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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-17 · Heft 16 (17.4.1877) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 16 (17.4.1877)
Date
1877-04-17
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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I 247 Arme fiele, oder wenigstens ein großes Schisma zu erwarlen stände. Hieran wollen wir einige Bemerkungen knüpfen. Der Autor sieht die Reform von einer ganz äußerlichen Seite an. Das Ritual in gemäßigter Weise ändern und von Den, für unsere Zeit auffälligsten Satzungen eine Anzahl, aber stets gemäßigt, streichen, das ist ihm die Reform, unv diese verlangt er von den Rabbinen. Daß eine solche Reform auf dem practischen Gebiete des Lebens ganz erfolglos sein würde, daß die Einen sich nicht nach ihr richten würden aus Anhänglichkeit an den überkommenen Satzungen, die Anderen, weil sie längst über das von den Rabbinen gewählte Maaß hinaus sind, könnte der Berfaffer selbst in England wiffen. Eine solche gedankenlose Herde, die sich streng nach den Weisungen einiger augenblicklichen Hirten richtet, waren die Juden zu keiner Zeit. Und wie nun, wenn die Rabbinen sich nicht einigen könnten? Und sie werden sich nicht einigen, weil sie längst nicht mehr einig sind, weil es eine orthodoxe und eine reformistische Richtung auch unter den Rabbinern giebl. Wir müffen leider dem Verfasser alle Kenntniß der jüdischen Zeitgeschichte absprechen, unv bedauern daher, daß er bei seinem guten Willen das Wort vor dem großen Publikum genommen. Er ahnte nicht, daß es eine innere Seite der ganzen jüdischen Geistesbewegung giebt, und diese die viel wichtigere ist. Der Mosaismus enthält Lehre und Gesetz; auch das letztere enthält in der Form ocer in der Formulirung einen tiefen Sinn, einen Gedankeninhalt. In der elfteren, weil sie Symbol, in der letzteren, weil sie in einem Specialgesetz das allgemeine Princip zur Ausprägung bringt. Nun gab es immer Zeitperioden, in welchen entweder auf die Uebung des Gesetzes das ganze Gewicht des religiösen Lebens gelegt ward, ocer solche, in welchem der Schwerpunkt in der Lehre, im Bewußtsein des Gedankeninhalts und besonders der Principien gefunden wurde. In den ersteren gab es dann eine schöpferische Epoche, in welcher die Durcharbeitung des Gesetzes bis zur äußersten Casuiftik vor sich ging, und eine folgende, welche in wachsender Erstarrung sich nur an die Practik dieser Crsuistik hielt. So zeigen die Propheten und die h. Sänger, auch die Sprüche und Koheleth eine große Epoche geistiger Bewegung, in welcher es sich um die Erhaltung, Verbreitung und Entwickelung des Lehrinhalts unserer Religion handelte, das Gesetz aber in den Hintergrund getreten war, so daß nur wenige Streiflichter auf daffelbe fielen. Die talmudische Zeit hingegen beschäftigt sich wenig mit diesem Gedankeninhalt, popularisirt unv verflocht ihn selbst im Midrasch, und verwendet daher eine außerordentliche Geisteskraft auf die Durcharbeitung des Gesetzes, selbst der Theile deffelben, die damals schon keinen practischen Boden mehr hatten. Die letzten Jahrhunderte nun waren eine Periode der Erstarrung, in welcher die gewiffenhafteste Beobachtung der Satzungen, und zwar unter der Furcht vor der Bestrafung der Übertretung auch der kleinsten Satzung, z. B. des Anfaffens eines Leuchters mit einem brennenden Lichte am Sabbath, das ganze religiöse Leben ausfüllle. Hierin ist nun ein innerer Umschwung des Geistes vor sich gegangen , und mußte vor sich gehen. So wenig die wirkliche Culturbewegung nur darin bestehen konnte, daß die Juden die äußeren Formen der Gesellschaft annahmen, sondern vielmehr darin, daß sie sich die allgemeine und wisienschaftliche Geistesbildung aneigneten und ihr Interesse in alle Strömungen des allgemeinen Lebens senkten: ebenso kam es nicht darauf an, einige hindernde Satzungen zu beseitigen, sondern daß die Bewegung und Thätigkeir des Geistes von Neuem den ganzen Lehr- und Gedankeninhalt unserer Religion wieder erfasse, sich denselben zum vollen und klaren Bewußtsein erhebe, ihn nach allen seinen Canälen verfolge, den ganzen reichen Gedankenschatz wieder an's Licht schasse und mit neuem Leben durchströme. Hierin liegt der Gegensatz der Zeilen. In der Vergangenheit — wir meinen hiermit nur die letzten Jahrhunderte — war die Uebung des Gesetzes Alle«, Bedeutung und Zweck desselben nichts; in der Gegenwart ist der Gedanke die Hauptsache, und von ihm aus wird erst die Form, die Ausführung in Betracht gezogen. Mendelssohn stanv auf der Scheide der beiden Epochen, und während er sein Leben der Erkenntniß unv philosophischen Betrachtung der Lehre widmete, hielt er doch den Standpunkt der unbedingten Erfüllung des Gesetzes, wie es einmal im traditionellen Judenlhum besteht, fest. Auf seine philosophische Höhe konnte natürlich das Volk ihm nicht folgen. Aber schon die ersten Schriften aus dem Anfang unseres Jahrhunderts, namentlich für den Unterricht der Jugend,B. die von Moses Philippson, Peter Beer, Johlson, I. Wolfs u. A. bezeugen die Tendenz, die wir oben bezeichnet haben. Die zu derselben Zeit erstandene und vom zweiten Jahrzehnt an sich schnell ausbreitende deutsche Predigt giebt den weiteren Beweis über das neue Bevürfniß des Volkes. Denn die eiste beste, selbst nur mittelmäßige Predigt giebt den Zuhörern auf dem Gebiete der religiösen Lehre mehr zu denken und bringt ihnen mehr Stoff für ihr religiöses Bewußtsein, als zahllose Vorträge aus der vergangenen Zeit zusammen es gethan hatten. Bei einer religiösen Erscheinung aber, wie das Jucenthum ist, die so einheitlich zusammengefaßt ist und roch so mannichfaltige Geschicke erfahren hat, kann dieser Gedankeninhalt nicht blos 2 priori gefaßt werden, sondern immer mit Hülfe der geschichtlichen Erkenntniß und aus der geschichtlichen Entwickelung heraus. Gerade diese geschichtliche Erkenntniß aber war in der vergangenen Zeit gänzlich erblaßt, wohingegen das geschichtliche Bewußtsein für die theoretische Erkenntniß in der Volksseele eine starke Stütze und eine feste Grundlage giebt. Dahin hat sich denn auch mit ganz besonderer Energie die geistige Thäiigkeil der Juden gewendet. Hierin liegt die wahre Reform, und von ihr geht auch die echte Reform aus und vor sich. Allerdings möge im Anfang diese oder jene kleine Veränderung aus äußeren Motiven, wie sie unser englischer Glaubensgenosse aufstellt, geschehen sein: in den Vätern der deutschen Reform war schon von Beginn an der Geist lebendig, den wir hier gezeichnet; er hat sich seitdem eni- 16*

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