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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-17 · Heft 16 (17.4.1877) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 16 (17.4.1877)
Date
1877-04-17
Page
Seite 254 (sequence 10)
Language
German
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254 Hang zur Prüfung und Selbstforschung verbreitete sich durch alle Länder; man griff nach der h. Schrift und verglich die Dogmen und Satzungen der Kirche mit dem Texte jener, und da man nicht wie Luther und die übrigen Reformatoren bei den Kirchenvätern stehen blieb und ihrer Formulirung der Dogmen, so gelangten Viele zum Mosaismus zurück, und da in ihrem Schoße zahlreiche Judengemeinden bestanden und damals unter toleranten Gesetzen vielmehr blühten als jetzt, suchten nicht Wenige ihre Zuflucht im Judenthume. Die ganze Bewegung neigte also zu diesem, und würde großartige Erfolge erreicht haben, wäre nicht bei Zeiten die Gewalt schonungslos dagegen eingeschritten. Dennoch haben sich in Rußland Splitter dieser christlichen Sectirerei bis auf den heutigen Tag erhalten. Es ist hier also nicht bloß ein Stück jüdischer, sondern allgemeiner Geschichte gegeben, die, vom rechten Standpunkt beurtheilt, ein nicht geringes Jntereffe birgt. Wenn daher in diesen Capiteln die antichristlichen Glau« bensbekenntniffe jener Seclirer mitgetheilt werden, so wird man dies nicht als eine Polemik gegen das Christenthum unsrerseits ansehen dürfen, sondern nur als wisienschaftlich geschichliche Mittheilung. Die Redaction. I. Die religiösen Uneinigkeiten, die die Lehren der Reformatoren in Polen hervorriefen, ermunterten auch die Juden, gleich anderen Seelen, Proselyten zu machen, und ihre Versuche waren nicht ohne Erfolg. Die Annalen zeigen, daß der Uebertritt der Christen zum Judenthume sehr zahlreich war; die Bekehrten wurden, um kein Aergerniß zu erregen, nach Ungarn, und von ea in die Türkei gesandt. Einige der Bekehrten als Peter ZatorSki aus Cracau, Jacob Melsztynczyk, Küster aus Brzezan suchten auf Grundlage der mosaischen Gesetze, neue Religionsshsteme zu bilden. Allein die Sucht, ihre Lehren auch durch Wunder zu unterstützen, machte die Ausbildung und Verbreitung dieser neuen Systeme unmöglich. Melsztyncyk wurde in Schlesien — wohin er sich mir zwölf seiner Anhänger, die er Apostel nannte, begab — in Folge des Mißlingens eines Wunders, von den Bauern ermordet. Die Geistlichkeit suchte nicht nur von der Kanzel herab, sondern auch durch grausame Maßregeln, gegen den Uebertritt zum Juvenlhume zu eifern. So wurde Katharina Zelazowska, die Wutwe des Cracauer Rarhsherrn Melchior Zelazowski, welche den mosaischen Glauben angenommen hatte, durch den Bischof von Cracau, Peter Gamral^i, zum Feuertode verurtheilt, und 1539 auf dem Markte zu Cracau verbrannt. Der Chronist I) Biels kr, Krön. S. 1082. 2» I.I. 3) Peter Gamral, ein Günstling der Königin Bona, war selbst in den Augen seiner Slandesgcnossen ein unwürdiger Priester. — Lelewel nennt ihn einen Menschen von schwachem Geiste, einen Wüstling und gewissenlos. Zvcia nierzadnego, suminienio wytartego y. f, n>. XIII. 33. S. 4d0. bemerkt, daß sie so lustig in den Tod ging, als wäre es zu einer Hochzeit. 4) Diese Ausschreitungen der Geistlichkeit konnten nur den Geist des nichtadeligen Theiles der Nation beeinfluffen. Der Adel aber, der sich in den Angelegenheiten, die sich auf die Glaubenszwiste bezogen, mit seinen Vorrechten schützte, schritt unbeirrt aus dem Wege der freien Geistesentwickelung vorwäns. „Man kann", sagte er, „die Bauern und Städter zur Unterwürfigkeit gegen die Bischöfe zwingen; wir, die wir das Recht haben, die Könige zu wählen, wir können uns ebenso einen Papst wählen, und wie wir dem weltlichen Despotismus uns nicht gebeugt haben, ebenso wenig werden wir dem geistlichen erliegen." 5) Der Fürst Nicolas Radziwill, der lange zweifelte, welchen Glauben er zu Wahlen habe, ob den lutherischen, jüdischen, oder mohammedanischen, ließ sich endlich damit hören, daß er einen völlig neuen auszudenken beabsichtige.«) Seine Tochter Elisabeth, die an Nicolas Mielecki verheirathet war, „zeigte große Neigung zum jüdischen Glauben." II. Bon größerer Bedeutung waren die Resultate, die die Proselytenmacher erzielten in den russischen Provinzen, über welche die Lehensherrlichkeit der polnffchen Krone sich erstreckte. Die Spaltungen in der russischen Kirche, und die dadurch hervorgerufenen Secten der Bogomili7;, der Strigolniki, deren Zweck die Reinigung der russischen Kirche, und Zurückführung zu jenem Glauben, aus welchem das Christenihum hervorging, war, hatten den Boden stark bearbeitet, und ihn für den Mosaismus empfänglich gemacht. Es genügte daher eine beredte Zunge, um eine Anzahl durch Gelehrsamkeit, Reichthum und Geburt ausgezeichneter Personen in ihrem christlichen Glauben wankend zu machen, und sie für die Lehre Israels zu gewinnen. Und ein solcher Mann war der Jude Scharja«) (Zacharias) aus Kiew, der Urheber und die Seele der religiösen Bewegung, welche die ganze russische Kirche ergriff. Seine Zeitgenoffen schildern ihn als einen gelehrten Mann, gut bewandert in den Naturwifsen- Na ktora smieriszla tak smiele jok na wesele. Bielski. Bor dem Gerichte soll sie gegen die Gottheit Christi Folgendes vorgebracht haben: „Der Herr Gott hatte weder eine Frau, noch einen Sohn, auch ist ihm dies nicht nothwendig. denn nur die Sterblichen haben Söhne nothwendig, aber der Herr Gott ist ewig, da er nicht geboren wurde, so stirbt er auch nicht. Wir sind seine Kinder, und Alle sind seine Kinder, die auf den von ihm vorgezeichneten Wege wandeln. Lelewel XIII. B._S. 518. 5) Mickiewicz Lit. slaw. 6) Rychcicki Peotr Skarga I. B. p. 178: „do zydowskich nawet przechodzita bledow “ 71 Die Secte der Bogomili entstand in Bulgarien gegen Ende des XII. Jahrh., und war eine Abzweigung der Paulicianer. Die Secte der Strigolniki wird zum ersten Male 1371 bekannt; ihr Haupt und Stifter war ein gewiffer Karp, Tuchscheerer von Profession. Es beruht daher auf Unkenntniß, wenn man die Secte der Strigolniki aus jener der „Jüdischen" (Zydowstwujsci) entstehen laßt, wie es bei vielen russischen . auch bei Karamzyn und ausländischen Historikern der Fall ist. Siehe Nie. Budryeir, Rasuzdenje o jeresach. Moskau 1838. 8> Jos. Wolokanski, Proscojetitel. — Jos. Wolokanski und sein Zeitgenosie.

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