Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1877)
- Date
- 1877-04-17
- Page
- Seite 252 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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252 stantinopel unbekannt zu sein, und die Adresse wird dem ganzen Judenlhume Ungarns zugeschrieben. Aus Böhmen, im April. (Privatmitth.) Bekanntlich hat in Oesterreich bis setzt noch keine Ehe bürgerliche RechtSgülitgkeit, wenn nicht eine religiöse Trauung vorangegangen. Die Frage, die als eine obschwebende auch in diesem Blatte bereits öfter besprochen worden, wer bei den Israeliten Böhmens eine rechtsgültige Trauung zu vollziehen berechtigt sei, da hierzulande eine große Anzahl Juden außerhalb der Orte wohnen, wo Rabbiner ihren Sitz haben, ist nunmehr Lurch eine Regierungscommission, welche jüdische Sachverständige zugezogen hatte, entschieden worden. Näheres in nächster Nummer. Koliu, im März. Am 22. d. M. wurde — wie die „Deutsche Zeitung" erzählt — -die Leiche der verstorbenen Frau des Kaufmanns Robitfchek von Poviebrav nach Kolin übergeführt. Das Leichenbegängniß wurde mit großem Pomp abgehalten; der Sarg war mit Kränzen geschmückt und die Localität, in welcher der Koliner Rabbiner, vr. Guggenheimer, ein Schwiegersohn des Herrn Samson Raphael Hirsch in Frankfurt am Main, die rituellen Ceremonien vorzunehmen hatte, auf das schönste hergerichtet und durch zahlreiche Lichter erhellt worden. Dem Rabbiner mißfiel jedoch dieser Pomp. Er kam, runzelte die Stirn und kehrte sofort um. Die Anwesenden fühlten sich durch das Verschwinden des Rabbiners verletzt. Herr Saxel, Mitglied des jüdischen Gemeindevorstandes, nahm sich jedoch des Rabbiners an und richtete die Pfeile feines Zornes wider die Neuerer. Diese blieben ihm die Antwort nicht schuldig und angesichts des Leichnauis entstand ein großer Exceß, dessen Ende sich vermuthlich vor Gericht abspielen wird. Die Leiche wurde ohne Intervention des Rabbi auf den Friedhof gebracht. Türkei. Konstantiuopel, 3. April. Wie wir bereits berichteten, hat der Sultan auch einen Israeliten zum Mitglied des Senats ernannt. Es ist dies Vr. de Castro, einer seiner Leibärzte. Derselbe gehört zu der Gemeinde der spanischen Juden, und versuchte es, unter Hinweis auf sein hohes Alter, das Amt abzulehnen. Der Sultan hatte jedoch die feste Meinung gefaßt, de Castro im Senat sehen zu wollen, und so mußte dieser schließlich annehmen. Rußland. MoSkau, 28. März. Hiesige Blätter enthalten Folgendes: Die Oberverwaltung des Gebiets der donischen Kosaken ist im Interesse des Handels und der Industrie bei der Regierung darum eingekommen, daß den Juden die Seßhaftigkeit im Gebiete, die Erwerbung von Grundbesitz und die Anpachtung von Kohlengruben verboten werden möge. (Man kann in dieser Kundgebung nichts weiter erblicken, als den Zweck, eine eben eingetretene Milderung in dem Verbote der Freizügigkeit wieder aufzuheben. Das Land der donischen Kosaken ist 2913 Quadratmeilen groß und hat 1,010,135 Einwohner. Es kommen also nur circa 400 Einwohner auf 1 Quadratmeile, und man sollte also doch glauben, daß eine Handvoll Juden diesem Lande nur nützlich sein könnte, um die Bevölkerung zu vergrößern, und thätige, emsige, gewerbliche Hände mehr hineinzufchaffen. Der Handel wird wesentlich von Griechen, Armeniern und Tartaren getrieben — und da haben wir denn vollständig bas Motiv, aus welchem die Juden auch aus diesem Lande wieder vertrieben werden sollen. Die Herren Armenier und Griechen, welche bekanntlich im Handel die schlechteste Moral befolgen, und von den orientalischen Völkern im Commerz weit mehr gefürchtet werden als die Juden, wollen letzteren alle Concurrenz abschneiden, und besitzen vermöge ihres Reichthums Einfluß genug auf die Beamten, um sie zu obigen Schritten bei der Centralregierung zu bewegen. Redact.i Bonn, 8. April. (Notizen.) Am 24. März wurde in Konstantinopel das folgende Parte ausgegeben: „Die Freunde des Herrn Simon Deutsch, welcher am 23. März um 91/4 Uhr Abends im Alter von 57 Jahren gestorben ist, theilen den Personen, welche seinem Leichenbegängnisse beizuwohnen geneigt sind, schmerzerfüllt mit, daß der Leichenzug Sonntag den 25. Mar; um i/211 Uhr Vormittags vom Hause Nr. 99 in der Straße Coumbaradschi-Hokuschu, nächst dem „Hotel d'Angleterre", abgehen wird." — Der Sarg des Verblichenen wurde von seinen Freunden, Herrn Franz Grünzweig an der Spitze, nach dem Friedhofe geleitet. Der Letztere sprach an dem Grabe einige sympathische Worte in deutscher Sprache: „Simon Deutsch ist nicht mehr, und ehe wir diesen Ort, wo uns die Trauer um ihn und der Drang, einem wirklichen Menschenfreunde die letzte Ehre zu erweisen, zusammenführte, verlassen, wird das Wort der Bibel: „Bon der Erde zur Erde" an diesem Manne sich erfüllt haben; doch seine Gedanken und was er zu schaffen so eifrig mitgewirkt, wird fortleben in uns, in unseren Söhnen und in den spätesten Geschlechtern. Möge die fremde Erde ihm leicht werden! Amen." — Auch die Turquie widmet S. Deutsch, „dem unermüdlichen Freiheitsstreber, dem Menschenfreunde und Unterstützer der Armen und Unglücklichen", einen ehrenden Nachruf. — Aus Wien schreibt man vom 30. März: „Heute Nachts starb hier der jüdische Gelehrte Hermann Freund. Der Verstorbene hat sich durch Veröffentlichung einer pädagogischen Bearbeitung des Pentateuch einen hervorragenden Namen gemacht." — Bon ebendaselbst wird berichtet: „Die Kinder des verstorbenen Freiherrn Anselm v. Rothschild haben 50,000 fl. österreichische Papier- Rente als das für die israelitischen Waisen bestimmte Capital der Anselm Freiherr v. Rothschild-Waifenstiftung für Wien dem israelitischen Cultusvorstande übermittelt. Ferner hat Ober-Commerzrath Israel Simon anläßlich seines 70jährigen Geburtstages 500 fl. zur Bertheilung an hiesige israelitische Arme gespendet."