Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1877)
- Date
- 1877-04-17
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227123-3227140--35287-3305232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
gar nicht! Aber es ist der Fluch solcher Professuren, daß sie Alles kennen sollen oder wollen, und daß sie auch so thun. Da kommt es dann leicht, daß gerade ihre Unwiffenheit am ehesten zum Vorschein kommt, wie es hier dem Herrn Prof. $?. begegnet, daß er von einer Sache spricht, von der er nur die Aussagen alter Klatschweiber kennt, wie Eisenmenger, Rohlings, Wilmans rc. Und doch konnte er sich in Leipzig bei einem Manne oer lutherischen Theologie unterrichten! Er brauchte nur den Professor Franz Delitzsch zu befragen, z. B. dessen Büchlein über die Handwerke bei den Juden. Aber die deutsche Wissenschaft in ihren jetzigen Jüngern — zu denen muß man doch einen Leipziger Professor rechnen — ist schon so weit gekommen, daß sie nur wissen will, was ihr in den Kram paßt! Breölau, im April. Sollte man es für möglich halten! Hiesige Blätter berichten: Auf dem Polizeibureau des Städtchens Schrau in Oberschlesien erschienen am 8. März vier Personen mit der Denunciation, daß im Hause eines am Ringe wohnhaften Kaufmanns Berger ein jämmerliches Geschrei gehört werde, das unzweifelhaft von dem Abschlachten eines Christenkindes, dessen Blut zu den Osterkuchen genommen würde, herrühre. Daß solch' alberne Vorstellungen auch heut zu Tage noch zuweilen das Hirn von Leuten aus der ungebildeten Lolksclaffe verwirren, kann leider nicht bezweifelt werden; ganz unglaublich aber scheint uns (was indeß von vertrauenswürdiger Seite als feststehend milgetheilt wird), daß der Bürgermelster des Städtchens auf Grund jener Denunciation eine Haussuchung bei dem pp. Berger veranlaßt habe, die natürlich resultatlos ausgefallen ist. Schmiegel (Herz. Posen,, l0. April. (Privatmittheilung.) Die hiesige jüdische Corporation hat einen schweren Verlust erlitten. Unser allgemein verehrter Rabbiner Salomon Feldblum wurde uns am 25. v. M. plötzlich durch einen Schlaganfall entrissen. Derselbe, ein prim» Trabn des weltberühmten Rabbiners E. Egers in Posen, von ausgebreitetem talmudischem Wissen, von strengster Religiosität, wußte auch die moderne Bildung zu schätzen und bemühte sich, das Wesen der wiedererwachten jüdischen Wissenschaft, sowie die Bestrebungen unserer Zeit zu verstehen. Rege wirkte er für den hebräischen Unterricht und war sowohl früher als Dirigent der Schule in Filehne als auch in seinem dreißigjährigen Wirken in unserer Gemeinde auf's eifrigste bemüht, seine Schüler besonders in hebräischer Grammatik und hebräischem Wissen ruszubilden. Am 27. v. M., Nachmittags, wurde die Leiche des Verblichenen in die von allen Ständen und Confessionen überfüllte Synagoge gebracht, wo der Herr Rabbiner Baek aus Lissa eine tiefergreifeude Trauerrede hielt. Die von Innigkeit und Rührung durchdrungene Rede machte ven tiefsten Eindruck auf die Trauerversrmmlung. Nachdem der Cantor noch den Psalm 16 recitirt hatte, wurde die Bahre von den Gemeindevorstehern zum Leichenwagen gebracht und das Leichenbegängniß fand unter großer Betheiligung der verschiedenen Stände und Confessionen statt. Am Grabe stimmten die säuuntllchen Schullehrer der Tracht, eingedenk des großen Interesses, welches der Verstorbene für das gcsammte Schulwesen stets bethätigt hat, einen Grabgesang an, dem sich ein erhebendes Gebet des Rabbiners Baek anschloß. rfa'W'n! Oesterreich-Ungarn. Pest, 2. April. (Privatmitth.) 8. Heute Vormittag erschien eine Deputation, aus ungefähr 10 Herren bestehend, Herrn IV. Schönberg an der Spitze, in der Wohnung des Rabbiners Dr. Kayserling, um diesem den Ausdruck dankender Anerkennnng für die im verflossenen Winterhalbjahre von ihm gehaltenen öffentlichen Vorträge aus der jüdischen Geschichte und Literatur auszusprechen. Mit einer sehr warmen Ansprache übereichte iv. Schönberg dem Gefeierten eine Adresse in prachtvoller Ausstattung, von mehreren Hunderten der angesehensten Mitglieder der Gemeinde unterschrieben, nebst zwei großartigen Giranoolen, einem wahren Kunstwerk. IV. K. antwortete in tief empfundener Weise. Schon vor einigen Wochen brachte eine Anzahl Hörer der Universität dem vr. K. aus demselben Grunde een Ausdruck ihres Dankes dar. Auö Ungarn, im April. Der P. L. schreibt: Der türkische StaatSanzeiger „Takwimi Wekai" bringt eine aus Ungarn, und zwar seitens des Oberrabbiners von Discö-Szent- Mürton an den Sultan gerichtete Dankadresse, in welcher mit bombastischen Ausdrücken, die selbst dem feurigsten Stylisten des Orients zur Ehre gereichen könnten — der Vorzüge und der freiheitlichen Gesinnungen Sultan Abdul Hamid's gedacht wird. Das excentrische Schriftstück erinnert den Sultan, daß seine Dynastie den Beni-Jbrahim iAbrahamiden) entsprungen, und daher auch schon in Folge dieser edlen Abkunft über jeden Unterschied des Glaubens und der Nationalität hinwegsehend, sämmtlichen Ottomanen eine Constitution verlieh. „So wie Gott rer Allmächtige den Erzvater Ibrahim einstens aus dem Feuer befreite — sagt der Oberrabbi von Dicsö-Szent-Märton —, so wird Allah nun auch den Sultan aus den schweren Nöthen befreien. Gott hat von jeher dem Stamme Jschmael Sieg und Glück verheißen. Wir Alle hier heben unsere Hände voll Inbrunst gegen Himmel und beten für Ew. Majestät. Unser Gebet ist um so aufrichtiger, als Ew. Majestät in der großherrlichen Huld auch der Juden gedacht und denselben alle Freiheiten zu Theil werden ließ." Die Juden der Türkei werden ferner ermahnt, für den Sultan und die Landesgroßen zu beten, da auch wir hier, so sagt der Rabbiner, für das Wohl unseres Königs Franz Josef und seiner Minister beten u. s. w. Es bedarf wohl keiner weiteren Aufklärung, daß der Oberrabbi (Chacliam basclii) von Dicsö-Szent-Märton als Chef der Szabbatarier (8roml.alc,8ok) nur im Namen seiner heute förmlich zum Judenlhume übergetretenen Gemeinde spricht. Dieser Umstand scheint heute in Kon-