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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-10 · Heft 15 (10.4.1877) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 15 (10.4.1877)
Date
1877-04-10
Page
Seite 239 (sequence 11)
Language
German
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239 Zwecke er unermüdlich fördern half. Die Regeneration des Orients schien Simon Deutsch von da ab zur Aufgabe seines Lebens zu machen, und es zog ihn im November vor. Jahres unwiderstehlich nach jenem Konstantinopel, wo sich so große Veränderungen theils vollzogen hätten, theils vorbereiteten. Dort schloß dem durch seine Ruhelosigkeit erschöpften Manne gestern der Tod die Augen. Um chn trauern zahlreiche Angehörige, deren Stütze und Ernährer er war, welchen zuliebe er mit stoischer Selbstverleugnung darauf verzichtete, sich selber die feste Stätte eines eigenen Herdes zu gründen. Herzinnige Begeisterung für die Demokratie, welche ihm eine heilige Glaubenssache war, selbstlose Hingebung an Alle, die er liebte, bildeten den Grundzug seines an Güte und Opferwilligkeit unerschöpflichen Wesens. Sein stürmisches Herz konnte ihn verleiten, politisch zu irren, indem er die Menschen für bester und edler hielt, als sie in der Regel sind, aber den Mann und Charakter Simon Deutsch ttifft kein Tadel deshalb, weil er ideal dachte und allezeit und unter allen Umständen seine hohe Sinnesart durch seinen Wandel und seine Handlungen bekräftigte. Koustautiuopel, 26. März. Der ottomanische Senat, vom Sultan erwählt, besteht aus 32 Mitgliedern, von denen 8 Nichtmuselmänner sind. Zu diesen gehört auch 1 Israelit, Davidjon Effendi. —. Agiman Effendi, der zum Mitgliede des ottomanischen Abgeordnetenhauses erwählt worden, und zwar durch die meisten Stimmen der Wahlmävner, ist der allgemein geachtete Chef des Hauses Connondo in Konstantinopel. In Ianina heißt der zum Abgeordneten gewählte Israelit Davidjon Effendi. Der in Belgrad in die Skuptschina gewählte Israelit heißt Oserowitsch. Konstantinopel, 26. März. (Privatmitth.) Sämmtliche europäische Zeitungen haben Berichte über die Eröffnung des ottomanischen Parlaments gebracht. Auch wir meinen, daß das constitutionelle Wesen noch viele Kämpfe und eine lange Zeit werde durchringen müssen, um zu einer wesentlichen und umgestaltenden Macht im ottomanischen Reiche zu werden; auch wir sind von Anfang an der Ansicht gewesen, daß es hier einen Bruch, nicht blos mit der türkischen Vergangenheit, sondern auch mit der ganzen islamitischen Tradition gelte. Wir glauben aber, daß es eine, für viele europäische Blätter nicht sehr ehrenvolle Frivolität gewesen, wenn sie sich über die Eröffnung des ottomanischen Parlaments lustig gemacht und die ganze Scene als Komödie behandeln. Bekanntlich besitzen die Orientalen, was die äußerliche Erscheinung betrifft, ein starkes Gefühl für Anstand und Würde, und diese fehlten der gedachten Scene vielleicht weniger als mancher europäischen Parlamentseröffnuvg. Sollte eL übrigens wirklich kommen, daß dieses ottomanische Parlament ein und das andere Mal durch Soldaten und Polizei nach Hause geschickt würde, so fehlte es auch hier an zahlreichen Beispielen aus Europa nicht. Der Gedanke aber, durch eine Vertretung des Volkes an der Gesetzgebung und Berwaltungscontrole theilzunehmen, ist überall kein neuer, sondern ein alter, der bereits in der mannichfaltigsten Form ausgeführt worden. Ist er einmal in einem Volke geweckt, so gleicht er dem Göthischen Zauberlehrling: die Geister sind gerufen und kehren nicht wieder heim. Wie ernst es im Geiste des ottomanischen Volkes lebt, erwies eine kleine aber charakteristische Scene bei der Parlamentseröffnung. Die Bertteter der Preffe waren hinter der Generalität placirt. Einige derselben unterhielten sich über die türkischen, armenischen, griechischen u. s. w. Deputirte. Da wandte sich ein Adjutant zu ihnen um, und sprach: „Meine Herren, hier giebt es keine Türken, Armenier, Griechen u. s. w.. sondern nur Ottomanen!" Die Kammer arbeitet jetzt an ihrer Geschäftsordnung, allerdings noch hinter verschlossenen Thüren. Man sagt, es geschehe dies, um die Deputirten und Senatoren erst an parlamentarische Ordnung zu gewöhnen. Wir hoffen, daß diese Geschäftsordnung bereits die Oeffentlichkeit vorschreiben wird. Nein, der Sturz des begonnenen constitutionellen Systems würde den Sturz des türkischen Reiches selbst bedeuten. Wie man die Sache also ansehe, von einer komischen Seite ist sie nicht zu betrachten: Diese würde sich sonst bald in eine ttagische verwandeln. Die Gleichberechtigung aller Bürger des Staates hat auch am Bosporus ihren Einzug gehalten, und muß früher oder später vollständig triumphiren. Pera, im März. Der „A. A. Ztg." schreibt man aus Pera: Jener schauerliche, den finstersten Zeiten des Mittelalters enisproffene Aberglaube, daß die Juden zur richtigen Feier des Osterfestes Christenblut anwenden, scheint noch immer sein unheimliches Wesen zu tteiben. Ein Griechenweib in Tschesuw zeigte der Ortsbehörde an, baß ihr Kind vermißt werde und daß sie sichere Nachrichten habe, daß die Juden des Ortes sich desselben bemächtigt haben. Der Kaimakam (Statthalter) befahl seinen Polizeisoldaten, in den Häusern des Juvenquartiers eine Hausdurchsuchung anzustellen, und dieses Gesindel führte den Auftrag mit aller ihm innewohnenden Brutalität aus, ohne etwas zu entdecken. Der Bursche wurde inzwischen in dem nahegelegenen Alazata aufgefunden, wohin er, wahrscheinlich aus Anstiften irgend eines fanatischen griechischen Pfaffen, geschickt worden war. Der Generalgouverneur von Smyrna, Sabri Pascha, der durch den Telegraphen von dieser Jnscenirung eines wüsten Treibens benachrichtigt war, befahl sofort, das Weib und ihre Helfershelfer nach Smyrna zu schicken. Falls aber die griechische 'Nation irgend eine Idee von den Pflichten ihrer Stellung hat, müßte sie vor allen Dingen eine strenge Untersuchung des Vorfalles verlangen und namentlich darauf bestehen, daß neben dem Frauenzimmer — la femme — auch der Kaimakam für den in Scene gesetzten Unfug verantwortlich gemacht würde. 15*

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