Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1877)
- Date
- 1877-04-24
- Page
- Seite 272 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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272 Lehre sammelten sich um den Metropoliten Sosima, in dessen Palaste sie ihre Zusammenkünfte abhielteu. Das Jahr 1492, durch die getäuschte Erwartung der Bekenner der östlichen Kirche auf das zweite Erscheinen Christi, trug viel bei, die Bekehrten in ihrem neuen Glauben zu bestärken und neue Proselyten zuzuführen. Aus dem Munde des Metropoliten selbst') wurden die Fragen gehört: „Wer ist denn dieser Jesus Christus?" „Wo ist sein zweites Erscheinen?" „Wo ist die Auferstehung der Todten?" u. s. w. Sosima lebte so wie er dachte, er verwarf das Kreuz, verbrannte die Heiligenbilder, die er Götzenbilder nannte s), und während der vier Jahre, die er den Metropolitensitz einnahm, hat die Zahl der Proselyten an Ausdehnung gewonnen. Sie wurden von Sosima beschützt, und verbreiteten sich in den Städten und Dörfern, überall für die neue Lehre wirkend. Durch die Jntriguen^) des Joseph Wolokolamski wurde Sosima gestürzt, und auf Befehl des Großfürsten zog er sich in das Kloster zur h. Dreifaltigkeit zurück. Obgleich Sosima beseitigt und der Protopop Alexius todt war, dauerte doch die religiöse Bewegung noch zehn Jahre, da die neue Lehre bereits tiefe Wurzel geschlagen hatte. Ihr mächtiger Beschützer, Fedor Kurizyn, war der Mittelpunkt, um den sich alle Anhänger sammelten; seinen Einflüsien gelang es auch, daß dem Geistlichen Kassian, einem der eifrigsten Anhänger, die Stelle des Archimandriten des Jürji Klosters in Nowgorod verliehen wurde. Im Bewußtsein ihres mächtigen Beschützers traten die Schärfsten frei auf, verwarfen öffentlich das Christenthum, feierten die Ostern und die anderen Feiertage nach den mosaischen Gesetzen 10), und nahmen sogar die jüdische Zeitrechnung an. Allein die Feinde und Gegner ließen in ihren Bestrebungen nicht nach, sie erwirkten im Jahre 1503 vom Großfürsten eine zweite Kirchenversammlung, auf welcher der Abt Joseph Wolokolamski Sitz und Stimme hatte. Er eiferte gegen die Abgefallenen vom Christenthume und forderte ihre Bestrafung. Die Angeklagten wurden vorgeladen, sie bekannten sich offen zum neuen Glauben und vertheidigten denselben. Die Vornehmsten unter ihnen, der Staatssecretär Kurizyn, Dimitry Konoplew, Ivan Maximow, Nekraß Rukawow und Kassian, Archimandrit des Jurji Klosters zu Nowgorod, wurden zum Tode verurtheilt und öffentlich in Käfigen verbrannt. Die Hinrichtung wurde am 27. December 1503 in Moskau vollstreckt. Nekraß Rukawow und Kassian's Bruder wurden in Nowgorod verbrannt. u) 7) Takje ijeczy byly slyschny iz ust samego Metropolita: „Kakoj ze to Jesus Christus goworyt on?“ „Schto takoje wtoroje pryschestwje?“ etc. Rudnjew p. 104. 8) Zosima zyt kak myslit, potagat kresty w mjestach l legte das Kren; in unreine Orte) sozygat ikony, nazywaja ich batwauami. Rudnjew p. 105. 9) Karamzyn, Geschichte Rußt. VI. Bd. S. 155. 10) Rudnjew S. 107. 11) Ibid. Itrewn. Bild. XVI. Bd. p. p. 42.1. Dieser Erfolg der Gegner war nur von kurzer Dauer. Dem Einflüsse der mächtigen Partei Kurizyn's gelang es, vom Großfürsten 1505 eine Verweisung Genadji's in ein Kloster zu Moskau zu erwirken. Die dem Scheine nach zum Christenthume Wiederbekehrten warfen die Maske ab; neue Anhänger traten hinzu, um nach dem Borbilde Scharja's, der Lehre Moses Eingang zu verschaffen. Fast jede Stadt, jeder größere Ort im russischen Reiche verzeichnet den Namen eines Mannes, der die Scharjstischen Lehren gepredigt hat, für seine Ueberzeugung gelitten und gestorben ist. Wir heben zwei hervor, Mathäus Bakschin und Theodosius Kosoj. Ersterer erscheint um das Jahr 1554 und wirbt in den nördlichen Klöstern Proselyten. Von größerer Bedeutung ist die Wirksamkeit des Theodosius Kosoj, welcher in Moskau gebürtig und im Hause eines zum großfürstlichen Hofe gehörigen Bojaren erzogen war. Kosoj ging um das Jahr 1552 nach Litthauen, heirathele eine Jüdin, nachdem er zuvor zum Juvenrhume übergetreten war, und erscheint 1555 in Begleitung zweier Jünger in Weißrußland und Witebsk, wo sie viele Anhänger fanden. Kosoj bezeichnet nur die Bücher Moses als jene, welche die wahren Lehren enthalten; er verwirft die Lehren von der Dreieinigkeit, da es geschrieben steht: „Höre Israel, der Ewige unser Gott ist ein einziges ewiges Wesen;" er verwirft ferner die Lehre von der Göttlichkeit Christi, er verbietet die Bilderverehrung u. s. w. Kosoj hatte nicht nur in Moskau Anhänger und Jünger, sondern auch die Mönche der nördlich an der Wolga und in Bielozersk gelegenen Klöster verbreiteten diese Lehren. Doch die Verfolgungen, die sowohl die Lehrer als die Jünger zu erleiden hatten, haben den rationalistischen Bestrebungen die Möglichkeit benommen, sich im Sinne der Scharjstischen Lehren zu entfalten. Es entstanden viele Secten, als: die Molokani (die Milcheffer), Schtschelniki (die Höhlenbewohner), Seleznewyschtschy (genannt nach ihrem Stifter), welche sich an die Lehren Moses anlehnten, ohne jedoch den reinen Mosaismus zum Ausdrucke zu bringen. Vermischtes. Daniel Deronda. Der äußere Erfolg des jüngsten Romans der George Eliot „Daniel Deronda" war ein glänzender. Er wurde in England in zahllosen Exemplaren verkauft und wurde in mehrere moderne Sprachen übersetzt. Es würde von unsrem Standpunkte aus sehr interessant sein, die verschiedenen Urtheile, wenigstens in den Hauptpunkten, zusammenzustellen. Der Roman hat die christliche Empfindlichkeit gereizt und die Aeußerungen hierüber geben uns einigen Ausschluß über den Stand der Ansichten, wie sie heutzutage über das Berhältniß des Judenthums und des Christenthums zueinander vorherrschend sind. In unsrer Besprechung