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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-10 · Heft 15 (10.4.1877) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 15 (10.4.1877)
Date
1877-04-10
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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240 Feuilleton. Moritz Löhner. Der Grabhügel hat sich über einen der besten und verdientesten Sohne des deutschen Israels geschloffen, und wir verweilen an demselben mit den schmerzlichsten Gefühlen der Trauer. Ueberblicken wir sein arbeitsvolles Leben mit einem Male, so erscheint uns Moritz Kohner in der Reihe jener ausgezeichneten Juden der Gegenwart, welche in sich die edelsten Bürgertugenden mit wahrhafter Begeisterung für ihre väterliche Religion und für die Erwerbung der Gleichberechtigung ihrer Bekenner vereinigen. Kohner hat ebenso unermüdlich als deutscher Patriot und als Bürger Leipzigs, wie 'als Borsteher der jüdischen Cultusgemeinde und Gründer und Vorsitzender des Israelitischen Gemeindebundes in Deutschland gestrebt und gewirkt. Er hat abermals Zeugniß dafür abgelegt, daß ein patriotisches und gemeinnütziges Schaffen mit der Bethätigung der jüdischen Ueberzeugung und des jüdischen Gemüthes nicht allein vereinbar, sondern vielmehr zusammentreffend und identisch ist. Gerade daß er in beiden Richtungen hin sich die unumwundenste Anerkennung gewonnen, verstärkt dieses Zeugniß. — Moritz Kohner war am 4. April 1818 zu Neuern in Böhmen geboren, besuchte zunächst die dortige Dorfschule, kam, zum Kaufmann bestimmt, als Lehrling nach Eperies in Ungarn und von dort nach Leipzig in das Handelshaus von Samson D. Fleischl. Später gründete er ein eigenes Commissionsgeschäft. Zu aller Zeit zeichnete er sich durch seine thatkräftige Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten aus und wurde 1866 in das Stadtverordnetencollegium von Leipzig gewählt, 1874 in den Stadtrath, Lessen erstes jüdisches Mitglied er war. Seit dem Jahre 1868 verwaltete er das Vorsteheramt der israelitischen Gemeinde. Von ihm ging der Gedanke, einen deutsch-israelitischen Gemeindebund zu gründen, aus, und mit unermüdlicher Anstrengung verwirklichte er denselben und leitete als Vorsitzender des Ausschusses die Angelegenheiten des Gemeindebundes bis zu seinem Hinscheiden. Als vor einigen Jahren in Sachsen sich eine nationale Reichspariei bildete, nahm er einen thätigen Antheil und wurde in den Ausschuß gewählt. — Der „Rath der Stadt Leipzigs widmete dem Verstorbenen (Leipziger Tageblatt vom 23. Marz) einen Nachruf, worin es heißt: „Unser College Kohner wurde, während er in voller Arbeit stand, von schwerer Krankheit ergriffen und nun vom Tode dahingerafft. In Ihm verlieren wir einen Mann, der, ausgestattet mit regem Geiste, gediegenem Wissen und festem Charakter, in treuer Hingebung an der gemeinsamen Arbeit zum Wohle unserer Stadt Theil nahm. Sein Andenken wird stets in Ehren gehalten werden." Ebenso that der „Vorstand und die Verordneten der Israel. Religionsgemeinde": „Wir verlieren in ihm einen Mann, der voller Begeisterung und Hingebung des ihm anvertrauten Ehrenamtes wartete und das Collegium, sowie die Gemeinde nach Innen und Außen in musterhafter Weise zu vertreten wußte. Sein Andenken wird in unserer Mitte ein gesegnetes und stets lebendiges bleiben." Aus der Sitzung der Stadtverordneten vom 21. Marz heißt es in dem Sitzungsberichte: „Herr Oberbürgermeister vr. Georgi erklärt, leider das Wort ergreifen zu müssen, um eine Trauerbotschaft hinzuzufügen. Ein hochverdienter Bürger, Stadtrath Kohner, sei heute nach längerem Leidenskampfe aus einem arbeits- und segensreichen Leben geschieden; der Verlust dieses gediegenen Mannes sei schmerzlich für die Stadt. Auch Herr Vorsteher Goetz feiert das Andenken des Dahingegangenen, der sich aus engen Verhältnissen zu einer bedeutenden Stellung in unserer Stadt aufgeschwungen. Zum Zeichen des Dankes erhebt sich das Collegium." In der Versammlung des „Städtischen Vereins" am 27. März entwarf Adv. Broda ein kurzes, von Verehrung für den Verewigten getragenes Lebensbild. Er bemerkte unter Anderem, Kohner's Leben sei ein Bild glänzender Bürgerlugend, selten habe Einer, sowie er mit unermüdlichem Streben gearbeitet an der Vervollkommnung seiner selbst und an der des öffentlichen Lebens, so weit er in feinem Kreise in rer Lage gewesen sei, Einfluß auf das öffentliche Leben zu gewinnen. Stets sei er geleitet worden von einem schönen und reinen Idealismus, aber nicht von einem solchen, der das Ziel aus den Augen verliere, sondern der begleitet wird von einem practischen, scharfen Verstände. Ueber die Beerdigung berichtet das „Leipziger Tageblatt" vom 24. März: „Gestern Nachmittag fand unter zahlreichem Trauergeleite die Beerdigung des verstorbenen Stadttaths Moritz Kohner statt. Die Spitzen der städtischen Behörden, der Vorstand der jüdischen Gemeinde und Hunderte von Leidtragenden aus allen Kreisen der hiesigen Bevölkerung folgten in langem Zuge dem Leichenwagen. Die Beerdigungsfeier auf dem Friedhofe wurde durch einen Choral, vorgetragen vom Gesangverein „Psalterion", und durch einen Trauergesang des Herrn Cantor Liebling eingeleitet. Herr Rabbiner vr. Golvschmidt führte hierauf in kurzen Umrissen ein Bild von dem Wirken des Verklärten vor, dessen Erfolge in seiner allezeit bewährten Gesinnungstüchtigkeit wurzelten. Nach altem jüdischen Brauche setze man großen Männern keine Denkmäler; ihre Werke seien ihre Denkmäler. Solche Denkmäler habe Kohner sich geschaffen in den organischen Einrichtungen, die er seiner Gemeinde hinterlaffen (namentlich für das Armen- und Unterstützungswesen) und in dem von ihm geplanten und in's Leben gerufenen Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, zu dessen Vorort die kleine Leipziger Gemeinde durch die ungewöhnliche Kraft ihres Vorstehers erhoben worden. Dem großen Vaterlande mit Begeisterung zugethan, für die Stadtgemeinde mit Hingebung arbeitend, habe er doch treuherzig zum Judenthum gehalten und fei mannhaft für dessen Ehre eingetreten. Als Mensch, als Freund und Familienvater habe er

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