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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-24 · Heft 17 (24.4.1877) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 17 (24.4.1877)
Date
1877-04-24
Page
Seite 265 (sequence 5)
Language
German
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265 leidet. Seitens Rußlands ist der neue Krieg ja doch nur eine Consequenz deffen, wohin sein ganzes Streben seit dem Anfang des vorigen Jahrhunderts gerichtet war, und La jede Niederlage eines großen Staates eine Antwort von diesem verlangt, so ist der abermalige Türkenkrieg von seiner Seite nur die Antwort auf die Niederlage im Krimkriege, sowie dieser selbst und der französisch-österreichische Krieg (1859) nur eine Antwort auf die Niederlage von Waterloo war, sobald ein Napoleonide die Macht Frankreichs wieder in Händen hatte. — Was unsre Glaubensgenossen betrifft, so können sie durch den ausbrechenden Krieg nur verlieren. Die Juden in der Türkei hatten immer und haben jetzt erst recht viel beffere Verhältnisse als in Rußland. Rußland zieht das Schwert, wie es sagt, um den Christen in der Türkei zu ihrem Rechte, d. h. zur Herrschaft zu verhelfen. Diese letztere wäre aber gleichbedeutend mit der Unterdrückung, wenn nicht mit der Ausrottung der Juden in der Türkei. Wir sehen dies an den Rumänen und Serben; die Griechen und Armenier sind voll des scheußlichsten Hasses gegen die Juden. Niemand kann austreten und behaupten, daß sich die Juden auch nur durch die geringste Thatsache diesen Haß zugezogen hatten, ihn auch nur im Entferntesten rechtfertigten. Dazu waren sie auch stets zu sehr in der Minderheit und ohne alle Macht, ja ohne allen Einfluß. Aber der orientalische Christ ist noch ganz mittelalterlich und völlig ausschließlich. Ein Sieg deffelben würde für die Juden eine schwere Niederlage sein. Aber auch wenn die Türken den Sieg erringen würden, wären die Aussichten getrübt. Ein solcher ist nur möglich durch die Entzündung des Islamitischen Fanatismus zur stärksten Flamme, und ob unter der Wirkung desselben eine gerechte Behandlung der Raja's möglich und die eben geborene Verfassung auf der Grundlage der Gleichberechtigung ausführbar sein würde, erscheint sehr ftaglich. So azurblau sich unter dem Hauche des Lenzes der Himmel auch über uns wölbt, so dunkelschwarz erscheint er doch in politischer Beziehung, so voll zerstörender Orcane für die Völker und Staaten. Es ist ein alter Vergleich, aber doch für die Gegenwart sehr paffend: die brennende Luvte ist im Begriff in ein großes gefülltes Pulverfaß sich zu senken. Wird Mittel¬ und Westeuropa in Mitleidenschaft gezogen, so sind hier so viele Streitelemente, so viele ungelöste Kampfobjecte vorhanden, daß das Ende nicht abzusehen wäre. Jndeß dürfen wir gerade in solchen schweren Augenblicken das Vertrauen auf die göttliche Leitung der BLlkergeschicke nicht verlieren, sondern erst recht in uns stärken, und vorerst ein Jeder sich umso mehr an sein Vaterland und deffen geheiligte Interessen schließen! — Straßburg, im April. Das Budget für 1878 des Reichslandes beträgt für den israelitischen Cultus 142,899 Mark, was eine kleine Vermehrung gegen das Vorjahr bedeutet. Es wurde bei dem Landesausschuß die auch in dieser Zeitung schon besprochene Beschwerde erhoben, daß der Mangel einer Rabbinerschule für Elsaß-Lothringen einen zukünftigen Mangel an Rabbbinen voraussehen lasse, da die vom Staate ausgesetzten Stipendien für jüdische Theologie Stuvirende in Breslau und Berlin durchaus ungenügend sind. Leider mußte auch der Umstand signalisirt werden, daß die Zahl der jüdischen Seminaristen in den Normalfchulcn abnimmt, so daß in naher Zukunft es für die jüdischen Schulen an jüdischen Lehrern fehlen werde. Aus einer Realschule wurden mehrere jüdische Zöglinge entfernt, weil sie, von der Stadt entfernt wohnend, am Sabbath sich nicht zur Schule begeben wollten. Es wurde daher von der Commission des Landesausschuffes das Gesuch an die Regierung gerichtet, solche Conflicte zwischen dem Schulreglement und dem religiösen Gewissen auszugleichen. Oesterreich - Ungarn. K. Auö Böhmen, im April. (Privatmitth.) Zur Regelung der Ehe der Israeliten in Böhmen war. wie auch Sie seiner Zeit berichteten, am 29. Mai v. I. ein Ministerialerlaß erschienen, der die Eheschließung von Israeliten, die einer mit gesetzlich anerkanntem Statut und Ortsrabbinat nicht versehenen Gemeinde angehören, der nächsten solchen Gemeinde zuweiset. Zur Ausführung dieses Ministerialerlasses ist von der Statthalterei für Böhmen die Errichtung von Bezirksrabbinaten beabsichtigt und das Gutachten der Gemeinden hierüber eingeholt worden. Am 27. v. M. fand nun unter dem Vorsitze des k. k. Bezirkshauptmanns von Smichov, Herrn Otto, eine Enguöte Commifsionssitzung statt, an welcher außer dem k. k. Statthalter Baron von Weber, die Präsidenten der Landesjudenrepräsentanz und Kreisrabbiner Haller aus Karolinenthal theilnahmen. Trotz der theilweise sehr widersprechenden Urtheile, die die jüdischen Gemeinden abgegeben hatten, wurde die von der t. k. Statthalterei vorgeschlagene Gliederung Böhmens in 25 Bezirke mit je einem Bezirksrabbinate in der Hauptgemeinde gutgeheißen. Bon dem Bezirksrabbiner allein dürfen die jüdischen Brautleute, die keiner mit Rabbinat versehenen Gemeinde angehören, gesetzlich gültig getraut werden. Doch wurde mit der Ausdehnung und Errichtung der Rabbinatsbezirke den berechtigten Wünschen der Gemeinden thunlichst Rechnung getragen. Bei diesem Anlaffe ist hervorzuheben, daß bis zum 31. December v. I. von den iu Böhmen bestehenden 322 israelitischen Cultusgemeinden blos 80 genehmigte Statuten besäßen. Zur Vornahme von Trauungen waren bis zu jenem Zeitpunkte berechtigt: 10 Kreisrabbiner, 35 Ortsrabbiner und 5 Religionslehrer. Außerdem fungirten in diesen jüdischen Gemeinden noch 26 Religiovslehrer und 101 Religionsweiser {yiz yc). Bei all' diesen Zahlen ist Prag natürlich nicht mitgerechnet. Zum Schluffe der Commission fand sich der Präsident der I Landesjudenschaft, Herr Bauer, veranlaßt, sowohl Sr. Excellenz

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