Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 16 (17.4.1877)
- Date
- 1877-04-17
- Page
- Seite 246 (sequence 2)
- Language
- German
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246 - Einen gleich beschrankten Gesichtspunkt zeigt der Berfaffer nun in dem was er unter Reform versteht und von wem nach seiner Ansicht die Reform ausgehen soll. Er weist darauf hin, daß es ein Jrrthum sei zu glauben, daß das Judenthum sich durch alle Zeitalter unveränderlich und mit sich selbst identisch erhalten habe; der Mosaismus sei nur die Grundlage der Synagoge und der erste Inhalt des jüdischen Glaubens; die Rabbinen hätten stets die Regeln für die Forderungen ihrer Zeit festgestellt. Hier läuft dem Berfaffer Alles auf den jüdischen Gottesdienst, auf das gottesdienstliche Ritual hinaus. Dieses zu verändern, ist ihm der Inhalt und das Endziel der Reform. Um die letztere nun zu motiviren, begeht er auch einen Jrrthum, den wir ihm bestreiten müffen, und der bei ihm eben aus dem Suchen nach einem Motive für die Reform hervorgegangen zu sein scheint. Er sagt, daß, als die Rabbinen das jüdische Ritual gründeten, sie in daffelbe die feurigen Jnvectiven und die Worte der Rache gegen die Unterdrücker ihrer Nation hineinverpflanzt hätten. Er fährt fort: „Diejenigen, welche vom Judenthume nur eine leichte und oberflächliche Färbung haben, wiesen mit Erstaunen auf die äußerste Länge der Gebete, die absolute Intoleranz. welche sie athmen, und den Ueberfluß von Bildern hin, mit welchen ihr Styl bekleidet ist. Die Israeliten wurden von diesen Vorwürfen betroffen, und einige der ausgezeichnetsten Mitglieder der Synagoge faßten die Idee, ihr Ritual zu verändern, reffen Charakter nicht mehr in Uebereinstimmung mit der Civilisation unsrer Zeit erscheint. Man begeht in Wirklichkeit einen schweren Jrrthum, wenn man den Juden einen absoluten Geist der Conservation zuschreibt und wenn man denkt, daß ihre religiösen Ideen sich von vorn herein gegen den Einfluß der Zeit sträuben. Die Wahrheit ist, daß jede durch die competente geistliche Autorität angenommene Reform von den Juden angenommen werden würde." Dies sind die Worte des Berfaffers, und man sagt nicht zuviel, wenn man behauptet, daß jedes dieser Worte ein Jrrthum ist. Es mag sein, daß in England die Ansichten des gegenwärtigen Oberrabbiners jede Reform des Gottesdienstes verhindern. Wir glauben aber kaum, daß, wenn er dieselben änderte, das ganze englische Judenthum ihm folgen würde. Jedenfalls ist diese entscheidende Autorität der Rabbinen, die er am Schluffe seiner Abhandlung noch einmal zur Herstellung einer Reform aufruft, ein echter Zug des englischen Judenrhums, der anderswo nicht zu finden ist. Der Gegenbeweis ist oft genug geführt worden, daß entweder Rabbiner eine Cultusreform erstrebten, bei ihren Gemeinden aber auf dauernden Widerstand trafen, oder daß die Gemeinden den Reformweg beschritten, ohne oder auch wider den Willen ihrer Rabbinen. Die Beschlüffe der Rabbinerversammlungen fanden bei den Gemeinden keine Folge und erweisen so factisch die ganze Unrichtigkeit in den Meinungen unseres englischen Glaubensgenossen. Diese liegt auch in der ganzen Natur der Sache; denn da die Wahl der Rabbiner lediglich von^den Gemeinden abhängt, so wählen sie solche, die mit ihren Ansichten übereinstimmen, die sich also gewiffermaßen nach ihnen richten, nicht aber umgekehrt. Es -liegt dies .sogar noch tiefer; es ist den Juden eigenthümlich, daß sie vor früheren Autoritäten, vor den Aussprüchen der Dahingeschiedenen einen großen Respect empfinden, vor den Lebenden aber, die unter ihnen weilen und wirken, einen sehr zweifelhaften, da sie vielmehr stets das Gelüste fühlen, ihnen Opposition zu machen. Ganz unverantwortlich aber ist die Behauptung von den feurigen Jnvectiven, von den Ausbrüchen der Rache und der absoluten Intoleranz, welche das jüd. Ritual ausfüllen! Es ist dies durchaus unwahr. Die Gebete um Rache oder vielmehr um Bestrafung der Unterdrücker sind an Zahl und Umfang äußerst gering, bei weitem geringer, als ver Unparteiische, der die Geschichte dieses Stammes kennt, voraussetzen sollte; Jnvectiven gegen Andersgläubige kommen nur höchst selten vor, und überall erweitert sich das Gebet durch den Hinblick auf die gesammte Menschheit. Es ist daher auch grundlos, daß die Reform des jüdischen Gottesdienstes besonders aus diesem Motive hervorgegangen sei. Gerade das Entfernen solcher Züge aus dem Ritual erforderte nur wenige Striche, und machte die geringste Mühe, sobald man überhaupt an eine Aenderung dachte. Die Schwierigkeiten lagen vielmehr immer, abgesehen vom conservativen Geiste, in der Behandlung ver messianischen Idee, der Wiederherstellung des Opfercultus und der Rückkehr nach Palästina, in der theilweisen Einführung der Landessprache und der Orgel. Dies waren und sind die Schwierigkeiten; denn selbst die Beseitigung der Piutim fand nur geringen Wiederspruch. Daß der Berfaffer übrigens keine Sachkenntniß besitzt, geht daraus hervor, daß er von der Ueberladung der Gebete mit Bildern spricht. Abgesehen von dem Piutim, die hier nicht in Betracht kommen, sind unsere Gebete in sehr einfacher, ja nüchterner Sprache geschrieben, die von den eingestreuten Psalmen sich durch den Mangel an poetischem Schwünge, abzeichnet, hingegen oft sehr innig ist. Die Juden können auch hier sagen: Schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich schon selbst schützen. Der Verfasser hebt weiterhin die eigenthümliche Erscheinung hervor, daß die polnischen und russischen Juden in ihrem Lande die strengsten Beobachter jeder kleinsten Satzung seien, sobald aber einer von ihnen nach England komme, er sich völlig davon frei mache, was der Autor aus dem Drucke in jenen Ländern und dem Einflüsse der Freiheit in den westlich-europäischen Staaten erklärt. Indem er dann von den zwei Reformsynagogen in England spricht, meint er, daß deren Ritual von Hunderten von Gemeinden in Deutschland und in Amerika angenommen worden — es ist dies von keiner einzigen der Fall; die Gemeinden in Deutschland und Amerika haben längst und ganz anders reformirt, bevor die Westend-Synagoge in London erstand. Was Herrn N. F. besonders beunruhigt, ist, daß, wenn nicht eine gemäßigte Reform von den Rabbinen beschlossen würde, ein großer Theil der jüdischen Jugend dem Materialismus in die