Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1877)
- Date
- 1877-04-17
- Page
- Seite 248 (sequence 4)
- Language
- German
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248 wickelt, und von ihm haben wir vie Weiterführung der echten Reform zu erwarten. Während in den hochgebildeten Geistern sich dieser Standpunkt bald klarte, und ihnen deutlich ward, daß eine Reform im Judenthume die beiden Faktoren: Erkenntniß und Geschichte principiell und systematisch zu ihrer Basis haben müsse, also vom Boden der Geschichte und der Tradition sich nicht willkürlich lösen dürfe, daß aber in unserer Zeit die wesentlichste Wirksamkeit dahin gehen müsse, in der Masse die Erkenntniß ver Lehre und das geschichtliche Bewußtsein zu wecken, zu nähren und zu befestigen — war dies instinktmäßig im Volke selbst erwacht, und nahm in ihm diese Richtung. Das Judenthum kann weder eine einschneidenve und abschließende Reform von einer geistlichen Behörde brauchen und ertragen, sondern auch hier nur eine allmälige Entwickelung, an welcher viele und bedeutende Geister lange Zeit arbeiten. Bei uns muß in der ganzen Fronte vorwärts gegangeu werden. Für uns taugt es nichts, daß ein oder ein paar Männer aus eine erhabene Höhe steigen und vom Volke verlangen, ihnen nachzuklimmen. Unsere Führer müssen unsrer Masse nahe bleiben, und der Vormarsch muß stets ein gemeinsamer sein. — Dieser Gang der Dinge war, wie nothwendig, so auch höchst ersprießlich. Er hat bis setzt jedes Schisma verhindert, obschon einige Eiferer mit ihrer verdächtigen Hyperorthodoxie mit aller Anstrengung und dem Aufgebot irreligiöser Leidenschaftlichkeit auf ein solches ausgingen. Diese Tendenz ist es auch allein, welche unsere Jugend vor dem Materialismus geschützt hat und schützen wird. Eia paar mäßige Reformen, wie unser Engländer vermeint, vermöchten dies nicht. Denn gegen die Verirrung des Geistes wirkt nur die Veredlung und Erhebung des Geistes. Unser Autor aber hat keine Ahnung von der Wissenschaft des Judenrhums, wie sie in Deutschland erblüht ist. Darum verirrt er sich so weit, zu sagen, daß, „wenn das Christenthum wesentlich dogmatisch, so ist das Judenthum vor Allem formalistisch". Darum sieht er auch überall nur die Verlegenheit der englischen Juden im gewerblichen und geselligen Leben, und verlangt von den Rabbinen, daß sie ihnen diese Verlegenheit aus dem Wege räumen sollen, z. B., daß der Jüngling, der in Oxford oder Cambridge studirt, dadurch nicht mehr gegen sein Gebetbuch gleichgültig werde, weil er darin dreimal des Tages beten soll. Ist dies nicht wahrhaft kindlich? Um so weniger kann man erwarten, daß seine Einsicht betreffs des Auslandes mehr als eine sehr oberflächliche sei. Herzlos sogar und ohne alle Kenntniß der Wirklichkeit ist z. B. das, waS er über die Juden in Rumänien sagt. Daß er als Engländer auch an den Missionsgesellschaften nicht vorübergehen kann, ist selbstverständlich. Wenn er aber am Schluffe die Frage aufwirft, ob es ihm gelungen sei, „dem Publikum eine wahre Idee von der socialen unv geistigen Lage zu geben, in welcher die Israeliten unserer Epoche leben;" so müssen wir zu unserem Bedauern sie verneinen. Dazu hätte er sich selbst erst eine umfassendere Kenntniß unv eine tiefere Einsicht verschaffen müssen. Literarischer Wochenbericht. Brünn, 6. März. ■nar b*,aia’ '•tbi-pe .b"T bsn®’’ The Fifty-third Chapler of Isaiali acconling lo Üie Jewish Interpreters. I. Texts. Edited front prinled books and Mss. By Ad. Neubauer. Oxford (Parker), Leipzig (T. 0. Weigel). 1876 (8°. 24,402 u. 170 8.) Ein starker Band über 14 Verse der Bibel, die 2 letzten des 52.Cap. Jesajah, beginnend mit den Worten b-'asr rs:n, und über das 53. Cap. dieses Propheten! Die Bedeutung, welche diesem kurzem Abschnitte der heil. Schrift innewohnt, hat ihren Grund mehr in Demjenigen, was nicht darin enthalten ist, als in dem, was er thatsachlich besagt, denn er ist einer der Hauptstützen der christlichen Dogmatik, um deren Bestand sie wie um eine Lebensfrage kämpfen muß und es war ja bekanntlich seit je eine meisterhafte gehandhabte Kunst der Theologie, beim Jnterpreüren recht munter unterzulegen, was sie hineingelegt wissen wollte. Die christliche Dogmatik bekennt es ganz offen als eines ihrer Principien, daß alle im Neuen Testament gelehrten Fundamental-Wahrheiten auch den Gläubigen des Alten Testaments bekannt gewesen und im Alten Testament daher nachweisbar sein müssen, gerade wie die ganze Geschichte des Heilands in den Schicksalen des Gottcsvolkes und seiner hervorragenden Männer typisch angedeutet und vorgebildet sein solle. Daß sie sich damit eine craffe petitio prineipii ganz ungescheut schuldig mache, kümmert die glaubenseiftige Dogmatik nicht; ihr kommt es nur darauf an, ein System zu bereiten, darin alles sein logisch stimmt, ob auch die vernunflmäßige Schristauslegung dagegen protestirt, rem geschichtlichen Zusammenhang in's Gesicht geschlagen wird. Das 53. Cap. das. nun gar fordert zur typologischen Auslegung geradezu heraus, die Erniedrigung, die Leidensgeschichte des Gottesknechtes, seine Erhebung aus dem Elend und Verherrlichung, alle diese Momente find ja dem Verkünder des neuen Bundes wie auf den Leib geschrieben, und an vielen Stellen der Evangelien sind die Worte dieser Prophezeiung als Voraussagung des später thatsächlich Eingetroffenen angeführt. Aber eben diese Anführungen in der Lebensgeschichte Jesu, diese naiven Berufungen: „auf daß erfüllet werde, was geschrieben steht" waren die Punkte, wo die Kritik ihre Werkzeuge ansetzte, um nachzuweisen, daß die Erzählungen der Evangelien sich geradezu um den Wortlaut der alttestamentarischen Prophezeiungen krystallisirt haben, daß die Berichterstatter von des Erlösers Lebensschicksalen es für ihre Aufgabe hielten, jeden Zug der alten Weissagungen in ihrenr Lebensbilde zu restauriren und jede Voraussage, die geschrieben stand, gleichsam wie eine Schuld einzulösen und zu quittiren. Nichtsdestoweniger klammert sich die Rechtgläubigkeit an das geschriebene Won wie an die unbestreitbar echtesten Urkunden ihrer Wahrheit unv wehrt sich verzweifelt, wenn man ihr entweder das Schreckbild der vaiicinaiio eventu entgegenhält, oder statt des vermeintlichen Messias, aus den das Schriftwort sich beziehen soll,