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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1877-04-10 · Heft 15 (10.4.1877) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
41 (1877)
Issue
Heft 15 (10.4.1877)
Date
1877-04-10
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
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238 Maßregeln ergriffen, nicht aber, daß er ermahnt habe. Die rumänische Regierung hat keinerlei Ermahnung erhalten, wohl aber durften die hiesigen fremden Vertreter die Untersuchung der Sache verlangt haben. Selbst wenn wir, fahrt Bratianu fort, eine ähnliche entehrende Note bekommen hätten, würden wir den Schutz der gesetzgebenden Körper nur dann verlangt haben, wenn wir eine Flotte und eine Armee zum Kriege bereitsteheu hätten. Was die Vorgänge in Vaslui betrifft, sagte der Minister, hat der frühere Minister Bernescu zwei Enqueten ernannt, von deren Resultaten jeder Senator und jeder Staat Kenntniß erhalten kann. Deschliu entgegnete darauf, daß, so oft die liberale Partei ans Ruder komme, so komme auch die Iudenfrage wieder, was der Idee der Verfolgung, die man uns zuschreibt, einige Autorität verleiht. Wir müffen uns daher rechtfertigen. Der Herr Minister, schließt Deschliu, hat uns weder etwas über die Präfecten von Daslui, die der Verfolgung bezichtigt sind, noch etwas über die Entschädigungen, die man von London verlangt, gesagt. Wir haben daher nicht einmal die Beruhigung, zu wiffen, ob man im Auslande erfahren werde, daß unsere liberale Regierung auf die gegen sie erhobenen Anklagen nicht antworten könne. Der Minister-Präsident replicirte darauf, er glaube nicht, daß man diese Frage officiell behandeln dürfe. Man hat Enqueten ernannt für Vaslui; der Präfect, constatirte man, stünde ganz außerhalb der Frage (!!), und was die anderen Forderungen der Israeliten betrifft, so seien sie Sache des Gerichtes... Ein Mitglied der erwähnten Commission theilte zum Schluffe mit, daß in Kürze der bezüglich der Petition der Juden gefaßte Beschluß dem Senate vorgelegt werden würde. Die nichtssagenden Ausflüchte des Herrn Bratianu widerlegen nicht nur nicht den Inhalt der Londoner Depesche, sie bestätigen ihn auf das kräftigste, und daß die englische Note eine ziemlich eindringliche sein müffe, geht klar aus den Stoßseufzern über den Mangel einer großen Flotte und Armee hervor. Die Behauptung, daß der Präfect Lupaschcu außerhalb der Frage stünde, gehört zu den größten Unverftorenheiten des Herrn Bratianu. Bukarest, 29. März. In einer Privatmittheilung d. Bl. Nr. 12 wurde bereits berichtet, daß im Districte Tecuffch vom dortigen Präfecten eine abermalige Judenaustreibung stattfindet. Heute wird von hier telegraphirt: In den Landgemeinden des Districts Tecutsch wurde von den dortigen Unterpräfecten und Maires die Austreibung von Juden, sowie sie Lupaschcu in Vaslui verübte, angeordnet. Der zur Constatirung der Thatsachen dahin abgesendete Delegirte der Wiener „Alliance isra61ite“ kehrte am Mittwoch mit der authentischen Liste von über hundert verfolgten Judenfamilien zurück. Bukarest, 22. März. Bekanntlich haben England, Frankreich, Italien, Holland und die Schweiz mit Rumänien nur eine allgemeine und provisorische Handelsconvention abgefchloffen, welche im Mai abläuft. In der gestrigen Kammersitzung trug Bratiano darauf an, diese Conventionen um 9 Monate zu verlängern, da eS unmöglich sei, bis zum Ablauf die definitiven Conventionen abzuschließen. Der „P. L." bemerkt hierzu: „Ein anderer Grund, welchen Herr Bratiano nicht angibt, dürfte der 'ein, daß die Regierungen von England, Frankreich und Italien es zur Bedingung des Abschluffes einer Handelsconvention gemacht haben, daß ihre israelitischen Unterthanen mit den christlichen dieselben Rechte genießen sollen. Diese Bedingung würde — wenigstens im gegenwärtigen Moment — in den Kammern auf einen entschiedenen Widerstand stoßen und die Regierung sucht deshalb Zeit zu gewinnen, um die Landesvertretung auf die Gleichberechtigung der ausländischen Israeliten, welcher die Emanzipation der rumänischen Israeliten folgen muß, vorzubeletten." Türkei. Koustantinopel, 25. März. Die „N. fr. Pr." schreibt: Wir erhielten heute von Konstantinopel die Nachricht, daß daselbst Simon Deutsch am gestrigen Abend im „Hotel d'Angleterre" zu Pera einem Schlagfluffe erlegen ist. Mit ihm ist wieder einer jener braven Oesterreicher dahingegangen, die den 13. März 1848 wie einen Auferstehungstag begrüßten und die heilige Flamme dieses Tages mit jener glühenden Begeisterung hüteten, welche völlig selbstlos sich der großen Bewegung hingab. Simon Deutsch war 1822 in Nikolsburg geboren und ließ sich 1844 bleibend in Wien nieder, wo er sich gelehrten Studien widmete. Nach einem Manuscripte der Hofbibliothek bereitete er die Herausgabe des Hebräischen Wörterbuches von Menachem ben Seruch vor. Ein ferneres Resultat seiner Studien war die Herausgabe ves Buches: „Die handschriftlichen hebräischen Werke der k. k. Hofbibliothek zu Wien", das in Braumüller's Verlag erschien und nicht weniger als 195 Handschriften mit raisonnirendem Texte verzeichnete. Die März-Ereigniffe warfen den jungen Gelehrten in andere Bahnen; er ward politischer Agitator und spielte in dem Bereinsleben jener Tage eine hervorragende Rolle. Er half Ministerien machen und stürzen und entwickelte eine fieberhaft regsame, unermüdliche Thätigkeit. Als Windischgrätz im October 1848 Wien cernirte, gehörte Simon Deutsch zu denjenigen, deren Auslieferung als Geiseln von dem Oberst -Commandirenden am Vorabende der Einnahme der Stadt verlangt wurde. Es gelang Simon Deutsch zu entfliehen und er begab sich über Leipzig nach Paris, wo er bis zur allgemeinen Amnestie als Flüchtling lebte. Er war ein immer thätiger, rastloser Streber und erwarb sich in Paris bald zahlreiche Freunde in den einflußreichsten und angesehensten Kreisen. Simon Deutsch widmete sich dem Bankgeschäfte. Während des Krimkrieges ging et in Geschäften nach dem Orient und stand späterhin nach dem Friedensfchluffe im regsten Verkehr mit den Chefs der juugtürkifchen Partei (Mustapha ^Fazhl Pascha, Zia Bey u. s. w.), deren

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