Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1877)
- Date
- 1877-04-10
- Page
- Seite 241 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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241 durch gewinnende Liebenswürdigkeit, durch mustergültige Opferfreudigkeit sich ausgezeichnet. — Herr Oberbürgermeister Dr. Georgi ergänzte dieses Bild durch einige Erinnerungen an das politische und städtische Wirken des ihm nahe befreundet gewesenen Todten. All' seinem Denken, Reden und Thun sei der schöne Stempel des Zdealismus ausgeprägt gewesen, durch den allein er sowohl für die Stadt wie für seine Religionsgemeinde so Bedeutendes und Segensreiches geleistet habe. Dieser Idealismus, mit dem er vor 30 Jahren das erste Erwachen der Bestrebungen für Freiheit und Einigkeit in Deutschland begrüßt, habe ihn bis zu seinem Tode begleitet; er mache uns sein Andenken theuer. — Herr Oberrabbiner Dr. Landau überbrachte die Trauergrüße der Schwestergemeinde Dresden und pries das selbstlose, gemeinnützige, dem Wohle der Menschen geweihte Leben des Dahingeschiedenen als einen echten Gottesdienst; wer den Menschen wohlgefällig sei, ihnen Freude bereite und ihr Wohl fördere, der allein lebe ein gottgefälliges Leben. — Herr Dr. Livius Fürst endlich rief dem Verstorbenen im Namen ves akademischen Unterstützungsvereins „Humanitas" Worte des Dankes in die Gruft nach.— Gesänge schloffen die Feier, die in ihrer Würde und Herzlichkeit Zeugniß ablegte von der allgemeinen Liebe und Verehrung, die der Verstorbene sich bis über das Grab hinaus zu erringen gewußt hat." — Wir legen allerdings einen großen Werth daraus, daß der Oberbürgermeister der Stadt Leipzig am Grabe unv in dieser Weise das Wort ergriffen. Man erinnere sich, welcher Geist "der Intoleranz in Leipzig bis 1848 geherrscht! Daß Kohner's Persönlichkeit viel dazu beigetragen, diesen Geist der Unduldsamkeit aus Leipzig zu verbannen, ist gewiß, und dies gehört zu seinen wesentlichen Verdiensten! Vermischtes. Wir erhalten einen gedruckten Bericht über einen Vortrag, welchen Prediger Ziegler aus Liegnitz im „Berliner Unionsverein" am 26. Januar über „Das nachexilische Judenthum und die Synagoge" gehalten. Der Redner ging von dem Spruche aus: „Ihr wißt nicht, was Ihr anbetet; wir aber wissen, was wir anbeten, denn das Heil kommt von den Juden!" Wir erkennen gern an, daß Herr Prediger Ziegler wohlwollend und würdigend in der Beurtheilung des jüdischen Volkes unv Lebens und mit guter KennMiß der Verhältnisse, soweit sie sich äußerlich darstellen, verfährt. Er rühmt die Ausdauer unv Unerschütterlichkeir dieses Volkes, mit welcher es dem Eindringen res Hellenismus Widerstand leistete und selbst da, wo es sich, wie in Alexandrien, mit ihm vereinigte, voch sein religiöses und nationales Element vorwiegend erhielt. Nach dem Redner war es dadurch befähigt, der Boden zu sein, aus welchem das Christenthum erwachsen konnte, sowie sich Jesus selbst an der Messiashoffnung des jüdischen Volkes „ausrichtete". Daß ein gläubiger Christ nicht weiter zu gehen vermag, ist einsichtlich, und machen wir ihm daraus keinen Vorwurf. Dem Judenthume auch nach dem Entstehen des Christenthums aus ihm, noch ein eigenthümliches Leben,, eine besondere und allgemeine Mission zugleich zuzuerkennen, ist ihm ebenso unmöglich, wie er vem Entstehen des Islam aus demselben Judenthume eine Berechtigung zugestehen könnte. Nun gab es für uns Juden eine Zeit, und sie ist noch nicht lange vorüber, wo wir schon zufrieden waren, wenn man 'ein Verdienst unsrer Väter unv sei es in einseitigster Weise anerkannte. Jetzt können wir uns hiermit nicht begnügen. Die neunzehn Jahrhunverte, die wir seitvem durchlebt haben, und die uns in ihrer wahren Bedeutung erst in neuerer Zeit zum Bewußtsein gekommen, können wir nicht mehr als werth- und zwecklos durchstreichen lassen. Die Stellung der Religionen zu einander in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist deutlich hervorgetreten, und da ergiebt sich für das Judenthum der Vergangenheit wie der Gegenwart ein Inhalt und eine Mission, die über den beschränkten Kreis, innerhalb Dessen der gedachte Redner mit so vielen Genossen sich bewegte, weit hinausreichen. Einen naheliegenden Beweis bietet uns Herr Ziegler selbst, invem auch er sich in den Widerspruch verfallen läßt, die Lebenskraft der Juden bis in den todesmulhigen Kampf gegen die Römer höchlichst zu rühmen unv doch immer wieder von einem „erstarrten" Judenthum in der nachexilischen Zeit zu sprechen. Wie kann man lebenskräftig und erstarrt zugleich sein? Wie kann eine Idee in einem Volke zu dem heftigsten Widerstande gegen Hellenismus und Heidenthum begeistern und doch zugleich nichts als „erstarrt" sein? — Aber der jüdische Stamm erwies auch weiterhin eine außerordentliche Fülle von Lebenskraft, z. B., vaß er tausend und abertausend Colonien in allen Theilen der Welt gründete unv durch alle Jahrhunderte erhielt und immer in Derselben Pflege der monotheistischen Gotteslehre verblieb, deren Wurzeln er mit seinem Herzblute tränkte unv befruchtete. Und nicht weniger spottete das Judenthum der ihm zugeschriebenen Erstarrung. Denn erst mit dem Falle Jerusalems begann die volle und umfassenve Entwickelung des travitionellen Gesetzes, und reiste hier einen Reichthum von Geist unv Gemülh, an dessen Früchten sich seine Bekenner anderthalb Jahrtausende labten. Dies sinv Wahrheiten, die jetzt eigentlich auch dem christlichen Theologen nicht unbekannt sind. Aber sie einzugestehen, wehrt er sich noch immer unv verbleibt lieber in den gewohnten Redensarten. Erfurt, den 24. Mär; 1 >7 7. Höhere Handels-Fachschule. Unter dem Vorsitze des Herrn Regierung» ^'und Lchnlrarh Bieü fand heule die mündliche Prüfung der Abiturienten fiald Die acht Primaner der Anstalt erhielten s ä m m t l i ch das Zeugnis; der Reife, daS für den Einjährigfreiwilligen Dienst in der deutschen Armee bercchligt.