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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-24 · Heft 17 (24.4.1877) · p. Seite 267

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 17 (24.4.1877)
Date
1877-04-24
Page
Seite 267 (sequence 7)
Language
German
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267 Wohuplatzeu verpflanzen können. Es wird daher nicht auffallen, daß der Kern der jüdischen Bevölkerung noch immer im Ghetto sitzt und noch lange an demselben haften wird, noch dazu, da der Hausbesitz und- Wohnungspreis damit zusammenhängt und die Synagogen und Gemeindehäuser selbstverständlich in diesem Viertel liegen. Lächerlich erscheint es an diesem Platze, wenn die Katholiken, wie wir jüngst in dieser Zeitung lasen, den römischen Juden Undankbarkeit gegen die Päpste vorwerfen! Wer auf dieser tausendjährigen Dulverstätte der römischen Juden verweilt, der kann den Päpsten, den geistlichen Führern oder vielmehr den Beherrschern der ganzen katholischen Welt am wenigsten Dank wiffen, noch dazu, da das Papstthum seinem innersten Wesen nach irgend eine Verbesserung niemals zugestanden hätte. Im Gegentheil, würde die Wiederherstellung der weltlichen Macht des Papstes für die römischen Juden doppeltes Unheil mit sich bringen, als Römer und als Juden. Dem römischen Volke kann es unmöglich zugemuthet werben, das erdrückende Joch des kirchenstaatlicheu Regiments wieder auf seine Schultern zu nehmen, und bei dem jetzt mehr als je hervorgetretenem Haste der Ultramontanen gegen die Juden hätten diese ras traurigste Schicksal zu erwarten. Und doch ist es durchaus erdichtet, die Juden hätten in irgend einer besonderen Weise den Sturz der päpstlichen Herrschaft mit Demonstrationen begleitet oder irgend etwas gethan, was eine feindselige Gesinnung berhäligre. Die jüdische Bevölkerung ging mit freudigem und ganzem Herzen in die neuen Verhältnisse ihres italienischen Vaterlandes ein. Dies konnte gar nicht anders sein. Aber auf irgend eine Weise Haß oder nur Spott gegen die gefallene Größe zu bekunden, lag ihr durchaus fern, und vergebens bemühen sich ihre klerikalen Gegner, ihre Anschuldigungen mit Beweisen zu versehen. Dagegegen haben gewiß die Befürchtungen, die von einer Restauration der Papstherrschast gehegt werden, ihren vollen Grund, wenn man sich erinnert, daß mit der Rückkehr der päpstlichen Regierung 1S50 auch der Wohnungszwang wiederkehrte, und die Juden, welche 1848 die Erlaubniß erhalten hatten, außerhalb des Ghetto zu wohnen, sofort in dieses sich zurückbegeben mußten. Es macht daher einen peinlichen Eindruck hier, wenn man aus den öffentlichen Blättern erfährt, welche Anstrengungen der französische Klerus neuerdings macht, um im französischen Volke eine feindselige Gesinnung gegen Italien zu erwecken und einen Krieg Frankreichs gegen Italien zu deffen Wiederzertrümmerung und zur Wiederherstellung des Kirchenstaates zu erwirken. Denn ohne Italien wieder in Stücke zu schlagen, vermag der Kirchenstaat nicht restaurirt zu werden und nicht zu bestehen. Man weiß übrigens hier, baß es zum Credo auch vieler liberaler Franzosen gehört, das einige Italien sei eine Gefahr für Frankreich. Jndeß würbe ein solcher Krieg gegen Italien ganz Europa in zwei Lagern unter die Waffen rufen, ein Umstand, der den Ultramontaaen keine Gewiffensunruhe machen würde, wohl aber einen großen Theil der Franzosen von einem solchen neuen abenteuerlichen Kampfe zurückhalten möchte. — Der Leser wird eine solche allgemeine politische Gedankenreihe nicht unangemesten finden bei dem Umherwandeln in den Straßen des römischen Ghetto. Das Geschick auch dieses kleinen und trübseligen Flecks Erve ist unmittelbar an die Weltereigniste Europa's geknüpft, und der Donner der Geschütze von den europäischen Schlachtfeldern würde wiederhallen in diesem Winkel des Tiberufers, der so oft von besten gelber Fluch überschwemmt wird. Großbritannien. Cambridge, im April. (Privatmitth.) Die Erscheinungen der letzten Jahre haben erwiesen, daß das Judenthum eine gerechte Würdigung so lange nicht erfahren werde, als nicht eine sorgfältigere Aufklärung über den Talmud, deffen Wesen und Tendenz allgemein verbreitet ist. Man muß zugeben, daß dies ein ungemein schwieriges Werk ist, da einmal die schmählichsten Borurtheile über dieses große Monument der jüdischen Geisteslhätigkeit verbreitet worden sind und als Borurtheile gegen die Juten ein besonders zähes Leben haben. Hierzu kommt, daß die jüdischen Gelehrten, wenn sie über den Talmud handeln, leicht als bloße Apologeten angesehen werden, welche nur das Gute aus dem Talmud hervorsuchen, wie die Gegner es mit dem Schlechten gethan hätten, und es hilft dann wenig, daß man die letzteren der Fälschung und Verdrehung bezüchligt. Hier kann nur die wiffenschaftliche Behandlung und Methode helfen, durch welche der jüdische Gelehrte das Vertrauen der christlichen Welt auf seine Unparteilichkeit sich erwirbt und die Resultate als zweifellos und objectiv erwiesen werden. Es ist daher von besonderer Wichtigkeit, daß an den verschiedenen Universitären über den Talmud regelmäßig Vorlesungen gehalten werden, was noch an äußerst wenigen Plätzen geschieht. Es ist kein besonderes Zeugniß für die Wiffenschaftlichkeit in Deutschland, daß die deutschen Universitäten eines solchen Lehrstuhls noch gänzlich entbehren, während man des Katheders für Zendavesta und Veda's sich schon längst erfreut. An Zuhörern würde es gewiß nicht fehlen; dazu ist der Gegenstand zu interessant und zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Einen Beweis hierfür lieferte die hiesige Universität während des letzten Semesters. Der akademische Lehrer vr. Schiller-Szinesty hielt Vorlesungen über den Talmud, und waren diese außerordentlich gut besucht. Unter den Zuhörern befanden sich ein Oberhaupt eines „Hauses" (Collegium), drei Doctoren F. der Theologie, zwei Professoren an F. Univers., vier Revisoren F. A. T., zwei Lectoren der Theologie am Collegium, sechs Lectoren der hebräischen Sprache an Collegien und eine große Anzahl von Graduirten und Nichtgraduirten. Die Zuhörer drückten auch durch eine Zuschrift, von einem paffenden Geschenke begleitet, ihre Anerkennung aus. Man kann sagen, daß durch den lebendigen Bortrag die richtigen Ansichten kauernder verbreitet werden, als selbst durch Schriften.

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