie weit sie für diesen Plan geeignet seien. Es versteht sich, daß er bei dieser Prüfung von jedem derartigen Entwürfe zurückkommen wird. Dennoch ist unser französischer Beuriheiler unparteiisch genug, zu bemerken: „Wir wissen nicht, ob dieses Manifest „die Bildung eines republikanischen neutralen jüdischen Staates in Palästina" das Product der Träumereien eines Individuums ist, oder ob man hierin das Echo von Hoffnungen erblicken muß, die sich heimlich in einem exaltirten Theile der jüdischen Gesellschaft regen." Doch weist er auf die sonderbaren Ideen hin, die in Bezug auf die Israeliten in den christlichen Engländern auftauchen und erwähnt der Anglo-lsrael-Assoeiation und ihrer Monatsschrift. Die Melodie des Liedes der „Schlacht von Pavia." *) Unter dieser Überschrift giebt Herr Ave'-Lallemant, der verdienstvolle Forscher auf dem Gebiete des jüdisch-deutschen Dialects, in der Gegenwart einen kleinen Aufsatz, kessen Anfang io lautet: „Beim Studium der jüdisch-deutschen Sprache, in welcher ein vom Laien ungeahnter Schatz von deutscher Volkspoesie und Prosa deponin liegt, begegnet dem Leser wiederholt die Ueberschrift: „Beniggun die Schlacht von Pavia" (vom hebräischen nagan, das Sailenspielrühren, wovon nezinah, Saiteninstrument, Lied, Melodie) als Bezeichnung der Sangweise oder Melodie. So namentlich in dem von Elch>'>nan Bar Awr.'.hom in den unglücklichsten Knittelversen gedichteten „Vinzlied", welches den im Jahre 1614 zu Frankfurt am Main vom Lebkuchenbäcker Vincenz Fettmilch und Consorten angestifteten Aufruhr, wie die schwere Bedrängniß und die empörende Mißhandlung der Juden dabei besingt. Der Titel des in 103 Strophen zu je acht Versen und in kläglichen Knittelversen behandelten Liedes lautet in buchstäblicher Uebertragung: Ein schön Lied, hübsch und bescheidlich. Für Weiber und Maidlich. Zu erkennen Gottes Kraft und Macht Wie der Schomer Jisroi-l hat bei uns gewacht. Darum thut Hosch'em Jisborech loben. Der uns geniedert und wieder verhoben. Hab ich ein Niggun draufgebracht. Als wie von Pavia is die Schlacht. Außerdem steht nun Innen unmittelbar über dem tim Jahre 1648 zu Amsterdam gedruckten) Liede die schon erwähnte Bezeichnung: „Beniggun die Schlacht von Pavia." Die gedachte Melodie, welche sich schon Georg von Frundsberg im Jahre 1526 Vorsingen ließ, muß also von 1525—1648 sehr volksthümlich gewesen sein, so daß öfter andere Texte auf sie gemacht worden sind. Herr Lallemant regt deshalb an, nach der Original-Melodie zu forschen. I) Die Schlacht bei Pavia fand am 24. Februar 152'» statt, und wurde in derselben der französische König Franz I. vom KaiserKarl V. geschlagen und gefangen genommen.