Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 41 (1877)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1877)
- Date
- 1877-04-10
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Literarischer Wochenbericht. Bonn, 28. Februar. iw» o^rar:. Cantiques «le Salomon Rossi, Hebreo. Das vorzüglich auSgestattete Werk befaßt zwei Theile. Der erste enthält Gesänge, Psalmen und Hymnen zu 3, 4, 5, 6, 7 und 8 Sümmen überschrieben und in Partitur gesetzt nach dem Original (Venedig 1620) durch S. Naumbourg, Cantor am Consistorialtempel zu Paris. Der zweite Theil bringt eine Auswahl von Madrigalen zu 5 Stimmen , überschrieben nach den besten ersten Ausgaben (Venedig 1500 und 1607) durch Vincent D'Jndy, veröffentlicht durch S. Naumbourg. (Paris bei S. Naumbourg. rne B6ranger 8. 187 7.) Herr Naumbourg, der fich durch seiner Chams religieux (s. Jahrgang 1875. S. 809. 843.) ein großes Verdienst um die synagogale Musik erworben hat, bringt uns hier eine Bereicherung derselben, welche zugleich einen wichtigen Beitrag zur Geschichte der Musik überhaupt liefert. Die höchst interessante vorausgeschickte Abhandlung des Herausgebers: „Essai sur la vie et les oeuvres de Salomon Rossi“ giebt uns hierüber Aufschluß. Der Verfasser hatte erstaunliche Mühe und vielen Scharfsinn zu verwenden, um einige Notizen über diesen bedeutenden Musiker und Componisten zusammeuzubringeu und den Namen des Vergessenen wieder aufzufrischen. »Kann man sich hierüber wundern," ruft er aus, „ist es nicht schon eine sehr erstaunliche Sache, daß ein Sohn Israels, ein Sohn dieses unglücklichen und verfolgten Geschlechtes in jener für die Juden so traurigen Zeit, wo in Italien die Inquisition noch allmächtig war, im vollen sechszehuten Jahrhundert, trotz der Treue für seinen Glauben und seinen Cultus dahin gelangen konnte, ein musikalisches Talent zu besitzen, groß genug, um sich einen Namen in der Kunst zu erwerben, daß seine Compositionen von Allen gesucht wurden, und einen Ruf zu erringen, der ihn befähigte, sich zum Mitarbeiter der berühmtesten Meister seiner Zeit empor zuschwingen?" Die Familie der o-Tan» Rossi, gegenwärtig erloschen, zählte zu den ausgezeichnetsten Geschlechtern in Mantua und Ferrara. DaS Haupt derselben war rer berühmte Rabbiner Asarja Rossi, der im Anfänge des 15. Jahrhunderts lebte Salomon Rossi war gegen 1570 zu Mantua geboren und empfing unzweifelhaft einen guten Unterricht im Hebräischen, verstand aber auch das Italienische mit Leichtigkeit zu schreiben. Er muß von Jugend auf Merkmale seiner bedeutenden musikalischen Anlagen gegeben haben, und fand in dem reichen Moses Sullam einem Mitgliede der bekannten Familie, einen Gönner, wie er auch res besonderen Schutzes des Herzogs von Mantua, Bincenz von Gonzaga, genossen haben muß. Herr N. giebt nun die nur nach vielen Forschungen und durch günstige Umstände ermöglicht« Liste der Werke Rossi's, beginnend mit dem ersten Buche von Canzonetten zu drei Stimmen, welches 1589 zu Venedig er schienen. 1600 erschien sein zweites Werk. DaS^ wichtigste, ori ginellste, dabei seltenste und am wenigsten gekannte Werk Rossi sind seine Gesänge auf hebräische Worte, welche der Herausgeber in diesem Werke wieder an's Tageslicht zieht. Sie waren 1620 in Venedig gedruckt. Herr N. ist wahrscheinlich der Einzige, welcher gegenwärtig ein vollständiges Exemplar dieser Comportionen besitzt, für welches er die einzelnen Sümmen sammeln mußte. Wie er dazu gelangte, erzählt er uns p. 12. Rossi erweist in seinen Compositionen, daß er sich die Wissenschaft der Harmonie und des Contrapunktes vollkommen angeeignet hatte; doch konnte er sich nicht entschließen, sich der gerade zu seiner Zeit emporgekommenen neuen Schule zuzuwendeu und man findet in seinen Compositionen keine Spur der Monodie. Hierüber bringt der Berf. eine interessante Schilderung. Dennoch, sagt Herr N., sind seine Psalmen würdig in unsren Tempeln gesungen zu werden, und man könnte glauben, daß sie gestern geschrieben eien. Die Arbeit, diese Musikstücke für den jetzigen Gebrauch umzuschreiben, war eine sehr mühevolle und erforderte die ganze Liebe zur Sache, wie sie Herr Naumbourg besitzt. Interessant sind auch die im hebräischen Original und in französischer Ueberetzung mitgetheilten Widmungsschrift Rossi's an Moses Sullam und die Empfehlung des R. Leon de Modena. Wir empfehlen daher das Werk dringend zur Verwendung in unsren größeren Synagogen. Unsre Meinung geht dahin, daß das musikalische Element bei unsrem Gottesdienste wohl zu pflegen, jedoch vor der Ausartung in Concerte zu schützen ist; ferner, daß wir uns hüten mögen, abgesehen von einigen alten, herkömmlichen Melodien, den musikalischen Theil wieder durch die beständige Wiederholung derselben Stücke erstarren, oder gar, wie der Versuch gemacht worden, einen Componisten zum Alleinherrscher in der Synagoge machen zu lassen. Darum ist jeder tüchtige Beitrag zur Synagogalmusik ein verdienstliches Werk und Herrn Naumbourg's Wiederbelebung eines alten regelrechten jüdischen Componisten sehr anzuerkenuen. — Vergleichende Grammatik der polnischen Sprache, verglichen mit der deutschen und hebräischen von Dr. L. M. Rabbinowicz. Paris Librairie de Luxembourg 16, rue de Tournon 16, und beim Verfasser, 63, rue de Seine. 1877. Ein deutsches Buch, ziemlich fehlerfrei, in Paris gedruckt, ist an sich schon eine Seltenheit. Nicht minder kommt diese Eigenschaft dem vorliegenden Werke wegen seines Inhaltes zu: eine Grammatik der polnischen Sprache mit Vergleichungen der hebräischen und der deutschen. Der Verfasser erklärt dieses eigenthümliche Unternehmen aus dem zweifachen Nebenzwecke, seine» polnischen Glaubensgenossen die Erlernung der polnischen Sprache zu erleichtern und näher zu bringen» sowie überhaupt etwas Tüchtiges für die polnische Sprache zn leisten, da dies, mit Ausnahme einiger in jüngster Zeit erschienenen Schriften, bis jetzt von den Juden nicht geschehen sei. Daß er zu sprachlichen Vergleichungen die deutsche und die hebräische Sprache gewählt, sei geschehen, weil die polnische, wie er nachweist, von der deutschen vielfach beeinflußt worden, und die hebräische oft Gelegenheit gäbe, zu zeigen, wie Sprachen, die sehr verschiedenen