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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-24 · Heft 17 (24.4.1877) · p. Seite 271

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 17 (24.4.1877)
Date
1877-04-24
Page
Seite 271 (sequence 11)
Language
German
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271 Zur Geschichte der Juden in Polen. Von Hermann Sternberg. Abfall vom Christenlhum und Ueberlritt zum Juventhume. (1520—1560.) (Schluß.) Die neu? Religionsgenofsenschaft, deren Mitglieder sich durch Sanftmulh, Frömmigkeit und Enthaltsamkeit auszeichneten'), nahm an Gleichgesinnten immer zu, und durch das Wirken der aus Litthauen angekommenen Juden Joseph, Samuel, Skarna, Moses, Chanut, wuchs die Zahl der Proselyten bedeutend. Im Jahre 1480 kam der Großfürst Johann Wassiljewitsch nach Nowgorod. Es gelang Alexius und Dionysius, seine Gunst so sehr zu gewinnen, daß er sie als ausgezeichnete und verdienstvolle Hirten nach Moskau nahm. Ersterer wurde Oberpriester an der Kirche zur Himmelfahrt Mariae, Letzterer an der zum Erzengel Michael. Alexius stand im besondern Ansehen beim Großfürsten, hatte zu ihm freien Zuttitt, und so war es ihm ein Leichtes, im Vereine mit Dionysius für die neue Lehre zu wirken, und zwar mit großem Erfolge. Sie zählten zu ihren Anhängern den Archimandriten des Stimonow Kloster Sosima, den Mönch Zacharias, den großfürstlichen Secretär Fedor Kurizyn und deffen Bruder Iwan, die Fürstin Helene, — Schwiegertochter des Großfürsten — den Kaufmann Klenow und andere bedeutende Persönlichkeiten. Auch seitens des Volkes war der Anhang nicht gering. Aus Eifer für die neue Lehre ließen sich mehrere Mitglieder sogar beschneiden.* 2) Unter solchen günstigen Umständen, unter dem Schutze von Männern, die die höchsten Aemter in der Kirche und im Staate einnahmen, und fast unter dem Schutze des Czaren selbst, wuchs die neue Religionsgenoffenschafr heran, die durch Reinigung des christlichen Glaubens den endlichen gänzlichen Ueberlritt zum Judenthume bezweckte. Doch die Gegner ruhten nicht. Mit größter Erbitterung verfolgte Erzbischof Genadji die Bekehrten in Nowgorod, und durch seine Ränke und Jntriguen brachte er es dahin, daß der Czar Johann Waffiljewitsch seinen Einflüsterungen Gehör schenkte, wenn auch nicht in dem Maße, wie dieser nordische Arbuez es von seinem rechtgläubigen Fürsten forderte. In Moskau fanden die Schärfsten in ihrem Anhänger, den großfürstlichen Secretär Kurizyn — der von einer diplomatischen Sendung nach Wien zurückgekehrt war — einen eifrigen Beschützer, was zur Folge hatte, daß die in Nowgorod und Pscow durch Strafen und Verfolgungen zum Abfalle Gezwungenen wieder Muth faßten, nach Moskau auswanderten, um dort mit ihren Glaubensgenoffen der neuen Religion zu leben. Allein Genadji im Vereine mit dem Abte Joseph Wolokolamski suchten durch alle möglichen Mittel auf den Großfürsten zu wirken. Es vergingen aber zwei Jahre, ohne daß sie sich eines Erfolges t) Rudujew. 2) Wolokolamski. erfreuen konnten, denn der Metropolit von Moskau Geronty, hatte ihren Briefen, Bitten und Klagen keine Beachtung gesenkt, da er nichts gegen den Günstling des Czaren (Kurizyn) unternehmen wollte. Endlich war es Genadji gelungen, Niphont, Bischof von Suzdal, und den Beichtvater des Czaren, den Archimandriten Mytrophan für seine teuflischen Pläne:l) zu gewinnen, und durch Letzteren auf den Großfürsten Johann einzuwirken. Eine günstige Gelegenheit bot sich dar. Metropolit Geronty starb am 28. Mai 1489; eine Kirchenversammlung, auf welcher die Wahl eines neuen Metropoliten staltfinden sollte, wurde am 17. Oct. 1490 unter dem Vorsitze des Sohnes des Czaren, Wassilji Jvanowilsch, eröffnet. In dieser Versammlung wurden die früheren Anzeigen von Genadji vorgelesen, und sodann die Nowgoroder Flüchtlinge, die sich in Moskau aufhielten, vorgefordert, und zwar der Nowgoroder Oberpriester Gabriel, der Geistliche Dionysius — Alexius war zwei Jahre früher gestorben — der Mönch Zacharias und Andere. Ein Theil der Kirchenfürsten, die mit Genadji gleichgesinnt waren, beantragten für die Angeklagten die Folter und Todesstrafe. Der Großfürst jedoch widersetzte sich diesem Ansinnen, und seinem Willen gemäß begnügte sich die Kirchenversammlung mit der Verfolgung der neuen Lehre; die Angeklagten wurden nach Nowgorod zur Bekehrung zurückgeschickt. Genadji ergriff diese Gelegenheit, um seinen Rachedurst zu stillen, und verfuhr daher mit den Zurückgekehrten in grausamer Weise. Noch außerhalb Nowgorod's ließ er sie auf Pferde setzen, mit dem Gesichte nach dem Schweife, in einer Kleidung, deren innere Seite nach außen gekehrt war, in birkenen spitzen Helmen, so wie man den Teufel abbildet, mit der Umschrift: „Dies ist des Satans Kriegsschaar". Und so führte man diese Unglücklichen aus einer Straße in die andere; das Volk spie ihnen in's Gesicht, mit dem Ausrufe: „Dies sind Christi Feinde", und verbrannten ihnen zuletzt die Helme auf dem Kopfe. *) Sosima, obwohl er auf der Kirchenversammlung nicht gewagt hatte, seine angeklagten Freunde zu beschützen, blieb der neuen Lehre treu 5), förderte dieselbe durch Auslegung der heiligen Schrift, indem er öffentlich das Evangelium, die Apostel und die Kirchenväter verwarf. Der Staatssecretär Fedor Kurizyn und viele seiner Anhänger wirkten für den neuen Glauben, hallen ihre Schüler und Gegner. Die religiöse Bewegung griff um sich, die Zweifelsucht an der Lehre des Christemhums zeigte sich in den Häusern und auf den Marktplätzen. Mönche und Weltliche stritten über die Natur Christi, über die Dreieinigkeit, über die Heiligkeit der Bilder u. s. w. '>) Die Anhänger der neuen 3) In seinem Briefe an den Czaren führte er ihm zum Verbilde den König von Spanien an, der auf Verlangen des Papstes Innoccnt Ul. die Andersdenkenden der Inquisition überantwortete- Ru dnjew. 4) Wolokolamski — Rudnjcw. 5) Karamzyn, Geschichte Rußl. VI. Bd. S. 1ö3. 6) Ibid. 17*

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